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Kultur Das melancholische Genie

Bereit zur streitbarenAuseinandersetzung: Ingo Metzmacher dirigiert Hans Pfitzners „Palestrina“ inZürich. Jens-Daniel Herzog inszeniert ohne Weihrauch

Palestrina (Roberto Saccà) soll eine Messe schreiben. Doch er hat den Glauben an den Sinn seiner Kunst verloren.
Palestrina (Roberto Saccà) soll eine Messe schreiben. Doch er hat den Glauben an den Sinn seiner Kunst verloren. | Bild: Bild: Suzanne Schwiertz

Musik von Hans Pfitzner aufzuführen, ist immer ein heikles Unterfangen. Lange Zeit galt der Antisemit, der mit den Nationalsozialisten bis über das Kriegsende hinaus mehr als sympathisierte (auch wenn seine Musik von den Nationalsozialisten keineswegs durchweg goutiert wurde), im Konzertbetrieb als persona non grata. Als dann der Dirigent Ingo Metzmacher 2007 ausgerechnet zum Tag der Deutschen Einheit Pfitzners Kantate „Von deutscher Seele“ in Berlin aufführte, bekam er heftigen Gegenwind zu spüren. Metzmacher gab sich ungerührt und sprach von der „Bereitschaft zur streitbaren Auseinandersetzung“. Tatsächlich kann sich kaum ein Dirigent eine streitbare, aber auch ernsthafte Auseinandersetzung mit Pfitzners Musik eher leisten als der politisch völlig unverdächtige Ingo Metzmacher, der musikalisch zudem von der generell als „links“ geltenden Neuen Musik kommt.

Nun stand er am Pult des Zürcher Opernorchesters und dirigierte Pfitzners musikalische Legende „Palestrina“. Lange Zeit hatte auch Metzmacher einen großen Bogen um Pfitzners Musik gemacht – bis ein Freund ihn mit Orchesterliedern beeindruckte und er erfahren musste, dass sie aus Pfitzners Feder stammten. „Man muss halt erst mal die Musik hören, bevor man urteilt“, so Metzmachers weise Schlussfolgerung.

Was nun „Palestrina“ betrifft, macht es die tendenziell spröde Musik dem Hörer allerdings nicht gerade leicht, manches Vorurteil zu revidieren. Und das unterscheidet sie schließlich doch noch von Opern ebenfalls politisch nicht ganz unverdächtiger Komponisten wie Richard Strauss oder Richard Wagner.

Und doch ist die Zürcher Produktion für einige kleine Offenbarungen gut: Der 1917 in München uraufgeführte und heute selten gespielte Dreiakter (Pfitzner selbst sprach von einem „Tryptichon“) ist eine Künstleroper, die die zur Legende gewordene Rettung der Kirchenmusik durch den italienischen Renaissancekomponisten Pierluigi Palestrina erzählt. Das mag ästhetisch fragwürdig sein, ist aber ideologisch völlig unbedenklich.

Zugleich kann Metzmacher das Verdikt eindrucksvoll widerlegen, Pfitzners Musik sei reaktionär und er der letzte Vertreter der Romantik. Natürlich ist es auch dem Sujet der Oper geschuldet, dass Pfitzner in Rückgriff auf polyphone Techniken eine teilweise archaisierende Musik schrieb, die Expressionismus und Neoklassizismus näher steht als jeglicher Romantik. Die quinten- und quartenbetonte Klanglichkeit etwa der Ouvertüre wirkt teils sogar wie ein Vorgriff auf die spirituelle Musik von Gegenwartskomponisten wie Arvo Pärt oder Giya Kancheli. Es ist Metzmachers Verdienst, all dies glasklar aus der Partitur herauszuschälen. Die manchmal quälende Länge vor allem des ersten Aktes kann allerdings auch er nicht verhindern.

Was die Story betrifft, so ist die Oper eigentlich nach dem ersten Akt schon am Ende: Palestrina hat die vom Konzil geforderte Messe komponiert. Was noch fehlt, ist seine öffentliche Huldigung als Retter der Kirchenmusik, die dann im dritten Akt folgt. Den zweiten Akt widmet Pfitzner (er schrieb das Libretto selbst) dem Konzil. Inhaltlich wäre das nicht nötig gewesen, trotzdem ist es der kurzweiligste Akt der Oper – eine Karikatur der geistlichen Obrigkeit, mit spitzer Feder gezeichnet. Dass dieses Konzil von höchst säkulären Interessen getrieben ist, daran lässt Pfitzner keinen Zweifel. Wahrheit und Ewigkeit finden sich eben nur in der Kunst des erleuchteten Genies – diese Überzeugung macht Pfitzner in kontrastierenden Bildern deutlich.

Der Regie von Jens-Daniel Herzog ist es zu verdanken, dass sich über Pfitzners Genieästhetik kein Weihrauch legt. Palestrina (von Roberto Saccà mit einem Charaktertenor höchst glaubwürdig ausgestaltet) ist ein depressiver alter Mann in Bundfaltenhose und Strickjacke, der in einem 50er-Jahre-Appartement wohnt (Ausstattung: Mathis Neidhardt) und auch mental der Vergangenheit verhaftet geblieben ist. Ob das Konzil Realität ist, ist keineswegs ausgemacht. Herzog lässt es ebenfalls in Palestrinas Wohnung stattfinden, der nun zwischen all den Kardinälen herumschleicht wie durch seinen eigenen – von der Regie allerdings voll praller Komik gezeichneten – Albtraum (Hier ist besonders Rudolf Schaschings umwerfender Bernardo Novagerio zu nennen, stellvertretend für all die mit viel Liebe zu individuellen Charakteren geformten Geistlichen). Am Schluss ist es Palestrinas Sohn Ighino (Martina Janková mit teilweise unangenehmem Vibrato), der die „Evviva“-Rufe von der Schallplatte abspielt: Der Jubel auf Palestrina ist nur eine Inszenierung, um den Vater aufzuheitern. Das allerdings misslingt. In der Musik ist noch einmal Palestrinas verstorbene Frau zu hören. Dann greift er zum Revolver. Das geht unter die Haut. Gründlicher Beifall von all jenen, die bis zum Ende ausgeharrt haben.

Weitere Aufführungen: 15., 18., 21. Dezember; 6. und 12. Januar.

Infos und Tickets: www.opernhaus.ch

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