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Kultur Das Bild im Plural

Der emeritierte Konstanzer Kunstprofessor Felix Thürlemann hat eine Kunstgeschichte des hyperimage geschrieben

Das Ganze ist mehr als nur die Summe seiner Teile, lautet, in verkürzter Form, die Kernaussage von Felix Thürlemanns neuem Buch. Es geht ihm nicht um ein einzelnes Bild, sondern um – der Plural ist entscheidend – die Zusammenschau von Bildern. Dafür führt er den Begriff des Hyperimage ein, unter dem er eine „kalkulierte Zusammenstellung von ausgewählten Bildobjekten – Gemälden, Zeichnungen, Fotografien und Skulpturen – zu einer neuen, übergreifenden Einheit“ versteht. Thürlemann zielt auf autonome Kunstwerke, die zu einem neuen Kunstgefüge zusammengestellt werden und sich dadurch gegenseitig befruchten und zu neuen Interpretationen einladen.

Auch wenn der Autor kurze Seitenblicke auf antike und mittelalterliche Bildformen wirft, konzentriert sich das Buch primär auf die Zeit vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Thürlemann, der bis vor Kurzem als Professor für Kunstwissenschaft an der Universität Konstanz lehrte, stellt die verschiedenen Erscheinungsformen des Hyperimage vor. Eine entscheidende Rolle spielt die Hängung in den frühen Kunstsammlungen, bei denen kein Einzelbild im Vordergrund stand, sondern verschiedene Bilder zu Ensembles gehängt wurden. Ähnlich wie bei einem mittelalterlichen Triyptchon, bei dem ein Werk durch zwei Werke an den Seiten gerahmt wird, wobei die einzelnen Bilder in Sachen Komposition und Inhalt aufeinander Bezug nehmen.

Thürlemann weist nach, dass die Zusammenstellung von Bildern sinnstiftend, sprich: bereits ein entscheidender Akt der Interpretation ist. Die wohl durchdachten Bilderwände unterstützen durch ihre Hängung eine bestimmte Lesart der Kunstwerke.

In der weiteren Ausführung geht Thürlemann auf drei wegweisende Kunstthistoriker ein, bei deren Theorien der „vergleichende Blick“ im Vordergrund steht. Angefangen mit Heinrich Wölfflin, der mit seinen „kunstgeschichtlichen Grundbegriffen“ die Unterschiede zwischen Renaissance- und Barockkunst herausarbeitet, über Aby Warburg, dessen „Erinnerungsatlas“ zahlreiche Kunstwerke zu regelrechten Diagrammen verbindet, bis hin zu André Malraux und seinem „imaginären Museum“. Dank der Fotografie ist, wie Malraux betont, der gesamte Bilderschatz der Kunstgeschichte heute problemlos verfügbar. Und das hat weitreichende Folgen.

Thürlemanns „Kunstgeschichte des Hyperimage“ ist eine höchst anregende Lektüre, die unseren Blick auf und unserer Verständnis von Bildern nachhaltig verändern wird. Mehrfach thematisiert der Autor die Art und Weise, wie Abbildungen in Kunstbüchern eingesetzt werden. Entsprechend klug gewählt sind auch die Abbildung seines eigenen Buches. Digitale Kunstwerke und das weite Feld von Bildern im Internet bleiben hingegen ausgespart. Dafür geht Thürlemann im abschließenden dritten Teil seiner Untersuchung ausführlich auf drei Künstler ein, die auf unterschiedliche Art mit Bilderensembles arbeiten: Pablo Picasso, Pierre Bonnard und der Fotograf Wolfgang Tillmans. Doch nicht nur Künstler erschaffen Hyperimages. Auch Kunsthistoriker und Kunstsammler sind, wie Thürlemann nachweist, Hyperimage-Bildner. Sein Buch liefert die grundlegende Theorie dieser besonderen Form des Bildgebrauchs.

Felix Thürlemann: „Mehr als ein Bild. Für eine Kunstgeschichte des hyperimage“. Wilhelm Fink Verlag, München. 224 S., 34,90 Euro

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