Kultur Die Angst des Musikers vorm Einsatz

Kürzlich betrat Martha Argerich, eine der größten Pianistinnen unserer Zeit, eine Konzertbühne in München. Der Flügel wartete bereits auf sie – doch sie lief an ihm vorbei und verließ die Bühne auf der anderen Seite wieder.

Lampenfieber. Der Fluchtreflex war einfach stärker. Zehn Minuten brauchte sie, dann hatte sie sich so weit im Griff, dass sie spielen konnte.

Eigentlich wäre Martha Argerich ein Fall für Musikpsychologinnen wie Martina Berchtold oder Claudia Spahn. Berchtold betreibt eine Praxis in Stein am Rhein (s. Interview) und Spahn leitet das Freiburger Institut für Musikermedizin. Es befasst sich mit den spezifischen Problemen professioneller Musiker. Ein Bewusstsein dafür ist allerdings erst in den letzten Jahren entstanden. Bis dahin galt für alle Musiker: wenn du ein Problem hast, musst du eben mehr üben.

Claudia Spahn ist spezialisiert auf Patienten mit krankhaft gesteigertem Lampenfieber. „Grundsätzlich bewerten wir Lampenfieber allerdings nicht als problematisch“, betont sie. Im Gegenteil. „Ein gewisses Maß an Aufregung ist sogar notwendig für eine optimale Leistung“. Erst wenn es überhand nimmt, wird es zum Problem. Spahn spricht in solchen Fällen auch nicht von „Lampenfieber“, – „sonst pathologisieren wir ja einen ganzen Berufsstand“ – sondern von „Auftrittsangst“. Martha Argerich ist da kein Einzelfall. Auch andere berühmte Beispiele zeigen, dass selbst Erfahrung und Hochbegabung nicht vor Auftritts- und Versagensängsten schützen.

Dabei können die großen Solisten noch mit einem gewissen Verständnis rechnen. Ihrem Genie sieht das Publikum manche Skurrilität nach. Aber bei einem ganz normalen Tuttisten in einem ganz normalen städtischen Orchester hört jedes Verständnis sehr schnell auf. Ein Musiker hat hier einfach zu funktionieren. Aber der Perfektionsanspruch – Nährboden für die Auftrittsangst – treibt den Orchestermusiker ja genauso um.

Welchem psychischen Druck ein Orchestermusiker ausgesetzt ist, ahnen nur wenige. Im Gegenteil dominiert noch immer das Bild vom staatlich abgesicherten Berufsmusiker, der seine „Dienste“ und ansonsten eine ruhige Kugel schiebt. Außerdem gilt Musizieren ja allgemein als gesundheitsfördernd. Doch da ist es wie im Sport: Wer hin und wieder joggen geht, tut was für seine Gesundheit. Im Spitzensport hingegen sieht die Bilanz anders aus. Profi-Musiker sind Hochleistungssportler auf ihrem Instrument, auch wenn sie vergleichsweise ruhig auf ihren Stühlen sitzen müssen. Doch auch das ist ja Teil des Problems: Wo Sportler das Adrenalin über die Bewegung abbauen können, müssen Musiker irgendwie damit klar kommen, dass die Finger beim Auftritt zittern oder die Hände schwitzig werden.

Viele Musiker nehmen daher Betablocker, um die Symptome in den Griff zu bekommen. Der Aufschrei war groß, als in den achtziger Jahren eine Studie in den USA herausbrachte, dass rund 30 Prozent der Orchestermusiker Betablocker nehmen. Wie weit diese Zahlen heute noch und für deutsche Orchester gültig sind, ist unklar. Die Dunkelziffer ist hoch. Musiker tabuisieren das Thema. Bedeutet das also, dass ein ganzer Berufsstand auf Drogen ist? Ganz so schlimm ist es nicht. Der vermeintliche Skandal relativiert sich, wenn man weiß, dass Betablocker nichts als Blutdrucksenker sind. Und sie machen auch nicht süchtig.

Warum aber sprechen Musiker dann nicht darüber? Hier greift wieder deren ausgeprägter Perfektionsanspruch. Wer Hilfsmittel braucht, zeigt Schwäche. Das verträgt sich nicht mit dem Selbstbild. Hinzu kommt, dass Musiker nicht zimperlich miteinander umgehen. „Die Kollegen kennen kein Mitleid“, kann man dann hören. Und: „Ein Orchester ist ein Haifischbecken. Da gibt es mitunter viele Spannungen und wer sich da outet, gibt anderen Gelegenheit, ihm mal so richtig schön einen reinzudrücken“. Ein anderer Musiker erzählt, wie Kollegen sich einen Spaß daraus machten, den Konzertmeister damit aufzuziehen, eine bestimmte Stelle nicht korrekt gespielt zu haben. Eigentlich hatte der alles richtig gemacht, aber beim nächsten Mal verspielte er sich wirklich. Irgendwann konnte er die Stelle nicht mehr spielen.

Der Druck innerhalb des Orchesters ist stärker als der von außen. „Ich habe noch nie erlebt, dass ein Musiker sich vor dem Urteil des Publikums fürchtet“, hat Claudia Spahn beobachtet. „Schlimm ist nur, was der Kollege denkt, wenn ich meinen Ton nicht ideal ansetze.“ Das erzeugt Druck. „Und der wird dann so groß, dass heimliche Lösungsstrategien entwickelt werden“. Tabletten zum Beispiel. „Da sitzen die Leute nebeneinander, machen das und wissen nicht einmal voneinander.“ Der eigentliche Skandal liegt also darin, dass die Musiker die Angst in sich verschließen und weniger darin, dass sie sie punktuell mit Betablockern behandeln. „Schlimm“, sagt Claudia Spahn, „ist eigentlich die Einsamkeit“.

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