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Kultur Ehekrieg im Tonstudio

Regisseur Christoph Loy drückt sich in Salzburg vor den Problemen von Strauss' „Frau ohne Schatten“.Dagegen werden DirigentThielemann und die Wiener Philharmoniker gefeiert

Das sieht gefährlich aus – „Färberin“ Evelyn Herlitzius mit der Axt in der Hand.
Das sieht gefährlich aus – „Färberin“ Evelyn Herlitzius mit der Axt in der Hand. | Bild: Bild: dpa

Man möchte den Regisseur Christoph Loy fragen, warum er Richard Strauss' 1919 uraufgeführte Oper „Die Frau ohne Schatten“ denn überhaupt inszeniert, wenn er so wenig damit anfangen kann. Problematisch ist das Stück gewiss, weil es Weiblichkeit so rigoros mit Fruchtbarkeit und Mutterschaft gleichsetzt, wie wenig später nur noch der Nationalsozialismus. Aber auch Richard Wagners „Tannhäuser“ oder der „Parsifal“ sind auf ihre Art höchst problematisch und werden dennoch immer wieder inszeniert. Darin liegt schließlich die Aufgabe der Regie, eine Lesart zu finden, die für die eigene Gegenwart eine Gültigkeit hat.

Loy stattdessen drückt sich vor den Problemen der Strauss-Oper, indem er ihr ein Regie-Konzept überstülpt, das letztlich darauf abzielt, wesentliche Teile der Oper konzertant aufführen zu können. Und das geht so: Wien, Sofiensäle, 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Decca hatte dort ein Tonstudio eingerichtet. Und so handelt Loys „Frau ohne Schatten“ davon, wie Richard Strauss' „Frau ohne Schatten“ auf Schallplatte eingespielt wird. Bühnenbildner Johannes Leiacker hat dafür einen der Sofiensäle samt Stuck und Marmorskulpturen eins zu eins nachgebaut. Und darin stehen nun also die Sängerinnen und Sänger vor dicken Fünfzigerjahre-Mikrofonen und singen sich durch Strauss' Partitur. Ein Aufnahmeleiter (Christoph Quest) verschiebt immer mal wieder die Pulte und stellt die Sänger um, damit zumindest ein bisschen Bewegung in die Szene kommt.

Das klingt einerseits nach Vereinfachung, entpuppt sich aber auch als Verkomplizierung. Denn zu der eigentlichen Opernhandlung tritt mit dem Sängerensemble der Schallplattenaufnahme eine weitere Handlungsebene hinzu. Natürlich vermischen sich beide Ebenen allmählich miteinander. So führt beispielsweise das Sängerpaar von Färber/Färberin auch im echten Leben einen Ehekrieg, der dem in der Oper dargestellten Ehekrieg bis auf den Buchstaben ähnelt - ähneln muss, denn er wird ja in Hofmannsthals Worten erzählt. Die Herausforderung für das Publikum liegt nun darin, herauszufinden, auf welcher Spielebene man sich gerade befindet. Oft hilft da nur ein Blick auf die Aufnahmelampe am rechten Bühnenrand. Leuchtet sie rot, weiß man: jetzt singen sie nur vom Ehekrieg. Ist sie aus, so weiß man: Jetzt zoffen sie sich wirklich.

Doch das Regiekonzept funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad. Irgendwann stellen sich Text und Musik quer. Denn dass eine Sängerin während einer Schallplattenaufnahme plötzlich irgendetwas vom Verkauf ihres Schattens faselt, ohne dass die anderen an ihrer Zurechnungsfähigkeit zweifeln, ist doch irgendwie merkwürdig.

Seltsam sind aber auch jene Momente, in denen die Schallplattenaufnahme unterbrochen wird – und die Musik aus dem Orchestergraben weiterrauscht als wäre gar nichts gewesen. Gelegentlich schwingt sie sich sogar dann erst so richtig symphonisch auf. Und Christian Thielemann am Pult der Wiener Philharmoniker lässt keine Gelegenheit ungenutzt, die Opulenz und Rauschhaftigkeit, aber auch die Brüche, die fast collagenartigen Wechsel zwischen Psychodrama und kristalliner Märchenwelt, vor denen Loy gekniffen hat, musikalisch wirkungsvoll in Szene zu setzen.

Richard Strauss hat hier fast nichts ausgelassen: Klangillustration und Psychogramm, der Griff in die üppige Farbpalette und dann wieder kammermusikalisch intime Passagen, schlichte Melodik und das Streifen der Atonalität, Melodram, Lyrik, Dramatik. Und obwohl Thielemann jedes einzelne dieser Extreme wie unter die Lupe legt, klingt die Partitur doch wie aus einem Guss. Das liegt wohl daran, dass er sie mit Strauss als „letzte romantische Oper“ auffasst. Viel Wagner klingt hier nach. Auch Thielemann hat eben ein Konzept – doch im Vergleich zu Loys geht es an jeder Stelle auf.

Im Solistenensemble erregt vor allem Evelyn Herlitzius als rückhaltlos hysterische Färberin großes Aufsehen. Ihr dramatisch flackernder Sopran scheint für diese Rolle wie gemacht. Rundum überzeugend auch Michaela Schuster, die als Amme zwar eine nicht sehr dämonische, aber genügend hinterhältige Strippenzieherin ist. Wolfgang Koch ist ihr in jeder Hinsicht untadeliger Ehemann Barak – ein Bariton ohne Ecken und Kanten. Stephen Gould ist ein Kaiser voller Leidenschaft. Sein Tenor klingt gelegentlich allerdings etwas angestrengt.

Anne Schwanewils' glockenheller Sopran passt gut zu der Lichtgestalt der Kaiserin. Bei Loy spielt sie ja eine junge Sängerin, die im Laufe der Opernaufnahme über sich hinauswächst. Die Zurückhaltung, die man zunächst dieser Rolle zuschreibt, will allerdings auch im letzten Akt nicht völlig weichen. Offenbar fehlt ihrer Stimme doch noch der Rest Dramatik, der hier notwendig wäre. Der frenetischste Applaus aber gilt Christian Thielemann. Das Publikum feiert ihn wie den Retter des Abends. Und das war er schließlich auch.

Weitere Aufführungen: 4., 11., 14., 17. und 21. August. Infos: www.salzburgerfestspiele.at

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