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Kultur Deutlich mehr als nur hübsch gespielt

Marc Copland und sein Trio eröffnen in der Singener Gems einen eigenen musikalischen Kosmos

Marc Copland begann den Auftritt mit seinem Trio in der Singener Gems mit einer kleinen Geschichte. Darüber, wie er vor einiger Zeit mit seiner damaligen Ehefrau und einem befreundeten Musiker in einen Club nahe Washington DC, gefahren ist, um Bill Evans mit seinem Trio zu hören. Ganze sieben Zuhörer waren erschienen, um dem stilbildenden Klavier-Giganten zu lauschen, in einem Saal, der mit dem der Gems etwa vergleichbar sei. Doch die Musiker seien auf die Bühne gekommen und hätten sich nichts anmerken lassen: „They played pretty“, so schildert Copland den Moment und er fügt hinzu, dass auch er auf der Bühne mit seinen Ensembles nur das tun wolle: play pretty, zu Deutsch: hübsch spielen.

Für alle, die Copland und seine Partner anhören, ist das die Untertreibung des Jahrhunderts. Denn was auf der Bühne der Gems zu hören war, war keineswegs bloß hübsch gespielt. Es ging zwar sehr lyrisch los. Doch der Pianist, der statt des angekündigten Trios aus Drew Gress (Bass) und Jochen Rueckert (Schlagzeug) den Schweizer Bassisten Daniel Schläppi und den belgischen Schlagzeuger Dré Pallemaerts mitgebracht hatte, entfaltete vor den Ohren der Zuhörer im vollbesetzten Gems-Saal eine ganz eigene Klangwelt. Und die klingt nur oberflächlich gefällig und hübsch – das Aufregende liegt bei Copland in den Feinheiten. Zum Beispiel in dem Dialog, den seine rechte Hand, übergreifend über die linke, in der Eröffnungsnummer „I've Got You under My Skin“ mit sich selbst in verschiedenen Registern der Klaviatur führt. Oder in dem Kontrast zwischen hohl klingenden Näsel-Harmonien und voller, orchestraler Dur-Moll-Harmonik, den Copland in seinem „LST – Little Swing Tune“ zelebriert. Oder in der Klangwolke zu Beginn von „Nardis“ in der zweiten Hälfte, auf deren lyrische Verführungskraft sich besser kein Zuhörer verlässt: Für den Einstieg im Tutti zersägt Copland das Thema in viele kleine Blöcke, die er nebeneinander stellt.

Die drei Musiker auf der Bühne kommunizieren dabei beinahe reibungslos miteinander. Das zeigt sich beispielsweise darin, dass eine Veränderung in der Lead-Stimme selten markiert wird. Pallemaerts, Schläppi und Copland schaffen an diesen Stellen einen fließenden, gleitenden Übergang, der nicht selten vom Hörer gar nicht eindeutig lokalisiert werden kann. Überhaupt sind Bassist und Schlagzeuger, die jetzt nur für diesen Auftritt zusammengekommen sind, kongeniale Partner für Copland. Sie lassen sich harmonisch, melodisch und rhythmisch voll auf das Konzept ein. So beispielsweise Schlagzeuger Pallemaerts, der in dem bereits erwähnten „LST“ zwischendurch die Lead-Stimme übernimmt und das Kunststück fertigbringt, sein Drumset melodisch zu spielen. Und Schläppi, den mehrere Tourneen mit Copland verbinden – eine CD ist angekündigt – und der auch als Historiker an der Universität Bern arbeitet, packt all seine Parts solistisch an, und gleitet so souverän zwischen Begleitung und Lead hin und her. Fazit: Marc Copland hat zwar eine Ersatzbesetzung nach Singen mitgebracht, auf die echte Musik musste aber niemand verzichten. Deutlich mehr als nur hübsch gespielt.

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