Mein
 

Kultur Ein packendes Stück über die Liebe

„Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ kommt in Lörrach als Lese-Inszenierung bei den Wintergästen auf die Bühne

Liebe hat immer Potenzial in alle Richtungen. Bei den „Wintergästen“, der Lesebühne im Dreiland, lernte man bereits die unmögliche und unglückliche Liebe kennen (Dostojewski). Bei der zweiten szenischen Lesung in dieser Spielzeit ging es um die Liebe, die fehlt und die Liebe, die nicht genügt.

In dem Theaterstück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ hat der französische Theaterautor Joël Pommerat das Thema Liebe in eine ganze Reihe von Szenen verpackt, die in keinem Zusammenhang stehen. Wie die Liebe im gesellschaftlichen Kontext funktioniert, zeigen verschiedene szenische Fragmente, in denen der preisgekrönte Dramatiker viele Aspekte des Lebens und der Beziehungen anspricht.

Einige charakteristische Situationen und Momente aus diesem rollen- und darstellerreichen Stück hat die Dramaturgin Marion Schmidt-Kumke ausgewählt. Ein dankbarer und anregender Stoff, zum Nachdenken und Diskutieren. Nicht nur, dass man mit Perspektiven von Wahrheit konfrontiert wird, es ist ein Spiel mit Erwartungen, der Wahrnehmung und dem Imaginierten, mit einer hohen Ambivalenz über Reaktion und Psychosen.

Die kurzen Stücke erinnern an Sartre und vor allem an Yasmina Reza, auch wenn die Erfolgsautorin etwas weicher und boulevardesker erscheint als Pommerat. In der Zuspitzung entstehen ziemlich irreale Bilder. Eine Frau und ein Mann engagieren für den Abend eine Babysitterin, doch die beiden Kinder gibt es gar nicht. Ein Albtraum. Oder die Geschichte der Frau, die ihren Mann verlassen will: Nicht, weil er sie nicht liebt, sondern weil „Liebe allein nicht ausreicht“.

Eine andere, nicht ganz realistische Szene mit einer dementen Frau und ihrem Mann zwingt in ihrer reduzierten Form ohne störendes Bühnenbild oder Kostüme zum Zuhören und macht klar, dass auch diese Menschen ganz normale Bedürfnisse haben (darüber redet man nicht gern!).

Das Stück mit dem etwas irreführenden Titel, der einmal symbolisch als Erklärung für Liebe erscheint, schlägt harsche aktuelle gesellschaftspolitische Töne an. Zu einer Ausweitung der Kampfzone kommt es in der Abhandlung über Liebe zu Kindern in der Gesellschaft – vor dem Pädophilie-Hintergrund eine brisante Angelegenheit.

Liebe im Krieg, eine (Pseudo?)-Vergewaltigung im Hotelzimmer, eine Sitzung beim Psychotherapeuten, Trennungsgespräche, Beziehungsprobleme vor der Hochzeit im Flur des Standesamts – ein ganzes Kaleidoskop an Szenen, die als Kammerschauspiel mit viel Dialogischem vom großen Wintergäste-Ensemble nachgestellt wurden. Dabei wurde der Zuschauer in einen Sog hineingezogen, weil die sieben Schauspieler Angela Buddecke, Emilia Haag, Christian Heller, Chantal Le Moign, Sibylle Mummenthaler, Stefan Saborowski und Doris Wolters in verteilten Rollen sehr differenziert agierten.

Nächste Wintergäste: Kurt Tucholsky „Schloss Gripsholm“, 24. Januar, 11 Uhr, Ackermannshof Basel.

Entdecken Sie die Heimat rund um Bodensee, Schwarzwald und Hochrhein mit SÜDKURIER Inspirationen!
Mehr zum Thema
Alle Kulturtexte vom Hochrhein.: Sehen Sie hier alle Kulturtexte vom Hochrhein.
Hallo Frühling – Neue Produkte bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Berlin
Berlin
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren