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Kultur Die Banalität des Bösen

Regisseur Jan Bosse bringt Arthur Millers „Hexenjagd“ am Zürcher Schiffbau auf die Bühne. Ein Tanz zwischen Gott und Teufel

In der „Dämmerstunde“, sagt Richter Danforth (Jean-Pierre Cornu), möge es vorkommen, dass sich „das Gute mit dem Bösen mischt“. Heute aber sei keine Dämmerstunde. Heute herrsche die „strenge“, die „genaue Zeit“. So genau, dass sich zwischen Schuld und Unschuld ganz unzweifelhaft unterscheiden lässt: hier der Teufel, dort der Engel, dieser ein Tugendbold, jener ein Verbrecher. Wer also ist die Hexe?

Nein, eine Dämmerstunde lässt sich wahrhaftig nicht ausmachen in diesen Tagen, in denen sich jedermann gewiss zu sein scheint über Gut und Böse. Lügenpresse, Nazipack, Gutmenschentum, Asylbetrüger: ein Stimmungsbild in Schwarz und Weiß, dazwischen gibt es nichts und wenn doch, so handelt es sich um vermintes Gelände. Regisseur Jan Bosse ist im Zürcher Schiffbau klug genug, dieses Gebiet gar nicht erst zu betreten. Arthur Millers „Hexenjagd“ belässt er im puritanischen Salem, Massachusetts, des 17. Jahrhunderts, wo man die Bürger der Reihe nach an den Galgen bringt: in der Hoffnung, irgendwann den einen zu finden, der sich mit dem Teufel verschworen hat. Sie suchen ihn auf einem staubigen Dorfplatz. Das Publikum sitzt ringsum auf vier Tribünen verteilt, hinten ragen die Kulissen eines klassischen Westerndorfes empor (Bühne: Stephane Laimé).

Puritanisch lebt man hier nur dem Anschein nach. Pastor Parris (Nils Kahnwald) nimmt erst mal einen Schluck aus dem Flachmann, bevor er sich um seine an Wahnvorstellungen erkrankte Tochter Betty (Sofia Elena Borsani) kümmert. Die wiederum dürfte sich vor allem zum Selbstschutz wie von Sinnen im Bett wälzen. Hat sie doch der sauffreudige Papa bei Nackttänzchen mit ihren Freundinnen erwischt: eine Todsünde im sittenstrengen Salem, die sich allenfalls durch einen Befall von bösen Geistern entschuldigen lässt. Und weil auch Bettys tanzwütige Kameradinnen bald erkennen, dass so ein vermeintliches Leiden unter teuflischen Kräften offenbar vor Strafe schützt, geht bald im Dorf eine Sorge um. Die armen Mädchen: Es muss sie jemand verhext haben!

Vielleicht war es ja Elizabeth Proctor (Carolin Conrad), die gerade von ihrer Magd Mary (Lisa-Katrina Mayer) eine Puppe geschenkt bekommen hat. „Aha!“, ruft Ermittler Ezekiel Cheever (Ludwig Boettger) beim Durchstöbern der Wohnung: „eine Puppe!“ Was, fragt Elizabeth ahnungslos, bedeutet das: eine Puppe? „Aha!“, ruft Cheever wieder und zieht etwas aus der Puppe hervor: „eine Nadel!“ Was, fragt Elizabeth, bedeutet das: eine Nadel?

Für Cheever bedeutet es, dass der Leibhaftige im Hause Proctor weilt. Für Elizabeths Mann (Markus Scheumann) dagegen, dass eine Intrige im Gange ist. Hat er sich doch erst vor Kurzem außerehelich mit Marys Freundin Abigail (Dagna Litzenberger Vinet) vergnügt, die mit dem vergifteten Puppengeschenk wohl ihre Konkurrentin aus dem Weg räumen möchte. Das fromme Salem: Es ist doch eher ein Sodom und Gomorrha.

Sie vermuten das Böse in Geistern, die gleich Bazillen wahllos ihre Opfer heimsuchen. Dabei offenbart es sich mitten unter ihnen als banaler Ausdruck persönlicher Interessen: Kinder wollen ihrer Strafe entgehen, eine Magd ersehnt den Aufstieg. Dem Missverhältnis aus der Banalität des Bösen einerseits und seiner mystischen Überhöhung andererseits gewinnt Bosse wunderbar erhellende Momente ab. Pastor Parris etwa, der langhaarig und schnauzbärtig eher an einen Rockstar erinnert als an einen Geistlichen, offenbart nach Hinrichtung der ersten Bürger eine geradezu infantile Freude am morbiden Spiel, rammt inbrünstig Kreuze in den Boden, als sei er selbst vom Teufel besessen. Großartig ist das, wie Nils Kahnwald diese Zerstörungslust zur Geltung bringt, eindrucksvoll auch Dagna Litzenberger Vinet als dämonisch unterkühlte Abigail sowie Markus Scheumann in der Rolle des erst an Gott und dann am Teufel verzweifelnden John Proctor.

Wer den Terror überlebt, sieht sich nicht als Davongekommener, sondern als Sieger. Der „politische Messias“, heißt es am Ende frei nach Herman Melville, sei gekommen: „Er ist gekommen in uns!“ Der Samen zur nächsten Hexenjagd keimt schon.

Die nächsten Aufführungen: 12., 13., 17., 18., 20. Januar. Weitere Termine im Februar.

www.schauspielhaus.ch

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