Mein

Kultur Die Islamkritik und ihr Islam

Über die Streitschrift „Die Panikmacher“ von Patrick Bahners

Deutschland gehört in Europa kaum zu den Spitzenreitern in der Abwehr des Islam. Ein Staatschef, der wie Präsident Sarkozy in Frankreich sämtliche Register der Fremdenfeindlichkeit zieht, wäre hier undenkbar. Hier müsste er sich etwas anderes einfallen lassen als diesen Typ von Demagogie, um seine prekären Chancen auf Wiederwahl zu verbessern. Und verglichen mit einer politischen Karriere wie der von Geert Wilders in den Niederlanden, die einen ausgemachten Hetzer in das Zentrum der Macht geführt hat, ist der Streit um Thilo Sarrazin in der SPD nur eine Farce.

Aber die Deutschen holen auf – und kräftig. Das ist der Befund der Studie über „die deutsche Angst vor dem Islam“, die Patrick Bahners jetzt vorgelegt hat. Der Autor selbst nennt sie bescheiden eine „Streitschrift“. In Wahrheit haben wir hier eine profund recherchierte, scharfsinnig durchdachte und zudem selten elegant geschriebene Auseinandersetzung mit der islamfeindlichen Stimmungslage in Deutschland vor uns. Es ist noch immer nur eine Unterströmung. Die Kraft, das Parteiensystem durcheinander zu bringen, hat diese Spielart des Populismus in Deutschland bislang nicht. Aber unterhalb dieser Ebene wächst ihr Einfluss. Ein glattes, staatsmännisch unverfängliches Sätzchen wie das des Bundespräsidenten über den Islam, der zu Deutschland gehöre, vermag helle Aufregung hervorzurufen.

Auch die Formel vieler deutscher Politiker, man müsse die Sorgen und Ängste „der Menschen“ endlich ernst nehmen, spiegelt den Konformitätsdruck. Man könnte den Menschen ja auch sagen, ihre Ängste und Sorgen seien überspannt. Der typische kulturkämpferische Hardliner mag bei uns noch Kreide gefressen haben. Deshalb jubelt er ja so über jeden Schreihals. Aber Denken, Emotionen und Verhaltensformen im Umgang mit den Muslimen befinden sich auch hier auf einer abschüssigen Bahn Richtung Vorurteil, Feindbild, Intoleranz – so lässt sich dieses neue „deutsche Wintermärchen“ zusammenfassen.

Die Einbruchsstelle für diese Inflation der Verhärtung und für die schleichende Aufkündigung des Zusammenlebens auf der Basis der Respekts vor dem Anderen kann in einer soweit gefestigten liberalen Demokratie wie der deutschen nur ein eklatantes Missverständnis sein: das Selbstmissverständnis der frischgebackenen Aggressivität als der legitimen Erbin – und zwar der alleinigen – der erhabenen, alten Aufklärung. Das Kapitel über Necla Kelek und ihren markanten publizistischen Beitrag zur vermeintlichen Aufklärung der deutschen Öffentlichkeit über die Unhaltbarkeit von „Multikulti“ ist denn auch das Kernstück des Buches. Auch das Meisterstück; denn die selbsternannte Aufklärerin entpuppt sich in der Analyse ihrer Bestseller und sonstigen öffentlichen Stellungnahmen unversehens als eine „Fortschrittliche“ von vorgestern, als eine Westlerin kemalistischer Provenienz, die uns den autoritären, illiberalen Modernitätsbegriff der klassischen türkischen Republik vermachen möchte.

Ironischerweise in einem Moment, da er in der Türkei selbst seine epochale Vorherrschaft bereits eingebüßt hat. Wer sich unter dem Eindruck des Kelekschen Bastards von Aufklärung (aber auch an Alice Schwarzer, Ralph Giardano, Hendryk Broder ist hier zu denken) vielleicht gerade erst korrigiert hat; wer den Islam als Religion oder vielmehr die religiös geprägte – oder nur religiös drapierte? – Alltagskultur der hiesigen Muslime oder andersherum die alltagskulturell, patriarchalisch geprägte Gläubigkeit dieser Leute oder einfacher gesagt: diesen ganzen unmöglich verfilzten Problemkomplex als akutes, drängendes politisches Problem zu sehen gelernt hat, der wird nach der Lektüre dieses überlegenen Essays seine Korrektur korrigieren müssen. Aber was ist mit der praktischen politischen Leistung, auf die die Islamkritik so stolz ist: der Kritik an den jahrzehntelangen Versäumnissen der deutschen Integrationspolitik? Patrick Bahners untersucht diese Frage unter anderem an zwei exemplarischen Konfliktfällen, in denen die Islamkritik mit ihrem bodenlosen Generalverdacht gegen alle hier lebenden und gegen alle hier ankommenden Muslime die offizielle Politik einmal maßgeblich beeinflussen konnte: dem Rechtsstreit über das Kopftuch einer baden-württembergischen Lehrerin und dem dann kläglich gescheiterten Projekt eines „Muslim-Testes“ für Einwanderungswillige ebenfalls in Baden-Württemberg. Der Leser sieht sich hier mit fundamentalen Fragen konfrontiert: Mit welchem Recht versagt man einer regulär ausgebildeten und unbescholtenen Lehrkraft die Ausübung ihres Berufes, nur weil sie aus persönlichen Gründen auf einem bestimmten Kleidungsstück beharrt?

Die Schule ist für die Schüler da – wieso verlangt es diese Selbstverständlichkeit, eine solche Lehrerin in ihrer Persönlichkeit zu verletzen und in ihren beruflichen Chancen zu schädigen? Was ist das für ein Rechtsstaat, der sich dieses Recht einfach nimmt – ohne jeden Anhaltspunkt für ein pädagogisches Fehlverhalten der so Ausgegrenzten? Und was für ein Staat ist das, der Zuwanderern mehr abverlangen möchte als Korrektheit, als formelle Gesetzestreue: nämlich ein „Bekenntnis“ zum Staat, eine „innerliche“ Identifizierung mit Deutschland? Ein Rechtsstaat kaum.

Patrick Bahners

: „Die Panikmacher“. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift. Verlag C.H. Beck, München. 320 S., 19,95 Euro

Ihre Meinung ist uns wichtig
Hervorragende Weine vom Bodensee
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Literatur
Kultur
Weil am Rhein
Musik
Kino
Los Angeles
Die besten Themen
Kommentare (4)
    Jetzt kommentieren