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Kultur Der reichste und differenzierteste von allen Mystikern

Eine Erinnerung an Heinrich von Berg beziehungsweise Heinrich von Suso. Der berühmteste Mönch zwischen Konstanz und Ulm starb vor 650 Jahren

Heinrich von Berg, der in der Literatur auch als Heinrich Seuse aufgeführt und wohl besser unter dem Namen Suso bekannt ist, erlangte als Mitglied des Dominikaner-Ordens sowie Mystiker internationale Bekanntheit und auch über seinen Tod vor 650 Jahren hinaus bis heute eine große Nachwirkung. Er beeinflusste maßgeblich die „Gottesfreunde“, die „Devotio moderna“, namhafte mittelalterliche Theologen wie Nikolaus von Kues, späteren Geistesgrößen wie Johann Gottfried Herder und auch die Frauenmystik des 20. Jahrhunderts.

Heinrich von Berg wird in der katholischen Kirche wegen seiner Verdienste als Seliger verehrt. In Konstanz trägt ein humanistisches Gymnasium und in Ulm eine Kirche seinen Namen. In Überlingen gibt es ein „Suso-Haus“. Seit 2007 kümmert sich ein regionaler Gedenkverein um den berühmten Mystiker vom Bodensee. Trotzdem kann man angesichts der überlieferten Materialfülle nicht verhehlen, dass das Leben und die Wirkungsgeschichte dieses bedeutenden Kirchenmannes bisher „noch relativ wenig erforscht“ sind.

Der berühmte Mystiker entstammte einer Thurgauer Ministerialenfamilie, die dann in Konstanz ansässig wurde und hier zum Patriziat gehörte. Als Vater ist Heinrich von Berg überliefert. Seine Mutter war eine geborene Mechthild von Seusen aus Überlingen. Der Sohn wurde am 21. März 1295 geboren. Er erhielt eine umfassende Bildung und trat unter dem Einfluss seiner tiefreligiösen Mutter und nach dem Vorbild seiner Schwester Mechthild, die zuvor in St. Gallen Dominikanerin geworden war, nach 1308 in das Dominikanerkloster in Konstanz ein.

Parallel bedachten die Eltern das Konstanzer Kloster der Dominikaner mit einer großzügigen Schenkung. Der Patriziersohn, der nun den Geburtsnamen seiner Mutter annahm und sich fortan Seuse nannte (latinisiert: Suso), war zunächst Novize, legte nach einem Jahr das Ordensgelübde ab und begann dann mehrjährige Studien. Dabei glänzte er derart, dass ihn seine Oberen 1323 nach Köln zur weiteren Vervollkommnung schickten, wo er in die Obhut des berühmten Meisters Eckhart kam, der ihn in seinem Sinne prägte. Mit Folgen.

Als Seuse 1326/27 in seinen Heimatkonvent nach Konstanz zurückkehrte, begann in Köln ein Häresieprozess gegen den Meister Eckhardt, der den Ordensoberen zu kritisch geworden war. Kurz nachdem Seuse in Konstanz ein Ordensamt übernommen hatte, geriet er als Eckhardt- Schüler ebenfalls in den Fokus von Häresieverdächtigungen. Er wurde 1329 von seinen Amtspflichten suspendiert, erlebte einige Jahre der Gratwanderung bis zur Rehabilitation 1334, um sich anschließend der aktiven Seelsorge zu widmen. Bis nach der Rehabilitation betrieb er eine exzessive körperliche Selbstzüchtigung, wie er in seiner späteren „Vita“ bekannte.

Seuse gab als Vierzigjähriger sein einsiedlerisches Klosterleben auf und praktizierte in der Folgezeit im Elsaß, am Oberrhein und in der Schweiz eine engagierte Missions-und Seelsorgetätigkeit. Es war für ihn auch eine Rückbesinnung auf die Ordensideale der Frühzeit. Die seelsorgerische Wanderschaft im Dienste seines Ordens wurde durch den Konflikt zwischen dem Papsttum und Kaiser Ludwig dem Bayern befördert. Die papsttreuen Dominikaner mussten Konstanz auf Geheiß des Kaisers verlassen.

Seuse wirkte vor allem in Frauenkonventen, fand im Kloster Töss in Elsbeth Stagel eine „geistliche Tochter“, setzte seine Studien parallel fort und gelangte dabei zu ungewöhnlichen Einsichten, die zu einer ganz persönlichen Mystik führten, die er niederschrieb. Bis heute erweist sich der Mystiker als „hochgebildeter und stilbewusster Autor“. Seine Quellen reichten von antiken Vorbildern über die biblische Literatur sowie didaktische Mönchsschriften bis hin zu zeitgenössischen Werken von Thomas von Aquin, Bernhard von Clairvaux und Meister Eckhart, seinem vormaligen Lehrer. Sprachlich gilt er zudem als der „reichste und differenzierteste von allen Mystikern“.

1347 schickte ihn sein Orden in den Konvent von Ulm, wo er bis an sein Lebensende wirkte. Seuse war weiter seelsorgerisch tätig, wirkte als Autor und unternahm zwischendurch von Ulm aus auch zahlreiche Pastorationsreisen. Neben dem „Vermächtnis“, das unter dem Titel „Exemplar“ bekannt wurde, sind von Seuse noch weitere Schriften überliefert. Das reicht vom „Großen Briefbuch“ mit 28 pastoralen Briefen bis zum sogenannten „Minnebüchlein“. Alles ist in der Volkssprache abgefasst und erreichte später über Abschriften eine große Verbreitung. Allein eine Schrift von Seuse ist in lateinischer Sprache, sein „Horologium Sapientiae“. Das „Exemplar“ sein „Vermächtnis“ enthält das „Büchlein der Wahrheit“, eine Apologie der Lehren des Meisters Eckhart, das „Briefbüchlein“, seine „Vita“ und das „Büchlein der ewigen Weisheit“.

Im ersten Teil seiner „Vita“ beschreibt der Mystiker sehr detailliert die verschiedenen Formen seiner jahrelangen extremen Selbstverletzung. Diese grausame Selbstmisshandlung entspricht der jahrtausendealten Tradition christlicher Askese und gilt als „typisch für die Erlebnismystik“. Im zweiten Teil gelangt er zu einer „Absage der harten Übungen“ und zu einer „Askese der Gelassenheit“. Alles zusammen ergibt die theoretische und praktische Seite seiner Mystik, die zunächst in Deutschland und dann europaweit Verbreitung fand. Diesen Ruhm erlebte Seuse nicht mehr.

Er starb am 25. Januar 1366 in Ulm. Seither befassen sich immer wieder Autoren mit seinem Wirken und seiner Bedeutung. Etwa in Metzlers „Philosophen- Lexikon“ und den Lexika zur Kirchengeschichte sind ihm substanzielle Beiträge gewidmet. Die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart besitzt einen kolorierten Holzschnitt zu Seuse.

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