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Kultur Das richtige Erzähltempo

Der österreichische Autor Bodo Hell legt seine „Stadtschrift“ vor und gewährt seinen Lesern ein intensives Erlebnis

Mit Bodo Hell im Stephansdom, im Steffl durch die „Schraubungen der Wendeltreppe“ zur Spitze des Südturmes hinaufzusteigen, ist ein intensives Stadterlebnis. Wenn man die „Stadtschrift“ dieses Beobachter-Dichters liest, meint man mit dabei zu sein. Schließlich wird man oben im Turm nicht nur einen Blick auf Wien erleben, sondern auch auf die Vergangenheit der Stadt, sogar auf unterschiedliche Vergangenheiten, man gewinnt eine zeitliche und eine räumliche Orientierung. Bei dem Rundblick vom Turm aus kann man sich sogar als die Mitte der Stadt empfinden. So sei es einst Stifter ergangen, kurz habe er gemeint, selbst die Mitte zu sein, und auch diese Anmerkung steht in Bodo Hells Turmbeschreibung.

Man kann mit den Hell'schen Texten sein Wunder erleben, auch wenn es um die Buslinie 13A geht, die quer durch Wien führt. Der Leser fährt auch in diesem Fall mit, spürt den temporeichen Wechsel der Umgebung, begegnet für Sekunden einer Mutter mit Kind, hinter den beiden taucht ein Zeuge Jehovas auf, und gleich darauf folgt die Mikrofonansage für die nächsten Umsteigemöglichkeiten. Das sind RealTimeErfahrungen (so schreibt Hell zusammengesetzte Hauptwörter), und das ErzählTempo ist identisch mit den realen Erfahrungen in einer heutigen Großstadt.

Bodo Hell, in Salzburg geboren, lebt in Wien, und er ist nicht nur ein „faktenorientierter“ Autor, wie er sich selbst bezeichnet, er ist ein Autor mit Esprit, mit Gespür für packende neue Erzählweisen, zudem ist er nicht nur Schriftsteller, sondern auch Fotograf. In „Stadtschrift“ sind Hunderte seiner Fotografien abgedruckt, und bei diesen Bildern geht es tatsächlich um Schriftzüge, die er in der Stadt vorgefunden hat, um Firmenschilder, Werbungsschriften, Straßenschilder. Witzig und einmalig sind auch Bodo Hells 3-D-Bilder, die man dreidimensional betrachten kann.

Mit ihrem Faktenreichtum sind diese Texte und Fotos in jeder Hinsicht ein Gewinn. Hinzufügen muss man noch, dass Bodo Hell im November und Dezember Stipendiat des Bodmanhauses in Gottlieben (Thurgau) war.

Bodo Hell: „Stadtschrift“, Fotos und Texte, Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra. 303 S., 24 Euro

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