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Kultur Die Angst und der geheime Jubel über den Weltuntergang

Die Schlagwörter Charlie Hebdo und Houellebecq locken. Ein Kolloquium an der Universität Konstanz zur Islamismus-Debatte stößt auf großes Interesse

Man hatte sich am Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration“ an der Universität Konstanz schon ins Zeug gelegt. Mit dem Münchner Literaturwissenschaftler Clemens Pornschlegel, unter anderem Kenner des französischen Bildungssystems, und dem Kölner Ethnologen Martin Zillinger, der sich mit religiösen Erneuerungsbewegungen im mediterranen Raum befasst, war die Stimme der „reinen Wissenschaft“ vertreten.

Thomas Steinfeld, ehemals Leiter des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung und heute deren Rom-Korrespondent, trat bereits mit seinen Beiträgen zur Islamismus-Debatte in Erscheinung. Selbst ein renommierter Medienmann, erscheint ihm die Rolle von Medien in der Debatte doch nicht unerheblich. Weiter in die Praxis und in den Raum Konstanz führte die Gesprächsrunde mit der örtlichen Integrationsbeauftragten Elke Cybulla sowie mit Elke Haase, die beim Jugendamt Konstanz tätig ist und dort täglich mit sogenannten „unbegleiteten Minderjährigen“ zu tun hat, die als Flüchtlinge ankommen. Die Gesprächsfäden in der Hand hielt an diesem Abend der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke.

Stehen Michel Houellebecq und sein Buch „Unterwerfung“ als Menetekel für den Untergang des westlichen Wertesystems und damit des jüngst so viel zitierten Abendlandes? Hat der Roman den terroristischen Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo sogar provoziert?

Als Literaturwissenschaftler warf Clemens Pornschlegel einen Blick auf Interpretationen dieser Art. Der Roman ist nach seiner Einschätzung weder die Utopie eines anstehenden Islamismus noch eine Beschreibung der gegenwärtigen französischen Politik. Vielmehr zeige er eine Gesellschaft des historischen Verfalls, einen „Selbstmord des Westens“, der keine kohärente Vorstellung mehr davon habe, was eine Gesellschaft zusammenhält.

Von einem „Kulturkampf“ habe dies bei Houellebecq nichts, der Islam stehe mit seinem Wertesystem lediglich als „stärkster Anwärter“ bereit. Vielmehr ist es im Roman der Westen selbst, der durch seinen „libertinären Konsumismus“ untergehe. „Es ist der geheime Jubel des Romans, dass diese Welt untergeht“, schloss Pornschlegel sein Statement.

Auch für Thomas Steinfeld gibt es nicht nur einen starren Antagonismus zwischen den Wertesystemen, vielmehr spiegelten sie sich ineinander, sind somit aufeinander bezogen. Bereits vor Erscheinen des Romans „Unterwerfung“ habe man die Schreckensvision eines Islam erwartet, der die Welt übernommen hat. „Aber Houellebecq ist ein kluger Mann, man kann sich auf ihn verlassen“, sagte Steinfeld, um den Roman auch gleich zu verlassen und beim Anschlag vom 9. September in New York einzusetzen. Dass dies ein unvorstellbares Verbrechen war, sei einfach nicht wahr – man denke nur an den Film „Independence Day“. Neu sei aber die absolute Militanz.

„Fundamentalismus hat viel damit zu tun, dass man Zweifel in sich abtöten muss“, lautet dann der Satz, der Steinfeld dazu bringt, wiederum zum Gedanken der gegenseitigen Spiegelung zurückzukehren: Auch die westliche Wertegemeinschaft werde fundamentalistischer, „die Menschen beginnen sich zu gleichen“. Umgekehrt sei der Islamismus infiziert von den Kommunikationstechniken des Westens, wovon die Machart der Propagandavideos Zeugnis ablegt. Auf der Medienschiene blieb Steinfeld auch im Blick auf die Karikaturen. Die Karikatur, die im 19. Jahrhundert aufkam, sei eine Verfallsform. Längst habe sich Entlarven in bloßes Schmähen gewandelt, das nur die Verletzlichkeit des anderen prüfe.

Unter welchen Rahmenbedingungen Blasphemie überhaupt als solche gewertet wird oder Bestand hat, darauf ging Martin Zillinger ein. Als Beispiel diente ihm ein Vorkommnis in Marokko, wo ein ritueller Geschlechterwechsel erst in dem Moment als blasphemisch angesehen wurde, als ein Video davon auf YouTube auftauchte. 2007 dämmte die Regierung die Reaktion ein, verhinderte die weitere „Entgrenzung“. Umgekehrt der Fall der dänischen Mohammed-Karikaturen. Hierbei handelte es sich um den „erfolgreichen“ Versuch, ein regionales Ereignis zu internationalisieren. Zudem sei keine kirchliche, religiöse oder staatliche Organisation vorhanden gewesen, um Einfluss zu nehmen. „Durch den Verzicht von Institutionen zugunsten von Einzelnen oder Gruppen ist eine schwer kontrollierbare Entwicklung in Gang gesetzt worden“, so der Ethnologe.

Kleinräumig betrachtet scheint da die Welt noch fast in Ordnung zu sein, da man gegenseitig Dialogbereitschaft zeigt. So zumindest sieht es die Integrationsbeauftragte der Stadt Konstanz, die ihre Stelle noch als „Ausländerbeauftragte“ antrat, die sich ums operative Geschäft kümmerte. Um die Jahrtausendwende wurde die politische Dimension deutlicher, die Stelle wurde zur Stabsstelle aufgewertet (allerdings jüngst vom OB an den Kulturbürgermeister der Stadt verlegt). Von Problemen mit islamistischen Strömungen sind die Muslime in Konstanz nach ihrer Kenntnis bisher nicht betroffen gewesen.

Härter geht es im Arbeitsalltag von Elke Haase zu, bei dem es bei Kindern und Jugendlichen zunächst um die Schätzung des Alters geht. Angst steht im Zentrum der Erzählungen, die erlebte Angst und die vor der fremden Gegenwart. „Stellen Sie sich vor, womit die konfrontiert sind.“ Elke Haase ist betroffen, wechselt die Perspektive.

Perspektivenwechsel, ein letztes Stichwort. Politikprofessor Wolfgang Seibel meldete sich in der Diskussion zu Wort. Er war zum Zeitpunkt des Überfalls auf Charlie Hebdo in Paris. In seiner Wahrnehmung sind die Franzosen nicht gegen den Islamismus auf die Straße gegangen, sondern für die Wahrung ihrer Freiheitsrechte. Wohingegen bei der Kundgebung in Berlin der Islamismus zum Gegenstand geworden sei. Und dann kam in der Diskussion doch tatsächlich noch eine Ebene hinzu, die über psychologische und kulturelle Fragestellungen hinausging: die Politik. Frankreich und Großbritannien als ehemalige Kolonialmächte, die USA als Machtfaktor im Nahen Osten. Was ist Aktion, was Reaktion?

Einigkeit darüber, dass das Aufbrechen der Wertesysteme den Fundamentalismus fördert. Zwei Äußerungen mögen stellvertretend genannt werden: „Es geht (beim Fundamentalismus) darum, einen Zweifel in sich abzuhärten, nach innen und nach außen“, sagt Thomas Steinfeld. Beim Beitrag eines Mannes im Publikum hört sich das schon anders an: „Was geben Sie mir für meinen Gott? Einen abstrakten Gottesbegriff? Oder doch eine Kalaschnikow?“

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