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Kultur Eclat-Festival in Stuttgart: Gewaltvolle Kommunikation

Wie politisch kann und will Neue Musik sein? Beim Eclat-Festival Stuttgart gab es unterschiedliche Antworten

Ein Stück über Druck auf eine Frau durch eine Gruppe von Männern. So beschreibt der französische Komponist François Sarhan das Hauptthema seines Musiktheaters, einem der zentralen Werke des diesjährigen Eclat-Festivals Stuttgart. Aktueller geht es eigentlich nicht. Eine Männergruppe gegen eine Frau – diese Stichworte reichen, um in sämtlichen Köpfen ein Szenario aufziehen zu lassen, das ebenfalls mit wenigen Stichworten umrissen ist: Silvester, Köln, Hauptbahnhof. Doch ganz so aktualitätsbezogen ist Sarhans „La Philosophie dans le Boudoir“ dann auch wieder nicht. Das wäre auch merkwürdig gewesen. Kompositionsaufträge wie diese haben einen Vorlauf von mindestens einem Jahr. Da sind spontane Reaktionen auf ein Ereignis in der Regel nicht möglich. Wohl aber auf virulente Themen.

Bei Sarhan geht es um Druckausübung auf Frauen, aber noch mehr geht es um Kommunikation und deren Subtexte. Die Idee ist bestechend: Mitten im Raum steht ein Tisch, um den die Akteure (die Neuen Vocalsolisten) sitzen, singen und spielen. Das Publikum ist in drei Gruppen rund um den Tisch platziert. Das ist entscheidend. Denn zwar sieht das gesamte Publikum dieselben Aktionen, doch die Phantasiesprache, die die Akteure singen und sprechen, wird für jede der drei Publikumsgruppen via Übertitel anders übersetzt. Das heißt, es werden drei sehr unterschiedliche Geschichten gleichzeitig erzählt, während der kommunikative Kern – die Aktionen und streng choreografierten Gesten am Tisch – immer dieselben sind.

Die Frau, die darin unter Druck gesetzt wird, ist im einen Fall Madame de Mistival aus Texten des Marquis de Sade, die ihre Tochter Eugénie vor den Sexualpraktiken der Libertins retten will, dann aber selbst Opfer sexueller Folter wird; im zweiten Fall ist es Ulrike Meinhof im RAF-Prozess, drittens eine Geschäftsfrau, die von einem Konkurrenzunternehmen mittels Erpressung dazu gezwungen wird, die Seiten zu wechseln.

Doch bei aller Brillanz der Grundidee, aus drei verschiedenen Handlungen ein und denselben Kern gewaltvoller Kommunikation herauszuschälen, enttäuscht die Umsetzung. Sie krankt schon daran, dass jeder Publikumsteil nur eine der drei Geschichten erfährt, ihm der Witz des gesamten Stücks also verschlossen bleibt. Auch die choreografierten Aktionen selbst bleiben zu allgemein und die musikalischen Mittel zu bescheiden, um die Subtilität der Vorgänge zu einem packenden Spiel zu machen.

Politisches Komponieren

Es stellt sich die Frage, wie Komponisten in ihrer Musik überhaupt politisch Stellung beziehen können – zumal, wenn sie rein instrumental bleibt. Reicht es da, wie Dietrich Eichmann einen pamphletartigen Text ins Programmbuch zu stellen („Jetzt äußert sich der Musiker selbst.

Deutschland ein Sicherheitsproblem“), wovon sich – über die konfuse Aussagekraft hinaus, die sich auch in der Musik widerspiegelt – nur mit viel Fantasie etwas in dem zugehörigen Stück „Offener Vollzug“ wieder finden lässt? Mehr Eindruck hinterließ da im selben Konzert mit dem Ensemble ascolta Dror Feilers Stück mit dem sperrigen Titel „32° 43' Nord 33° 31' Ost / Den 10 gewidmet“. Der Titel benennt die geografischen Koordinaten, an denen die israelische Armee ein Schiff mit Palästinensern angriff, wobei es zehn Todesopfer gab. Feiler, selbst Israeli, aber in Schweden lebend, hatte an der Aktion „Ship to Gaza“ teilgenommen. Inzwischen ist er von Israel als Staatsfeind geächtet und darf bis 2025 nicht mehr in das Land einreisen.Auch hier teilt sich der politische Hintergrund nicht unmittelbar in der Musik mit, wird aber mit dem Wissen darum deutlich spürbar. Feiler, ohnehin als Komponist der brutalen Lautstärke berühmt-berüchtigt, führt die Musiker (und das Publikum) hier an die physische Grenze des Spielbaren (bzw. des Ertragbaren), schafft es aber, unter der Oberfläche der extremen Lautstärke einen rhythmisch differenzierten Subtext zu entfalten. Die Aufführung geriet zu einem der eindrücklichsten Programmpunkte im Festival.

Die Rückkehr des Wohlklangs

Wie immer, wenn innerhalb von wenigen Tagen viele Uraufführungen und noch mehr kompositorische Handschriften zum Zuge kommen, muss jeder Versuch, sie unter das thematische Dach einer vermeintlichen Zeitströmung zu packen, scheitern. Dennoch fielen im diesjährigen Eclat-Jahrgang bemerkenswert viele Beiträge auf, die die Rückkehr des Wohlklangs wie eine Selbstverständlichkeit behandelten. Und es fällt auf, dass die Komponisten dieser Stücke einer jüngeren, in den Siebziger- und Achtzigerjahren geborenen Generation angehören. Offenbar hat sie die noch von der Nachkriegsgeneration gepflegte Schönklang-Skepsis inzwischen abgelegt.Aber auch vom Publikum kommt kein Widerstand mehr. Nicht einmal zu Klaus Langs „viola.harmonium.orchester“, einem 50-minütigen Wellness-Klangbad (gespielt vom RSO Stuttgart des SWR), das auch in einer Sauna seinen Zweck erfüllen würde. Mahlerschen Weltschmerz hingegen zelebrierte Lars Petter Hagen (ebenfalls mit Harmonium!) in „Harmonium Repertoire“ (Cikada Ensemble). Marko Nikodijevic ergänzt Fragmente aus einer Chopin-Nocturne mit elektronischen Effekten des Dub-Techno zu einem Stück Elektronik-Romantik für vier Gitarren (Aleph Gitarrenquartett). Und Anna Korsun transferiert Tier- und Naturlaute in eine hübsche Klanglandschaft.Interessanterweise kamen die überzeugendsten Werke im Festival dann doch von einem Komponisten und einer Komponistin, die sich bereits seit Jahren mit steter Qualität einen Namen gemacht haben. Beat Furrers doppelchöriges Stück „Spazio immergente II“ (SWR Vokalensemble Stuttgart) und Rebecca Saunders Orchesterstück „Void“ überzeugten vor allem durch ihre Klangfantasie und eine fes selnde Dramaturgie. Und plötzlich spielt es auch keine Rolle mehr, ob es politische Stücke sind oder sie sich einer ästhetischen Strömung zuordnen lassen.

 

 

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