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Kultur Debussys Erben

Musiker der Philharmonie gestalteten ein Programm nur mit französischer Neuer Musik

Als die Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie ihr Konzert mit französischer Neuer Musik planten, konnten Sie noch nicht ahnen, dass die wichtigste Figur der französischen Gegenwartsmusik, Pierre Boulez, nicht mehr leben würde. Im Januar ist er, der ja nicht nur eine französische, sondern eine internationale Größe war, gestorben, und so geriet das Konzert im Konstanzer Inselhotel mit zwei Werken von Boulez auch ein bisschen zu einer In-memoriam-Veranstaltung – auch wenn das niemand direkt so formulierte. Doch nicht nur bildeten seine beiden Werke „Dérive I“ und „Douze Notations“ (in der Instrumentation von Johannes Schöllhorn) den Höhepunkt im gesamten Programm, das etwa 15-köpfige Musikerensemble unter Leitung von Franz Lang bewies auch einmal mehr, dass es sich auch auf dem Feld der Neuen Musik zu Hause fühlt.

Boulez' „Dérive“ dürfte für viele Besucher des erstaunlich gut besuchten Konzerts das am leichtesten zugängliche Stück gewesen sein. Es ist immer wieder überraschend, wie klangsinnlich der ehemals strenge Pierre Boulez komponieren konnte. In dem Stück aus den Achtzigerjahren flirrt es in geradezu impressionistischen Farben – so, als habe Boulez hier unmittelbar an Debussy anknüpfen wollen.

Deutlich strenger, aber in ihrer Konzentration auf zwölf kurze Sätze ebenfalls sehr spannend sind die „Douze Notations“, die Boulez 1945, also noch vor der Erfindung des Serialismus, geschrieben hat. Die skizzenhaften Klavierstücke hat Johannes Schöllhorn zu Boulez' 90. Geburtstag für Ensemble instrumentiert. Und in dieser Version, für die sich sogar Philharmonie-Intendant Beat Fehlmann mit seiner Bassklarinette ins Ensemble setzte – erklangen sie auch jetzt. Die Bearbeitung kitzelt nicht nur wiederum den Klangfarbenreichtum aus dem Stück heraus, sondern verdeutlicht an vielen Stellen auch Satzstrukturen, hebt motivisches Material hervor oder rhythmische Eigenarten.

Das zweite Highlight im Programm war das Streichquartett „Ainsi la nuit“ von Henri Duttilleux (1916–2013), einem Komponisten, der 2005 mit dem Siemens Musikpreis geehrt worden ist, ansonsten aber eine Außenseiterfigur geblieben ist. Sein Streichquartett, das 1976/77 entstanden ist, überzeugt wiederum durch eine Expressivität, die in dieser Zeit eigentlich eher verpönt war, heute aber sehr ansprechend wirkt. Und Kyoko Tanino, Pawel Katz, Margit Bonz und John Wennberg empfahlen sich mit einer hingebungsvollen Interpretation zudem als tolle Fürsprecher dieses Stücks.

Zwei kürzere Beiträge kamen von Edgar Varèse (1883–1965), dessen „Density 21.5“ für Solo-Flöte Gabriel Ahumada ebenfalls vorbildlich interpretierte, und von der wenig bekannten Betsy Jolas (geboren 1926), die noch bei Messiaen studiert hat. Das Duo „Music to go“ für Viola und Cello (Margit Bonz und John Wennberg) zeigt mit mikrointervallischen Färbungen und glissando geführten Linien nochmal eine andere, ebenfalls spannende Seite der Neuen Musik.

Das schwierigste Stück im Programm waren sicherlich Gérard Pessons „Récréations françaises“. Die neun kurzen Sätze für Streichtrio und Holzbläsertrio forderten mit vielen ungewohnten Spielweisen und Geräuschklängen Zuhörer und Spieler heraus. Doch die Sätze besitzen in ihrer wie Schattenrisse wirkenden Körperlosigkeit auch eine ganz eigene Schönheit. Schade nur, dass die Musiker ihr Publikum mit einem Minimum an Informationen alleine ließen. Das Programmheft teilte nicht einmal die Bezeichnung der einzelnen Sätze mit, geschweige denn Informationen zu den Komponisten. Gerade in einem Konzert mit Neuer Musik wäre das eigentlich unabdingbar.

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