Kultur Der Bildungsbürger dankt ab: Warum Regalmeter nicht mehr zählen

Wo sind eigentlich die Richard von Weizsäckers und Helmut Schmidts hin? Und mit ihnen die wuchtigen Bücherregale auf teuren Perserteppichen? Über das Ende einer Epoche

Wer zum Einrichten seines neuen Wohnzimmers nach einer neuen Bücherwand Ausschau hält – massives Holz, breite Stellflächen, hoch bis zur Decke -, der wird in den gängigen Möbelhäusern nicht so schnell fündig. Bücherwände sind Requisiten einer vergangenen Epoche, einer Zeit, in der gesellschaftliche Relevanz noch eine Frage von Regalmetern und Goethe-Gesamtausgaben war. Heute ist nicht nur das Zurschaustellen der eigenen Belesenheit passé, nein: Das halbe Wohnzimmer hat ausgedient, von den Goethe-Bänden, über den schmucken Steinway-Flügel bis zur abstrakten Kunst an der Wand. Was ist nur aus dem Bildungsbürgertum geworden?

Seine klassischen Wesenszüge, einst Merkmale von Wohlstand, Einfluss und Bedeutung, haben ihre Anziehungskraft verloren. Mehr noch, sie haben sich ins Gegenteil verkehrt. In seinem 1999 erschienenen Bestseller "Bildung. Alles, was man wissen muss" hatte der Literaturwissenschaftler Dietrich Schwanitz beschrieben, welche Kenntnisse nötig sind, um mitreden zu können in den höheren Kreisen der Gesellschaft – Goethes Leiden des jungen Werther zum Beispiel oder Shakespeares Hamlet. Aber auch: welche Kenntnisse hierfür geradezu hinderlich sind und tunlichst verschwiegen werden sollten – das Fernsehprogramm etwa oder auch der aktuelle Klatsch aus dem Hochadel. 17 Jahre später kokettieren Führungskräfte aus Wirtschaft und Politik offen mit ihrer kulturellen Unbildung (Donald Trump: "Belgien ist eine wunderschöne Stadt"), Dschungelcamp und Prinzenhochzeiten dagegen gehören zum guten Ton.

Apropos Ton: Klaviere, einst die Zierde eines jeden Wohnzimmers, bespielt von den zarten Händen wohlerzogener Bildungsbürgerkinder, sind zu Ladenhütern verkommen. Gerade mal rund 11 000 Stück werden in Deutschland noch produziert, viermal weniger als noch vor 20 Jahren. Steinway & Sons gehört mittlerweile einem Hedgefonds-Manager, das Traditionsunternehmen Schimmel hat bereits 2009 Insolvenz angemeldet und ist heute zu 90 Prozent in chinesischem Besitz.

Der Duden ist nicht mehr heilig

Man muss in die Sozialforschung blicken, um zu verstehen, was da ins Rutschen geraten ist. Das Bildungsbürgertum, schrieb der Soziologe Rainer Lepsius 1990, zeichne sich dadurch aus, dass es anders als der Adel sein soziales Prestige nicht aus seiner Geburt bezieht, sondern aus dem Besitz von Bildungswissen. Aus diesem Besitz heraus ergeben sich bestimmte Verhaltensvorschriften, denen eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung zukommt. "Es gilt analog zu 'Adel verpflichtet': Bildung verpflichtet!"

Anders als bei Grafen, Herzögen und Prinzen also erfolgt die Aufnahme in den Zirkel der Bildungsbürger zumindest teilweise nach demokratischen Regeln. Demokratisch, weil familiäre Herkunft nichts zählt: Ein bildungsunwilliger Sohn fällt ebenso schnell aus dem Kreis heraus, wie ein bildungswilliger Arbeiter in ihn aufgenommen werden kann. Undemokratisch, weil – wie der Schulversager Hanno in Thomas Manns Roman Buddenbrooks – gnadenlos ausgesiebt wird, wer dieser Mindestanforderung nicht genügt.

Als Sieb stehen dem Bildungsbürger gleich mehrere Instrumente zur Verfügung, vom Klavierspiel bis zum akademischen Titel. Besonders wirkungsvoll ist das Instrument der Rechtschreibung, einer Kulturtechnik, die erst seit Erscheinen von Konrad Dudens "Vollständigem Orthographischen Wörterbuch der deutschen Sprache" 1880 Ruhm erlangte. Mag Goethe auch seine Buchstaben noch nach Lust und Laune gesetzt haben: Dem Bildungsbürger ist der Duden heilig. In der Rechtschreibung nämlich erweist sich seine Zugehörigkeit zur Elite, im korrekt gesetzten Komma grenzt er sich vom Pöbel ab. Doch wie Bücherwand und Steinway-Flügel versinkt auch die Rechtschreibung zusehends in der Bedeutungslosigkeit. Das hat zwei Gründe.

Grund Nummer eins: die Digitalisierung. Wenn ohnehin nicht mehr bleibt, was man schreibt, wirken sich auch orthografische Fehlleistungen nicht mehr auf die soziale Stellung aus. Anders als zu Zeiten des beschriebenen und bedruckten Papiers landet jede noch so dilettantisch formulierte E-Mail binnen Minuten im digitalen Papierkorb. Im Gegenteil: Auf der Jagd nach hohem Prestige löst Zeitnot Genauigkeit ab. Nur wer in hastig und fehlerhaft hingeworfenen Sätzen seinen vollbepackten Terminkalender kenntlich macht, kann auf gesellschaftliche Achtung hoffen.

Wie die Rechtschreibung wurde auch die Bücherwand vom Wind des digitalen Wandels fortgeweht. Der Brockhaus im Regal war gestern noch Symbol des geistigen Schaffens. Heute steht er für die Unfähigkeit, Wikipedia zu bedienen. Und als Präsentationsfläche der eigenen Identität – der politischen Orientierung, dem intellektuellen Anspruch, den ästhetischen Vorlieben -, dient nicht mehr die wohlsortierte Belletristiksammlung, sondern ein überzeugender Auftritt auf Facebook.

Grund Nummer zwei: Der Marsch durch die Institutionen. Das Bildungsbürgertum hatte den Achtundsechzigern als Steigbügelhalter für Adolf Hitler gegolten: Im feinen Münchner Salon Bruckmann war Hitler ebenso willkommen gewesen wie bei den Bayreuther Festspielen. Sollte die Geschichte sich nicht wiederholen, mussten also die Eliten bekämpft und der bildungsbürgerliche Dünkel eliminiert werden. Wenn mit genügend Bildungshunger jedermann ein Bildungsbürger werden kann, so mag das im Vergleich zum Adel demokratisch erscheinen. Der Linken genügte diese Aussicht auf Teilhabe jedoch nicht. Bildungshunger ist abhängig von sozialen Bedingungen. Wirkliche Demokratie wäre deshalb erst gegeben, wenn Schulen sämtliche Kinder gleich behandeln, Universitäten dritte Bildungswege anbieten, benachteiligte Studenten Stipendien bekommen. "Bildung für alle!", lautete der Wahlspruch, was im Umkehrschluss all jenen schlechtes Gewissen bereiten muss, die bereits Bildung erworben haben.

Ideal der totalen Gerechtigkeit

Anstelle des Standesdünkels ist das Ideal der totalen Gerechtigkeit getreten. Die allgegenwärtige Sorge vor Diskriminierung geht so weit, dass zur letzten Bürgerschaftswahl in Bremen infantil anmutende Wahlbenachrichtigungen in "leichter Sprache" verschickt wurden – damit Ungebildete sich nicht ausgegrenzt fühlen. So gut gemeint war dieses Projekt, dass die Adressaten sich erst recht lächerlich vorkamen: Von "Deppendeutsch" und "Realsatire" war die Rede.

Selbst die Rechtschreibung wird ein Fall für die Diskriminierungsstelle. Zwar ist es etwa in Bayern längst üblich, dass diese bei Schülern mit nachgewiesener Legasthenie in schriftlichen Prüfungen gar nicht erst bewertet wird. Betroffene klagten im vergangenen Jahr trotzdem vor dem Bundesverwaltungsgericht: Sie fühlten sich allein schon durch den entsprechenden Vermerk im Zeugnis benachteiligt.

Bildungsbürger sein ist in dieser gesellschaftlichen Grundstimmung kein Vergnügen mehr. Wenn sich jeder Stolz auf Bildung verbietet, weil der Ungebildete sich ausgegrenzt fühlen könnte, wird die Bücherwand zur dauerhaften Anklage und der Steinway-Flügel zum Symbol der Hybris. Allein der Fernseher bleibt noch unverdächtig – und mit ihm ein Expertenwissen, das heutzutage den Einlass in höhere Kreise garantiert: Prinzenhochzeiten und Dschungelcamp.

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