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Oper Freiburg "Die Sache Makropulos" am Theater Freiburg zeigt den Tod als Erlösung

Das Theater Freiburg bringt Leoš Janáceks Dreiakter „Die Sache Makropulos“ auf die Opernbühne. Es ist eine komplizierte Geschichte über die Vor- und Nachteile des ewigen Lebens – wohl zu kompliziert, sagt unser Kritiker

Sie war am Theater Freiburg bereits eine prachtvolle „Königin von Saba“ und eine furiose „Carmen“. Jetzt brilliert die Mezzosopranistin Katerina Hebelková als Emilia Marty in Leoš Janáceks Dreiakter „Die Sache Makropulos“. Die Hebelková ist keine eitle Belcanto-Diva. Sie tut nicht schön. Sie ist viel mehr. Mit beinahe animalischem Temperament ersingt und erspielt sie sich ihre schwierigen Partien und die tragischen Frauen-Figuren. Emilia Marty nun ist geradezu eine Paraderolle für die Sängerin aus dem tschechischen Jihlava.

Emilia Marty, das ist die Frau, die 337 Jahre alt ist. Als sie 16 Jahre alt war, probierte der Vater, königlicher Leibarzt, ein lebensverlängerndes Mittel an ihr aus. Es wirkte. Äußerlich ist Emilia eine junge, verführerische Frau. Innerlich jedoch ist sie derart liebes- und lebenserfahren, dass männliche Verehrer sie unendlich langweilen. Sie schwankt zwischen Hohn, Resignation und Herrschafts-Allüren. Janácek hat diese Frau musikalisch wunderbar doppeldeutig charakterisiert. Und die Hebelková trifft exakt den richtigen Seelenton – zwischen mädchenhafter Lyrik und zunehmend harter Expressivität. Zunächst zieht sie sich in wenigen lyrischen Passagen in die Erinnerung zurück, danach werden ihre Ausbrüche immer brachialer, riskanter, verzweifelter. Emilia ist eine Getriebene. Um ihr Leben um weitere 300 Jahre verlängern zu können, sucht sie mit allen (erotischen) Mitteln nach dem Rezept ihres Vaters für das Elixier. Als sie es am Ende bekommt, verzichtet sie aber freiwillig, um sich im Tod und in weich-lyrischen Klängen erlösen zu können.

Emilia ist die erste Hauptfigur des zweistündigen Abends, die zweite ist das Orchester. Wie das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Gerhard Markson die Ouvertüre losbrechen lässt, die Schlagwerk-Denotation, die aufzuckenden, zündelnden Violinen – das ist schiere Energie. Eine Energie, die den speziellen (dem Sprechgesang ähnlichen) Parlando-Stil dieser Oper vehement vorwärts peitscht. Es gibt keine Arien, dafür aber überaus expressive Rezitative – die Dialoge zwischen Emilia und den Männern, die ihr verfallen sind. Und damit fangen die Probleme dieser Inszenierung von Vera Nemirova an. Wer ist wer?

Die Janácek-Oper, changierend zwischen Spätromantik und Moderne, wird naturgemäß auf Tschechisch gesungen. Dabei ist sie außergewöhnlich textlastig, sodass der Zuschauer gezwungen ist, unentwegt die Zusammenhänge aus der Übertitelung abzulesen und mühsam zu rekonstruieren – oft vergeblich. Ein Stammbaum, zur Ouvertüre projiziert, verweist auf die beteiligten Familien und die vielen Namen der 337-jährigen Emilia. Aber wer sind die vier Herren, die Emilia umschwirren wie Motten das Licht? Schlag‘ nach im Libretto! Jaroslav Prus (Juan Orozco) will Sex von Emilia, dabei ist er der Nachkomme eines ihrer bereits toten Liebhaber. Sein Sohn Janek (Christoph Waldle) bringt sich um, weil Emilia ihn mit dem eigenen Vater betrügt. Albert Gregor (Michael Bedjai) liebt Emilia von Herzen, dabei ist er ihr Ur-Ur-Ur-Enkel. Alles klar? Hinzu kommt noch ein Herr mit Leierkasten und Luftballon, in Opern-Klischees für Poesie zuständig und hier für echte, treue, alte Liebe.

Die bulgarisch-deutsche Opernregisseurin Vera Nemirova schafft es nicht, die – eingestanden hoch komplizierte – Geschichte auf der Bühne zu verdeutlichen. Dass die Zeit für Emilia still steht, zeigen die stillstehenden Zeiger einer riesigen Uhr; hier hat sich Bühnenbildner Jens Kilian vermutlich vom Pariser Musée d’Orsay inspirieren lassen. Dass Emilia im Libretto eine berühmte Primadonna ist, wird schon weniger deutlich. Oper in der Oper, diese Regie-Möglichkeit wird verschenkt. Vertan wird auch jegliche Aktualisierung, anknüpfend etwa an Don DeLillos jüngsten Roman über medizinische Lebensverlängerung und Unsterblichkeit. Dass Vera Nemirova mit ihrer Inszenierung, wie sie sagt, Probleme der Anti-Aging-Industrie aufzeigen will, ist ein reines Lippenbekenntnis. Auf der Bühne ist davon nichts zu sehen, sondern überwiegend konventionelles Steh- und Geh-Theater – mit einem Ausnahmetalent: Katerina Hebelková als Emilia. Wenn sie am Ende stirbt, beginnt die Uhr auf der Bühne wieder zu laufen. Dankbarer Applaus.

Die nächsten Vorstellungen von "Die Sache Makropulos" gibt es am 1., 3., 9., 18. und 23. Dezember 2016 sowie am 6. und 18. Januar 2017. Informationen und Karten: www.theater.freiburg.de

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