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Kultur David Garrett: Orchesterrock mit Dreitagebart

Schwiegersohn für alle Generationen: David Garrett spielte am Mittwochabend vor 9.000 Zuschauern beim Open-Air in Salem.

David Garrett in Salem in Aktion.
David Garrett in Salem in Aktion. | Bild: Bild: Christian Lewang

David Garrett ist ein cooler Schwiegersohntyp; einer, den es eigentlich gar nicht geben kann, weil seine Ausstrahlung bei allen Generationen gleichermaßen gut ankommt. Der Dreitagebartgeiger weiß es, und zuverlässig wie ein Uhrwerk streut er beim Open-Air-Konzert im Salemer Schlosshof zwischen jedes Stück persönliche Anekdoten ein. Der 30-Jährige erzählt, wie er in Chicago fast sein eigenes Konzert verpasst hätte, weil er beim Joggen die Orientierung verlor; dass das vermeintliche Fruchtfleisch im Orangensaft, den er schlaftrunken kippte, sich als Heerschar ersoffener Ameisen herausstellte; und dass ihm als Beifahrer auf dem Nürburgring speiübel wurde, belegt sogar ein Foto auf der Riesenleinwand. Natürlich ist das alles einstudiert, aber es kommt so lässig rüber wie alles an David Garrett. Nichts an ihm wirkt, als sei er versessen auf den großen Erfolg. Garrett, der Crossover-Geiger im Holzfällerhemd, ist gutaussehend, aber keine Ikone. Er spielt nicht den Punk-Rebellen wie Nigel Kennedy, der in allem demonstriert, wie sehr er die Steifheit und die vermeintliche Arroganz klassischer Musiker verabscheut. Garrett stilisiert sich aber auch nicht zum glamourösen Popstar, wie noch Vanessa Mae, die in den 90er-Jahren ein ähnliches Terrain befidelte, damit aber nicht sehr lange erfolgreich war – auch, weil die Klassik-Labels ihrerseits lernten, ihre Zugpferde wie Popstars zu verkaufen.

Das Marketing feuert in Salem freilich trotzdem aus vollen Rohren: David Garrett gibt's, grob gesagt, sogar für'n Arsch, als Sitzkissen; und in der Pause flimmert Werbung für die Doppel-DVD über die Leinwand, wobei der Trailer Stücke, die man auf der Bühne noch live hören wird, gleich schon mal vorwegnimmt. David Garrett lebt nicht von der musikalischen Überraschung, sondern davon, dass man weiß, was man kriegt. Damit orientiert Garrett klassische Musik an einem Rockmusik-Konzept, das Stadien füllt. Hörerfahrungen werden nicht aufgebrochen, sondern bestätigt, und so gliedert der Geiger ein ganzes Orchester, die Neue Philharmonie Frankfurt, seiner ebenfalls aufgebotenen Liveband nicht nur ein, sondern ordnet es ihr unter. Die vielfältigen Klangmöglichkeiten eines Orchesters schrumpfen zum Hintergrundgleißen, das in der Dominanz von E-Gitarren, Bass und Schlagzeug oft ganz überdeckt wird.

Dennoch: David Garrett von oben herab an den Maßstäben der Klassik-Kritik zu messen, ginge daneben, genauso wie die Entgegnung, Garrett gelinge es immerhin, mit seinen markigen Bearbeitungen von Beethovens 5. Sinfonie, Ravels „Bolero“ oder Albeniz' „Asturias“ ein großes Publikum für klassische Musik zu interessieren, dem dieses Genre fremd sei.

Garrett ist weder abzubürsten noch braucht man ihm Verdienste anzurechnen. Er macht ganz einfach Musik auf einer Ebene, in der zwischen den „klassischen“ großen Rocksongs und rockig aufbereiteten klassischen Kompositionen kein Unterschied mehr besteht. Da ist es verständlich, wenn der Bolero nur knappe drei Minuten dauert und das Crescendo, das ans Ende gehört, gleich an den Anfang gestellt wird; es ist auch verständlich, wenn das besagte „Asturias“, eigentlich ein Stück für akustische Gitarre und sonst nichts, von David Garrett als Teufelsgeiger gegeben wird, mit der Rockband an seiner Seite, die hier ebenso aufdreht wie eine halbe Stunde später bei „Master of Puppets“ von Metallica.

David Garrett zündet einen Knalleffekt nach dem anderen und geht von diesem Konzept nur selten ab, was die Stücke auf Dauer austauschbar macht. Manchmal probiert er aber doch einen anderen Weg, und so kommt Debussys schmelzendes „Claire de lune“ vergleichsweise unplakativ daher, und das Intro zu Michael Jacksons „Billie Jean“ könnte glatt aus der Feder des Geigen-Avantgardisten Alexander Balanescu stammen. Immer wieder zeigen David Garretts Orchesterversionen von Rocksongs aber, dass das gern als banal gescholtene Rock-Genre oft viel gewiefter ist, als ihm selbst lieb sein kann. Insbesondere „Kashmir“ von Led Zeppelin bleibt hinter den Finessen des Originals zurück, welches die Rockbesetzung mit Streichern sehr klug zu verbinden wusste – letztere ziehen bei Led Zeppelin orientalische Linien ein, die David Garrett ganz unter den Tisch fallen lässt, und damit die interkulturelle Begegnung. So steht am Ende ausnahmsweise mal nicht die Aufforderung, David Garrett möge bitte die Klassik ernster nehmen - sondern die Finessen der Rockmusik.


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