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Kultur Die bunte Welt der Sprechblasen

Der deutsche Comicmarkt ist im Umbruch und präsentiert sich durch den Siegeszug von Graphic Novels vielseitiger denn je

Es ist und bleibt: ein Comic. Nur der Name hat sich geändert. Ein genialer Marketing Schachzug. Seitdem Comics als „Graphic Novels“ verkauft werden, ist sie endlich da, die große Anerkennung. Buchhandel und Feuilleton schwärmen und neben den bekannten Comicverlagen entdecken mehr und mehr Literaturverlage die Sprechblasenkultur. Selbst Suhrkamp verlegt inzwischen Graphic Novels. Und auch Marktführer Panini, bislang auf Superheldencomics spezialisiert, versucht sich vermehrt in diesem wachsenden Sektor.

Bei Graphic Novels handelt es sich um keine Comicserien, sondern um abgeschlossene Geschichten. Während ein klassisches Comicalbum in der Regel 48 farbige Seiten hat, sind Titel mit weit über 300, meist schwarz-weißen Seiten keine Seltenheit. Graphic Novels richten sich zudem an ein erwachsenes Publikum. Inhaltlich ist die Bandbreite groß. Von Literaturadaptionen wie „Im Westen nichts Neues“ über Reisereportagen bis hin zu Biografien ist nahezu jedes Genre vertreten. Auffallend viele Autoren verarbeiten autobiografische Erlebnisse. Die Zeichnungen spielen eine eher untergeordnete Rolle. Auf die Handlung kommt es an. „Wir sind der Verlag mit den schlecht gezeichneten Comics“, räumt Sebastian Oehler vom Reprodukt Verlag, der führend im Bereich der Graphic Novels ist, selbstironisch ein.

Insgesamt erschienen im letzten Jahr 3238 Comictitel, wie das Jahrbuch „Comic Report“ vermeldet. Das bedeutet eine Steigerung um 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Unter den Neuerscheinungen finden sich 806 Mangas. Die japanischen Comictaschenbücher, die wie im Original von hinten nach vorne und von rechts nach links zu lesen sind, haben sich behauptet. Mit den Mangas gelang es den Verlagen eine neue Zielgruppe für den Comic zu gewinnen: junge Mädchen und Frauen. Die ersten Manga-Titel erschienen Mitte der 90er-Jahre. Inzwischen ist das Zielpublikum älter geworden und die Verlage reagieren entsprechend. Immer öfter finden auch anspruchsvolle Manga-Titel, die sich an ein erwachsenes Publikum richten, ihren Weg nach Deutschland.

Älter geworden sind auch die Freunde der klassischen Comicalben. Viele erinnern sich wehmütig an die Helden ihrer Kindheit, die in Comicmagazinen wie YPS, ZACK oder Fix & Foxi abgedruckt wurden, zurück. Solche Serien sind für die Verlage eine sichere Bastion. Die wichtigsten Klassiker – von dem Mittelalterfunny „Johann und Pfiffikus“, in dem die Schlümpfe ihren ersten Auftritt haben, über den Westernklassiker „Cartland“ bis hin zu der Agentenserie „Bruno Brazil“ – liegen inzwischen in Form von edlen Gesamtausgaben vor. Unzählige weitere Reihen wie „Spirou“ oder „Percy Pickwick“ stehen in den Startlöchern. Die hochpreisigen Bände, die mit vielen Zusatzinformationen angereichert sind, wenden sich an ein kaufstarkes Publikum, das seine Lieblingsserien in einer adäquaten Sammleredition ins Regal stellen will. Neue, junge Leser werden dadurch kaum gewonnen.

Carlsen und Egmont (früher: Ehapa), die über lange Jahre den Comicalbenmarkt beherrschten, haben sich aus diesem Sektor weitgehend zurückgezogen und setzen heute primär auf Graphic Novels. Bei Egmont wurde sogar ein eigenes neues Label für Graphic Novels gegründet. Die entstandene Lücke füllt der Splitter Verlag, ein Verlag aus Bielefeld mit gerade einmal fünf festen Mitarbeitern, der bis zu elf Comicalben im Monat herausbringt. Die Aufmachung – Hardcover, Fadenbindung – entspricht dem französischen Original und hat mit den billigen Kioskalben nichts gemein. Hinzu kommt eine ganze Reihe von rührigen Kleinverlegern, die schon zufrieden sind, wenn sie von einem Album 1000 Exemplare verkaufen können. Zahlen, die für die großen Konzerne wie Carlsen und Egmont bei weitem nicht ausreichen. Ein Bestseller wie „Asterix“ bleibt die große Ausnahme. Von dem im Oktober erschienenen 35. Band „Asterix bei den Pikten“, dem ersten des neuen Autorenteams Ferri und Conrad, wurden gut eine Million Exemplare verkauft. Kein anderer Titel auf dem deutschen Comicmarkt erreicht auch nur annähernd diese Zahlen.

Die Auflagenzahlen sind insgesamt rückläufig. Dafür wächst das Angebot. Allein Panini hat im letzten Jahr 849 Titel auf den Markt gebracht. Zumeist hängt man sich an populäre Stoffe. Neben den Superhelden, die sich Dank Kinoerfolgen wie „Avengers“ oder „X-Men“ wieder großer Beliebtheit erfreuen, gibt es kaum eine Fernsehserie oder ein Computerspiel, zu dem nicht auch eine Comicversion erscheint. Einer der größten Erfolge ist die bei Cross Cult erscheinende Zombieserie „The Walking Dead“.

Das Angebot für junge Comicleser ist erfreulicherweise gewachsen und beschränkt sich nicht mehr nur auf „Petzi“, „Die Schlümpfe“ und„Yakari“. Die Verlage haben erkannt, wie wichtig es ist, junge Leser für den Comic zu gewinnen. Reprodukt spielte den Vorreiter und lancierte eine ganze Reihe von anspruchsvollen Kindercomics. „Comics werden wieder Kinderkram“, warb der Verlag. Und so präsentiert sich der Comic im Jahr 2014 vielseitiger denn je. Die Zeiten, in denen Comics als Schundliteratur verschmäht wurden, sind endgültig vorbei.

Tipp: Vom 19. bis 22. Juni findet in Erlangen der 16. Comic-Salon statt. Weitere Informationen im Netz: www.comic-salon.de

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