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Kultur Die Sogkraft des Abstrakten

Abstrakte Kunst ist vielfältiger als gedacht: Der Kunstverein Konstanz zeigt zehn Spielarten

Muss Kunst gedämmt werden? Und falls ja: welche Energie wird dadurch gewonnen? Max Schulze hat Styroporplatten vor die Leinwand gesetzt. Rasterförmig bedecken sie das Bild. Doch an einigen Stellen sind die Platten aufgebrochen und geben den Blick frei auf die darunter liegende in Grau- und Gelbtönen gehaltene abstrakte Komposition. Die Entstehungsgeschichte des abstrakten Gemäldes ist speziell. Schulze, Jahrgang 1977, hat einen Feuerlöscher mit Farbe gefüllt und losgesprayt. Die anfängliche Zufallsstruktur wurde anschließend detailliert überarbeitet. Man könnte auch sagen: reglementiert. Dann kamen die weißen Dämmplatten, die wie eine Schneeschicht über dem abstrakten Bild liegen. Die Verbindung von Styroporschicht und Gemälde erzeugt ein ganz neues Werk.

Max Schulze ist einer von zehn Künstlern, die jetzt zusammen im Kunstverein Konstanz ausstellen, und Mitglied der Künstlergruppe Suckstract. Ein Kunstwort, das das englische Wort für Wirbel oder Sog enthält. Die Sogkraft des Abstrakten soll herausgestellt werden. Dabei sind die Positionen, die die zehn Künstler – fünf Frauen, fünf Männer – vertreten, höchst unterschiedlich. Gemeinsam ist den Mitgliedern von Suckstract, die bereits in Berlin und Remscheid zusammen ausgestellt haben, nur, dass sie alle in etwa gleich alt sind, abstrakt arbeiten und überwiegend in Berlin leben.

Auch Gabriel Vormstein lebt und arbeitet in Berlin. Geboren aber ist er in Konstanz, aufgewachsen auf der Reichenau. Eine seiner Arbeiten besteht aus Pappmaché, Plastikschnipseln und echten Blumen. Einen ganz anderen Charakter hat die zweite Arbeit des Künstlers: „Bolts“ ist auf Zeitungspapier gemalt. Seine Spannung bezieht das großformatige Bild aus dem Kontrast zwischen den zum Teil noch lesbaren Zeitungstexten und der schwarz-weißen, streng geometrischen Malerei.

Die zehn Künstler und Künstlerinnen experimentieren mit den verschiedensten Materialien. Oft kommen billige Materialien zum Einsatz, ähnlich wie in der Arte Povera.

Shila Khatami etwa arbeitet mit industriell hergestellten Hartfaserplatten mit gestanzten Löchern, auf die sie expressive schwarze Pinselstriche oder auch mal schwarze Dreiecke setzt. Purer Minimalismus. Michaela Zimmer packt ihre abstrakten, meist monochromen Bilder in durchsichtige Folie ein, deren Faltenwurf die Oberfläche belebt. Auf die Folie sprüht sie in einem Fall ein flüchtiges Zeichen ohne Bedeutung. Direkt daneben ein in Folie verpacktes nahezu rein schwarzes Quadrat, das unschwer als Hommage an Kasimir Malewitschs legendäres „Schwarzes Quadrat“, das als die Ikone der abstrakten Kunst gilt, zu deuten ist.

Während Henry Kleine mit digitaler Drucktechnik großformatige Bilder in knalligem Grün oder Lila kreiiert, die dennoch sehr gestisch wirken, bleicht Anja Schwörer Jeansstoffe. Ohne jeden Farbauftrag entstehen faszinierende vegetabile Strukturen, die an Lichtspiegelungen auf dem Wasser denken lassen. Dani Jakob hat ein textiles Geflecht über einen Bilderrahmen gespannt. Ein weiteres abstraktes Bild, das ohne einen Pinselstrich entstanden ist. Ralf Dereichs vergleichsweise ganz klassisch gemalten Bilder irritieren mit eigentümlichen elementaren Formen, die auf einem monochromen Hintergrund schweben. Julie Oppermanns Arbeiten täuschen die Augen mit psychedelischen Op-Art-Mustern. Für Abwechslung ist in dieser Gruppenausstellung reichlich gesorgt. Abstrakte Kunst ist vielfältiger als manche gedacht haben dürften.

Im Verbindungskorridor zwischen dem Kunstverein und der Wessenberg-Galerie prallen die zehn Spielarten der abstrakten Kunst noch einmal auf engstem Raum aufeinander. Eine gute Möglichkeit, die einzelnen Ansätze miteinander zu vergleichen. Zurück in den großen Ausstellungsraum. Einer der spannendsten Beiträge kommt von Daniel Lergon. Seine Bilder verdanken sich einer chemischen Reaktion. Er trägt Eisen auf Kupfer, bzw. Wasser und Eisen auf Kupfer auf. Wenig berechenbare, gleichwohl höchst beeindruckende Farbverläufe entstehen. In einem Fall eine knorrige Struktur, im anderen eine eher flüchtige Form. Rost statt Farbe. Ein faszinierender Effekt.

Suckstract, Kunstverein Konstanz, Wessenbergstr. 39/41, Konstanz. Bis 24. April,

Di–Fr 10–18 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr.

www.kunstverein-konstanz.de

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