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Konstanz Ein einziger schmalziger Werbespot

Jan Böhmermanns Parodie auf den deutschen Pop-Song ist derart nah am Original, dass es schon gruselig ist

In der Musikbranche atmet man auf. Jan Böhmermanns Song "Menschen Leben Tanzen Welt" ist, nachdem er es kurz in die Top 20 der Internet-Anbieter iTunes und an die Spitze der Amazon-Downloads schaffte, wieder auf dem Abstieg. In den offiziellen deutschen Single-Charts schaffte er es nur auf Platz 10, wie in den vergangenen Tagen nicht ohne Erleichterung vermeldet wurde. Aktuell ist der Song weiter auf dem Abstieg.

Wieso eigentlich Böhmermann? Singt der jetzt auch? Ja und nein. Der Satiriker hatte den Song mit dem sinnfreien Titel "Menschen Leben Tanzen Welt" vor der Echo-Verleihung als Parodie auf die "seelenlose Kommerzkacke" der deutschen Popmusik konzipiert. Für den Text hat er Phrasen aus deutschen Popsongs, Werbeslogans und Kalendersprüchen zusammengetragen und ihre Reihenfolge von Zoo-Schimpansen festlegen lassen – und die Affen als Textdichter bei der Gema angemeldet.

Die Musik hat ein Mitarbeiter Böhmermanns in einer halben Stunde zusammengeschraubt ("mit etwas Discokick, Stadiontauglichkeit und ganz viel Gefühl"). Das zugehörige Musikvideo zeigt die üblichen Natur- und Tierbilder, leicht gekleidete Frauen, fröhliche und nachdenkliche Menschen in Zeitlupe – und Jan Böhmermann als Max-Giesinger-Verschnitt, wie er sinnierend in die Ferne schaut und singt. Und dabei natürlich auch immer wieder zu einem Dosengetränk greift, das dabei auffällig unauffällig ins Bild gesetzt wird. Wie Böhmermann die üblichen Klischees aufkocht und wieder zusammenrührt und sie mit dem treuen Hundeblick von Schwiegermamas Liebling vorträgt – das ist geradezu genial.

Wie hatte er es in seiner Sendung bei ZDF neo noch formuliert? "Der deutsche Pop der letzten zehn Jahre ist nichts anderes als ein einziger gigantischer schmalziger Werbespot". Er vermittle "leere gute Laune": "Gefühle abklappern, Trost spenden, Tiefe vorgaukeln, Millionen erreichen und verdienen und dabei immer schön unpolitisch und abwaschbar bleiben." Realitätsflucht-Musik ist das im Grunde. Da hat er schon recht.

Das Ergebnis der Böhmermann-Parodie ist derart verblüffend nah dran an dem üblichen Zuschnitt aktueller Pop-Songs, dass es einen fast schon gruselt. Kein Wunder, dass sich manch einer aus der Branche entlarvt fühlt und nun mit Bangen die Charts beobachtet. Denn Böhmermanns erklärtes Ziel ist es, mit dem Song so weit nach oben zu kommen, dass seine Affen im nächsten Jahr dafür mit dem Echo ausgezeichnet werden.

Daher also die Erleichterung. Über Platz 10 ist Böhmermann bislang nicht hinausgekommen. Er habe sein Ziel weit verfehlt, hieß es. Wieso eigentlich verfehlt? Selbst auf Platz 10, ja selbst auf dem momentanen Platz 33 der Single-Charts liegt Böhmermann noch immer vor den neuen Songs von Lena (Platz 58) und Lady Gaga (Platz 79). Natürlich hat der Song vor allem deswegen Erfolg, weil er als Parodie ins Rennen gegangen ist. Aber wer nicht genau hinhört und hinschaut, wird das nicht einmal bemerken.

elisabeth.schwind@suedkurier.de

Den Song "Menschen Leben Tanzen Welt" von Jim Pandzko feat. Jan Böhmermann sehen Sie hier: 

 

 

 

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