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Kultur Die Welt der kargen Zeichen

Der US-amerikanische Künstler Richard Tuttle präsentiert im Kunstmuseum Winterthur sein formales Alphabet

Hans Arps Skulptur stehe, sagt Richard Tuttle, auf dem Sockel der Sprache. Den US-amerikanischen Künstler begeistert an Arp, dass er nicht nur Bildhauer, sondern auch Dichter war. Sprache und Skulptur seien in seinem Werk miteinander verbunden. Als das Kunstmuseum Tuttle anfragte, ob er es sich vorstellen könne, zusammen mit Arp in Winterthur auszustellen, war sofort sein Interesse geweckt. Und so wird die sehenswerte Hans Arp Ausstellung, die Ende Januar startete, von gleich zwei parallelen Ausstellungen flankiert. Zum einen wird Arp mit William Tucker ein klassischer Bildhauer zur Seite gestellt. Richard Tuttle wirkt wie ein Gegenprogramm. Der 1941 geborene Künstler ist alles andere als ein klassischer Bildhauer. Die Bezüge zu Arp sind jedoch nicht zu übersehen.

Tuttle bewundert Arp. Seine Begeisterung ging so weit, dass er Arps Gedichte im deutschen Original las. Er schätze an Arp, dass dieser „etwas ohne Leine, Haltung, Meinung, Programm in die Welt setze oder tatsächlich irgendetwas einfach als das, was es ist.“ War während der Vorbereitungszeit für die Ausstellung noch geplant, dass Tuttle auch ältere Arbeiten zeigen würde, erhielt Winterthur Mitte Dezember letzten Jahres eine ebenso überraschende wie erfreuliche Mitteilung. Tuttle teilte mit, er arbeite an einem Alphabet.

Und es wurde nicht nur ein Alphabet, sondern sogar deren zwei. In der Ausstellung sind nun diese beiden neuen, dreizehn und zwanzig Arbeiten umfassenden Werkzyklen erstmals öffentlich zu sehen. Es sind radikale Arbeiten. Purer Minimalismus. Alle Werke bestehen aus braunem Wellkarton, der zu verschiedenen Formen geschnitten wurde. Nicht akkurat oder symmetrisch, sondern gewollt nicht perfekt und manchmal sogar unverkennbar schief. Der Karton wurde zumindest teilweise mit groben Pinselstrichen farbig bemalt. Mal findet sich ein gemaltes „x“, mal ist die Farbe nur am Rand. Zwei kleine Nägelchen fixieren jede Arbeit an der Wand. „Als wir die Werke auspackten“, schwärmt Dieter Schwarz, Direktor des Kunstmuseums, „schienen sie profanes Material zu sein, doch dann erlebten wir den magischen Moment, als diese Pappen auf der Wand montiert wurden und sogleich zu Bildern wurden, die Wand und Raum spürbar in Besitz nahmen.“

Der Werkzyklus führt uns in die Welt der Zeichen. Das formale Alphabet besteht aus Symbolen. Die einzelnen Werke haben klar umrissene, charakteristische Umrisse. Doch es handelt sich um willkürliche Festlegungen. Diese Zeichen bilden nichts ab. Der Titel der Ausstellung führt weit zurück – bis in die Zeit Homers. Das altgriechische Wort „Kallirroos“, was sich mit „schön-fließend“ übersetzen lässt, faszinierte Tuttle. Alles ist im Fluss. Die beiden Werkgruppen sind zwar miteinander verwandt, doch es gibt auch zentrale Unterschiede. Der Zyklus zieht sich durch zwei große Ausstellungsräume. Hier haben die Arbeiten Raum, um sich zu entfalten. Die zweite, 13-teilige Serie ist dichter gehängt. Aber entscheidender: Die Arbeiten springen regelrecht in den Raum. Es handelt sich nicht länger um flache Bildobjekte, sondern um regelrechte Reliefs, entstanden durch Knicke und Öffnungen der Pappe.

Tuttle feierte seinen künstlerischen Durchbruch in der Mitte der 1960er-Jahre. Der Minimalismus und die Pop-Art regierten. Tuttle suchte seinen eigenen Weg. Er misstraute der Übereinstimmung von Objekt, Form und Bedeutung. Er wollte die festen Kategorien von Zeichnung, Malerei und Skulptur aufheben und stattdessen dem Betrachter eine besondere – visuell-ästhetische – Erfahrung ermöglichen. Tuttles formales Alphabet, erklärt Dieter Schwarz, sei ein Zeichensystem, „das allein für die Wahrnehmung und nicht für das Erkennen geschaffen ist“. Es seien Zeichen, die keinen Schlüssel, aber die hellwachen Sinne der Betrachter erfordern. Eine Herausforderung ist Tuttles Beitrag ohne Frage. Spannend ist es, nachdem man das formale Alphabet eine Weile auf sich wirken lässt, im Anschluss in die Räume mit den Werken von Arp zu wechseln – man sieht sie mit anderen Augen.

Richard Tuttle. Kallirroos. Kunstmuseum Winterthur, Museumstr. 52, Winterthur. Bis 24. Juni, Di bis So 10-17 Uhr, Di bis 20 Uhr. Weitere Infos:

www.kmw.ch

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