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Eignungstest für das Bodenseeforum

Bernd Konrads neues Werk für Chor und Orchester behandelt ein Flüchtlingsschicksal am Bodensee des Mittelalters. Mit der Uraufführung testete die Philharmonie die Gegebenheiten in dem neuen Konstanzer Haus aus

Ein Hauch von Großstadt wehte am Seerhein entlang. Tatsächlich wächst Konstanz mit dem Bodenseeforum als Veranstaltungshaus über seine bisherigen Grenzen hinaus. Sogar auf der weitläufigen Brache unter der Schänzlebrücke stellte sich vergangenen Freitag fast schon Parkplatznot ein.

Es gab ja auch genügend Grund zu einem Besuch im Bodenseeforum. Erstens die Eröffnung der Tage der Chor und Orchestermusik, die am Wochenende die Stadt zu einer Bühne für zahllose Amateurensembles machte, zweitens die Uraufführung von Bernd Konrads neuem Werk „Gnadensee“ durch die Südwestdeutsche Philharmonie und den Sinfonischen Chor Konstanz, und drittens der Eignungstest des Bodenseeforums für die Orchesterkonzerte der Philharmonie – drei Anlässe, die das Publikum strömen ließen.

Gut, was den Eignungstest des Bodenseeforums betrifft, so zeichnete sich schon seit einer Weile ab, dass das Konzil wohl auch in Zukunft unverzichtbar bleibt als Konzertsaal. Der Umbau des Centrotherm-Gebäudes zum Bodenseeforum stand ja auch nie unter dem Aspekt, einen Konzertsaal oder auch nur eine halbwegs brauchbare Alternative zum Konzil zu schaffen. Es gab keine Versprechen in diese Richtung. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Diese Hoffnung kann man nun endgültig begraben. Immerhin: das Bodenseeforum ist etwas großzügiger geschnitten. Das machte es möglich, die Südwestdeutsche Philharmonie in einer Besetzung auf die Bühne zu bringen, die das Konzil aus allen Nähten hätte platzen lassen, und sogar noch einen Chor dahinter zu stellen. Rund 200 Menschen musizierten hier gemeinsam – per se schon ein beeindruckendes Ereignis. Musiker und Publikum kamen so in den seltenen Genuss von Maurice Ravels Ballettmusik „Daphnis et Chloé“, einem wahren Klangfarbenbad, das ein richtig großes Orchester erfordert. Man hätte ihm bloß, ebenso wie Konrads „Gnadensee“, bessere Aufführungsbedingungen gewünscht.

Die mit Verlaub furztrockene Akustik unterstreicht nicht nur den Charme des Bürohauses, den das Bodenseeforum nicht losgeworden ist, sondern machte es an diesem Abend allen schwer. Dem Publikum, dem Orchester und dem Chor. Eine gute Akustik entscheidet sich ja nicht nur daran, was man in den hinteren Reihen noch hört, sondern auch daran, ob sich die Musiker und die Chorsänger auf der Bühne untereinander hören. Hören sie sich nicht, spielen und singen sie wie im Blindflug. Das erschwert das gemeinsame Musizieren – auch wenn, wie in diesem Fall, mit Ari Rasilainen der Chefdirigent des Orchesters am Pult steht.

Während die Philharmonie mit Widrigkeiten dieser Art professionell umzugehen weiß, tut sich ein Laienensemble wie der Sinfonische Chor da naturgemäß etwas schwerer – zumal wenn noch eine Uraufführung und somit ungewohnte Klänge auf dem Programm stehen. Trotzdem zeigte sich der Chor dem neuen Werk gegenüber aufgeschlossen und stellte sich der Herausforderung mit großem Engagement.

Konrads „Gnadensee“ ist der zweite Teil seiner Bodenseetrilogie und behandelt die mittelalterliche Rechtspraxis, nach der zum Tode Verurteilte von der Reichenau über den See nach Allensbach geschifft wurden, wo der Galgen auf sie wartete. Sollte während der Überfahrt der Abt auf der Reichenau die Glocken läuten lassen, so war der Delinquent begnadigt. So hat der Gnadensee der Legende nach seinen Namen erhalten.

In Konrads Komposition ist dieser Deliquent eine Frau, deren Not und Verzweiflung die holländische Vokalistin Greetje Bijma in markerschütternden, exaltierten und mit Gesten untermalten Soli erlebbar macht. Dass sie ihre Geschichte von der Flucht auf die Reichenau, bei der sie ihr Kind verliert, und von der zerstörten Hoffnung auf ein besseres Leben auf Englisch singt, mag ein Zugeständnis an das Jazzumfeld sein, in dem sich die Interpretin normalerweise bewegt. Es symbolisiert aber auch das Fremde, das auf die Sprachwelt der lateinischen Liturgie im Chor trifft. Die Parallelen zu heutigen Flüchtlingsschicksalen, die auf lebensgefährlichen Routen nach Europa führen, um dort vor verschlossenen Türen zu enden, liegen ohnehin auf der Hand.

Dem (von Wolfgang Mettler einstudierten) Chor kommt dabei eine spannende Rolle zu. Er eröffnet das Stück und führt mit seinen Anklängen an die Musik des Mittelalters und der Renaissance hin zum historischen Schauplatz. Doch geht es dabei nicht bloß um Stimmungsmalerei. Der Chor repräsentiert die Strenge des Gesetzes, das keine Ausnahmen duldet und selbst eine Hilflose zum Tod verurteilt. Weniger emotionale Anteilnahme als Regeltreue zeichnet den Chorsatz somit aus und schafft den größtmöglichen Kontrast zu der hochdramatischen Verzweiflungsmusik der Greetje Bijma.

Das Orchester dient dabei als Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es bereitet den Boden für die emotionalen Ausbrüche der Gefangenen, baut Spannung auf oder erzeugt Gefahrenstimmung. Formal haben wir es mit einer Gliederung in mehrere Abschnitte zu tun. Gelegentlich greift auch der Komponist selbst zum Saxophon. Seine Soli und die solistischen Duette mit Greetje Bijma zeugen von einer tiefen musikalischen Verbundenheit der beiden Künstler. Die Soli schaffen aber auch Ruheinseln im aufgewühlten See und funktionieren ein wenig wie die Arien in den Bach-Oratorien als Reflexionen en miniature, in denen die Handlung still steht. Dass sich nicht so ohne weiteres entscheiden lässt, ob wir es in dieser Komposition nun mit Jazz, klassischer oder neuer Musik zu tun haben, darf durchaus als Qualitätsmerkmal gewertet werden. Es ist schlicht und einfach Bernd Konrads Musik.

Ob die Deliquentin am Schluss doch noch begnadigt wird, bleibt offen. Zwar hört man wie aus der Ferne die Röhrenglocken läuten, doch durchzogen sie zuvor schon die Musik wie die Hoffnung den Kopf der Frau. Vielleicht hat sie es am Schluss ja doch noch geschafft. Wir wünschen es ihr. Ebenso wie wir Bernd Konrads „Gnadensee“ noch ein würdevolles Konzertleben nach der Uraufführung im Bodenseeforum wünschen.

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