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Kultur Ein tierisches Vergnügen

In Henry Purcells „The Fairy Queen“ wirbeln Musik, Tanz und Shakespeare-Worte wild durcheinander. In Stuttgart gelingt so ein turbulenter Abend über die Liebe

Das Spiel im oberen Foyer ist in vollem Gange: der Bräutigam wartet auf die Braut, Brautjungfern kreischen vor Erregung, dann die Trauung, der Zug der Hochzeitsgäste strebt mit den Zuschauern in den Saal, wo das Spektakel auf der Bühne im Schauspielhaus weitergeht. Regisseur Calixto Bieito und der musikalische Leiter Christian Curnyn sprengen in „The Fairy Queen“ nicht nur die räumlichen Grenzen. Seit 20 Jahren ist nach „König Arthur“ in Stuttgart wieder eine Koproduktion von Oper und Schauspiel zu sehen, die mit Henry Purcells Semi-Oper von 1692 nach William Shakespeares „Sommernachtstraum“ die Genres Gesang, gesprochenes Wort und Tanz wild durcheinander mixt.

Das gelingt in weiten Teilen hervorragend, schießt aber zuweilen über das Ziel hinaus. Hatten sich Lysander (Manolo Bertling) und Hermia (Caroline Junghanns) gerade noch das Jawort gegeben, sind sie, von ein paar Liebestropfen beträufelt, schon auf der Suche nach neuen Liebesabenteuern. Helena (Hanna Plaß) liebt Demetrius (Johann Jürgens), der wiederum Hermia für sich gewinnen will. Als eingerostetes Ehepaar grüßen der Elfenkönig Oberon (Michael Stiller) und seine Königin Titania (Susanne Böwe), die die Welt mit ihrem Gezänk ins Wanken bringen. Ein bisschen Zauberstaub von Puck (Maja Beckmann als liebenswerter, ausgekochter Kobold) und die Welt der Athener gerät unter einem Seifenblasen-Sternenzelt zum absurden Chaos: Alt und Jung, Werden und Vergehen, Gefährte und Gefährtin, Mensch und Tier. Man liebt und hasst sich gegenseitig und gemischt, schlägt und verträgt sich wieder.

Ein rosa Kaninchen, Tiermasken, Affen, Chinesen, Körperknäuel und alte Damen drängen, vom ausgezeichneten Staatsopernchor begleitet, über die für ein Feenreich zu puristische Drehbühne (Susanne Gschwender), die nur so tut, als wolle sie Wald sein. Am Ende weiß keiner mehr, ob er Männlein, Weiblein oder irgendeine andere Kreatur ist. Hätte man dem Geschehen jetzt noch Gelegenheit gegeben, Höhen und Tiefen zu entwickeln – es wäre ein verführerischer Abend geworden. Doch dafür fehlen in der durchaus ideenreichen Inszenierung die zarten Momente, der empfindsame Tiefgang für die melancholischen Augenblicke.

Dass eine Männergruppe die Braut mit Wasser bespuckt und Puck mit einer Maschinenpistole durchs Bild läuft, weckt Assoziationen, die man an einem solchen Ort nicht haben möchte. So bereitet das Ganze ein oberflächliches, dennoch grandioses, sozusagen tierisches Vergnügen. Auch wenn der schmale Streifen der vorderen Bühne, die zu zwei Dritteln vom Orchester eingenommen wird, keine großen Wege ermöglicht. Anders als der darstellerische Teil auf Deutsch geraten die Arien auf Englisch daher teils zu bewegungsarm.

Was berauscht, ist ihre gesangliche Leistung: Schillernd und biegsam gelingen die drei Sopranpartien für die in Zartrosa gehüllten Allegorien Mystery, Night und Spring, letztere (Josefin Feiler) dazu mit runden Höhen und weich federnden Koloraturen. Passabel auch die Tenöre, die als Queen of Secresie und Indian Boy auch darstellerisch glänzen, ebenso wie Arnaud Richard unter anderem als Hymen, Gott der Ehe, mit samtigem Bassbariton. Das hervorragende Staatsorchester Stuttgart mit Continuo aus alten Instrumenten ist unter der Leitung des Barockmusik-Experten Curnyn am Cembalo profunder Gestalter zügiger Bläser- und ruhiger Streicherpartien ebenso wie sensibler Begleiter, der den Geist vergangener Tage feinsinnig heraufbeschwört.

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