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Kultur Ein Fest der Sänger und des Lichts

Regisseurin Kirsten Harms inszeniert die Ferrari-Oper „Der Schmuck der Madonna“ am Musiktheater Freiburg

Im Theater Freiburg, Sparte Musiktheater, sind die Schatzgräber am Werk. Jetzt haben sie den „Schmuck der Madonna“ von 1911 ausgegraben, eine halb vergessene Volksoper des Deutsch-Italieners Ermanno Wolf-Ferrari (1876–1948). Neapolitanisches Volksleben in seiner Klangpracht, katholische Mystik und Mafia, die Dreiteilung der Frau in Mutter, Madonna und Hure – alles drin. Die auch musikalisch reiche Schatztruhe birgt zudem politischen Sprengstoff. Komponist Ferrari wurde zum Liebling der Nazis, versorgt mit einer Professur am „Reichsmozarteum“ in Salzburg. Ermanno Ferrari erwiderte zwar die Zuneigung von Ermanno Göring und Goebbels nicht, wehrte sich allerdings auch nicht dagegen. Er wollte bleiben, was man im Faschismus nicht sein kann: unpolitisch. Und heute?

Die Freiburger Inszenierung von Kirsten Harms entgeht gleichermaßen dem folkloristischen Postkarten-Kitsch einer Volksoper wie allen politischen Implikationen. Gut so? Immerhin geht es im Libretto um repressive Geschlechterpolitik: Die junge Frau Maliella wird von ihrer Ziehmutter und dem vermeintlichen Bruder eingesperrt. Sie will ausbrechen, wird von einer Camorra-Männermeute angetanzt, verliebt sich in deren wilden Anführer Rafaele, wird von ihrem Bruder vergewaltigt und nach Verlust ihrer Jungfräulichkeit von den Männern verachtet. Regisseurin Kirsten Harms widersteht der billigen Versuchung, Assoziationen an die Kölner Silvesternacht oder an die Lage der muslimischen Frau zu wecken. Überhaupt: Drastische Szenen wie Geschwisterliebe und Vergewaltigung tuscht sie im Weichzeichner weg. Was bleibt an Substanz übrig? Ein Fest der Sänger, insbesondere der Chöre unter Bernhard Moncado. Strahlender Mittelpunkt: Elena Stikhina als Maliella, begabt mit einem sensationellen Sopran.

Dass dieser Opernabend nicht nur sehr hörenswert, sondern auch unbedingt sehenswert ist, hat er zwei Künstlern im Hintergrund zu verdanken. Zum einen: Das Licht, perfekt geführt von Beleuchtungsmeisterin Dorothee Hoff, ist ein einziger Traum. Die Stimmungswechsel verfließen sanft mit der Musik; helles Fliederblau, Erdbeerrot, Pistaziengrün, Farben wie von Eiscreme – Gelati. Ja, wir sind in Italien. Dazu braucht es keine pittoresken Bühnenaufbauten. Nur dieses Licht, es wolkt, es träumt, es malt scharfe Lichtgassen, es taucht die Mafiosi in gefährliches Neonlila. Wenn Maliellas Leidenschaft aufflammt, dann nicht im theaterüblichen Klischee-Rot, sondern in einem wunderbaren Pistaziengrün, so irisierend grün wie ihr weit schwingender Seidenrock. Und dafür, für die exquisite Ausstattung, zeichnet Bernd Damovsky verantwortlich. Dass er der Mann der Regisseurin ist, mag Nebensache sein; hier ist ein Gesamtkunstwerk entstanden. Es betört. Zumindest im ersten Aufzug.

Hier hängt der Himmel nicht voller Geigen, hier schweben riesige Rosenkränze mit Kreuzen über dem Geschehen. Zwischen den Perlschnüren baumeln meterlange Beine, Arme und Hände – Votivgaben für geheilte Gliedmaßen. Schmerz, Religion und Aberglaube, Gewalt und Schönheit wohnen eng beieinander in dieser Inszenierung. Ihre treibende Kraft ist vom ersten Augenblick an die russische Spitzensopranistin Elena Stikhina als Maliella. Unschuldig weiß das Kleidchen, feuerrot die Haare, unbändig ihr Auftritt, dramatisch ihr Sopran. Sie singt, tänzelt und spielt quasi aus den Hüften heraus, ein erotischer Lockvogel, eingesperrt im Käfig. Scheinbar mühelos meistert sie die höchst anspruchsvolle Partie. Aggressiv spitz kann ihr Sopran werden, kann sich in höchste Koloraturhöhen aufschwingen, wenn sie frei sein will, kann verlockend girren und trillern und durchweg mit stabiler Strahlkraft auftrumpfen, unbesiegbar.

Diese Frau ist jedem gewachsen und allen Männern überlegen. Der Vorzug erweist sich leider auch als Nachteil. Zum einen geht Kirsten Harms Grundidee nicht auf, Maliella als Opfer der Männer und deren „krasser Doppelmoral“ zu zeigen. Weil die zwei Männer sängerisch und darstellerisch schwächer sind, wird nicht plausibel, warum sie Maliella besiegen können. Der türkische Bariton Kartal Karagedik ist als Rafaele zu unbeweglich, um ein verführerischer Mafia-Boss zu sein. Hector Lopez-Mendoza ist als Gegenspieler Gennaro ein Silberschmied von rührender Bodenständigkeit, geerdet von Mama, der pfundigen Mezzosopranistin Anja Jung. Doch wie schafft er es, Maliella zu vergewaltigen? Wir sehen es nicht. Der zweite Aufzug hängt durch. Und der dritte Aufzug begnügt sich mit einem unheiligen Abendmahl der Mafiosi samt ungelenkem Strip und unklarem Selbstmord.

Es ist der erste Aufzug, der betört. Dieses Singen und Schwingen im fließenden Farbwechsel und Schattenspiel. Wie die Madonna, weiß wie Gips, als Lichtgestalt aus dem Bühnenboden emporwächst, wie mit ihr die Stimmen der Chöre emporsteigen, als wüchsen sie aus den Orchesterklängen heraus, sich bündelnd in einer Arie, die wiederum aufgefangen wird im Chor, dann aufgehoben in Kinderstimmen, fortgeführt im Farbwechsel und Klangschillern der Harfe: Das ist ein stimmiges Gesamtkunstwerk, an dem das groß besetzte Philharmonische Orchester Freiburg unter Leitung seines Chefs Fabrice Bollon einen gewaltigen Anteil hat. Wir hören den ganzen Ferrari, den lyrischen, dramatischen und auch jenen, der Filmkomponisten wie Nino Rota inspirierte.

Was noch? Stürmischer Applaus.

Die weiteren Aufführungen: 10., 19., und 26.März; 8. April; 5., 9. und 12. Juni.

Karten und Infos:

www.theater.freiburg.de

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