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Kultur Ein Dienst an der Musik

Villinger Erfolgskonzert des Hilliard Ensembles mit Jan Garbarek könnte das Festival „VS swingt“ retten

Das Hilliard Ensemble mit dem Saxofonisten Jan Gabarek im Villinger Münster.
Das Hilliard Ensemble mit dem Saxofonisten Jan Gabarek im Villinger Münster. | Bild: Bild: Jochen Hahne

Vor zwanzig Jahren konnten einem diese vier Briten Angst machen. Sie galten als das beste Vokalquartett der Welt und sangen so perfekt, dass es fast unmenschlich war. Wenn überhaupt etwas zu kritisieren war, dann eine gewisse Kälte, die völliger Makellosigkeit manchmal anhaftet. 1994 nahm das Hilliard Ensemble zusammen mit dem norwegischen Saxofonisten Jan Garbarek die CD „Officium“ auf. Gregorianik plus Jazzimprovisation. Die Hilliards hatten sich von der Erde losgelöst. Das Album wurde ein Bestseller.

Heute, 37 Jahre nach Gründung, zwei von vier Mitgliedern sind inzwischen ausgetauscht, haben die Briten wieder Bodenkontakt. Am Donnerstag sangen sie im ausverkauften Villinger Münster, zusammen mit Jan Garbarek. Der Lack ist ab, so könnte man es sagen, wenn es nicht so negativ klingen würde. Denn atemberaubend gut sind sie immer noch. Aber sie lassen kleine Makel zu, die ihnen früher niemals durchgegangen wären. Mikroskopische Unsauberkeiten. Winziges Kräuseln der Stimme statt ständiger Marmorglätte. Als wollten sie sagen: Kein Stress, wir sind ja auch nur Menschen. Je länger das Konzert dauert, desto mehr fragt man sich, ob das ihre Musik nicht sogar besser macht als je zuvor.

Das Programm basiert auf dem aktuellen Album „Officium novum“. Statt ins europäische Mittelalter blicken David James (Countertenor), Rogers Covey-Crump (Tenor), Steven Harrold (Tenor) und Gordon Jones (Bariton) nun nach Osten, vornehmlich nach Armenien. Der Priester und Musikforscher Komitas Vardapet hatte dort um 1900 erstmals liturgische Musik gesammelt, geordnet und veröffentlicht. „Vor sechs Jahren“, erzählt Tenor Steven Harrold kurz vor dem Konzert dieser Zeitung, „waren wir in Armenien. Dort entdeckten wir für uns ganz neue Ideen.“

Neue Ideen, das heißt: Musik, der man die Jahrtausende anhört. Eigenarten in Harmonie und Melodie, die das westliche Ohr irritieren, ohne fremd zu wirken. Kunstfertigkeit, die sich in höchster Einfachheit verbirgt. „Surb, Surb“ zum Beispiel ist eines der Werke, die Komitas hinterließ. Wie kleine Wellen folgen bedächtig Phrasen aufeinander, die sich aus einem einzigen, lichten Akkord entwickeln. Es ändert sich ein Ton. Dann ein anderer. Das Licht ändert die Farbe. Mehr nicht.

Dort hinein setzt Garbarek mit dem Sopransaxofon seine Improvisationen, die mal wie Blitze aus dem Leuchten herausschießen, mal nur eine zusätzliche Farbe beisteuern und von den Stimmen der Hilliards im halligen Kirchenraum nicht zu unterscheiden sind. „Das funktioniert nur mit ihm“, sagt Harrold im Gespräch. Tatsächlich scheint Garbarek vorn im Altarraum vor allem zu hören, das Spiel ergibt sich daraus. Er wandert langsam im Raum herum, lässt den Saxofonklang mal von der einen, dann von der anderen Wand abtropfen, verschwindet in einem Nebenraum, um seinen Part zu dämpfen, und jagt immer wieder kurze Ausbrüche zur Münsterdecke, die so metallisch zurückschlagen, dass es beinahe schmerzt.

Das Verständnis unter den fünf Musikern ist dabei fast telepathisch. Die Hilliards kommunizieren mit Augenbrauen und winzigen Fingerbewegungen – und manchmal gar nicht. Dann zum Beispiel, wenn alle fünf langsam singend und spielend durch die Kirche wandeln und die Musik für den Hörer ihren Ursprungsort verliert.

„Officium“ kann man mit „Dienst“ übersetzen, mit „Pflichtgefühl“ oder „Zeremonie“. In diesem Sinne war das kein geistliches Konzert – sondern ein Dienst an der Musik.

Für die Macher von „VS swingt“, die vom Erfolg dieses und einiger weiterer Konzerte 2011 die Zukunft des Traditionsfestivals abhängig machen wollen, sollte das ein Vorbild sein. Und der Applaus des begeisterten Publikums ein Ansporn.

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