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Kultur Chronist der Massengesellschaft

Das Frieder-Burda-Museum in Baden-Baden zeigt das Werk von Andreas Gursky, eines der erfolgreichsten zeitgenössischen Fotografen

Nein, das war nicht geplant, sagt Udo Kittelmann. Einen Tag vor dem Tag der deutschen Einheit präsentierte der Kurator neben anderen Werken von Andreas Gursky ein sogenanntes Historiengemälde. „Rückblick“, so der Titel, zeigt die vier deutschen Kanzler Schröder, Schmidt, Merkel und Kohl in (eben) Rückenansicht. Das Quartett – Helmut Schmidt produziert selbstverständlich Rauchzeichen – sitzt andächtig nebeneinander in einer virtuellen Galerie und blickt auf ein Ölbild.

Das Werk hat Barnett Newman gemalt, ein abstrakt amerikanischer Expressionist polnisch-jüdischer Herkunft. Auf diesem „Vir Heroicus Sublimis“ benannten Bild von 1950/51 ist viel Farbe zu erkennen: Rot, Schwarz, ein wenig Gold. Dass Newman dieses Bild auf Deutschland zugeschnitten hat, ist eher unwahrscheinlich. Aber er hat sich mit unserer Vergangenheit beschäftigt, der dunkelsten Epoche. Mit der Serie „Die Stationen des Kreuzes: Lama Sabachthani“ (1958/66) hat er ein Mahnmal für die Opfer des Holocaust geschaffen. Gepaart mit den vier deutschen Superhelden erhält daher sein „Vir Heroicus Sublimis“ auch eine politische Dimension.

Im Grunde genommen ist es gleichgültig, ob diese Konstellation – „Rückblick“ und 3. Oktober – geplant oder Zufall war. Kittelmann, im Brotberuf Direktor der Nationalgalerie Berlin, wird den Freuden- und Feiertag der Deutschen sicherlich in seinem Kalender rot markiert haben. Und es ist anzunehmen, dass der Museumschef einer Berliner Zeitung, die am Tag vor dem Einheitstag mit Gurskys „Rückblick“ und Blick auf die Ausstellung in Baden-Baden groß aufmachte – den entscheidenden Tipp gab. Ein besseres Marketing ist kaum vorstellbar. Aber darin ist das Burda-Museum nahezu perfekt. Es leistet sich immer wieder prominente und gut vernetzte Führungsleute. Der Intendant des früheren Tübinger Kunsthallenchefs Götz Adriani ist Helmut Friedel gefolgt, ehemalige Leiter des Münchner Lenbachhauses.

Zweifellos ist die Frischware „Rückblick“ (2015) ein Prunkstück dieser mit 40 Arbeiten Gurskys reichlich ausgestatteten Ausstellung. Es ist nicht die einzige Ikone aus der Werkstatt des Fotokünstlers, der aus der wohl bedeutsamsten Sehschule der Nation stammt: Wie Thomas Ruff und Candida Höfer, um zwei andere deutsche Fotografen von Rang zu nennen, ging Gursky in die Schule von Bernd und Hilla Becher. Das Düsseldorfer Künstlerpaar hatte sich vor einem halben Jahrhundert in alte Industriebauten verguckt und sie immer und immer wieder fotografiert. So ist eine schier unendliche Bildgeschichte entstanden, die mehr als nur eine zerfallende Industriekultur dokumentiert. Bechers melancholische Arbeiten gehören zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der Fotografie des 20. Jahrhunderts.

Natürlich fragt sich der Besucher des Burda-Museums, dessen lichte Architektur – von Richard Meier – leider etwas zu viele Spiegelungen auf den verglasten Fotografien verursacht, was Gursky von seinen Lehrern mitgenommen hat. Gewiss ein Sehen, das den reinen Schnappschuss und die visuelle Verführung zugunsten einer systematischen Vorgehensweise eintauscht. Gursky ist ein Reisender in vielfacher Hinsicht. Es geht in seinen Bildern, wie in denen der Bechers, um das Inventar und um die Registrierung der globalisierten Welt. Dazu gehören die Korbflechterinnen in „Nha Trang“ (2004) in Vietnam, die Spargelernte in „Beelitz“ (2007) oder ein propagandistisches Massenspektakel im nordkoreanischen „Pyongyang“ (2007). Die historische Verankerung in den neusachlichen und emotionslosen fotografischen Expeditionen der 1920er-Jahre (Sander, Buffon, Linné, Lavater), die den Bechers zu Recht nachgesagt werden, ist auch bei Gursky zu beobachten. Selbst der Verzicht auf alles Psychologische.

Und doch verfolgt er andere Bildstrategien als seine legendären Vorbilder. Die Bechers bleiben zum Beispiel beim kleinen Format. Gursky nützt mit der Zeit alle technischen Möglichkeiten der Monumentalisierung: „Rückblick“, die größte Aufnahme der Ausstellung, misst 242,5 x 477 6,2 cm, das kleinste Format, „Pförtner, Salzgitter “, 1982 analog fotografiert, 43,2 x 52 x 2,5 cm. Was das auch bedeuten kann? Die bedingungslose Orientierung am Panorama und den Abschied vom üblichen Tafelbild. Anders als seine Lehrer, die in ihren „Typologien“ auf Schwarz-Weiß setzten, lebt Gurskys Werk von der Farbe. Und anders auch als diese „Stalker“ der zerfallenden Industriekultur, wendet er sich nicht einzelnen Objekten zu, sondern bezieht eine Vielfalt an Gegenständen ein: skurrile Landschaften („Tour de Fance I“, 2007) gehören ebenso dazu wie Architekturen („Paris, Montparnasse“, 1993) und Innenräume („Chicago Board of Trade III“, 2009). Am klassischen Porträt hängt er allerdings genauso wenig wie die Bechers. Doch lässt er Menschen zu. Sie werden in seinen zwar politischen, aber selten moralisierenden Fotografien in die jeweilige Szenerie eingebaut. Abgebildet im Maßstab von Miniaturen, sind sie Statisten, die als Stellvertreter für den Betrachter fungieren: Besucher eines Konzerts („Madonna I“, 2001) Mitarbeiter der Börse („Frankfurt“, 2007) oder die kleine Gruppe von Menschen in der Kirche („Kathedrale I“, 2007).

Die frühen Kompositionen orientieren sich an Gestaltungsmustern wie Lichtstimmung oder nachvollziehbaren Standpunkten („Kairo“, 1992; „Prada II“, 1997). Inzwischen hat Gursky aber einen Bereich zeitgenössischer Fotografie erreicht, der noch nicht endgültig definiert ist. Seit Anfang der 1990er- Jahre nutzt er die Möglichkeiten digitaler Bearbeitung. Die Motive werden mit analogen und digitalen Mitteln aufgenommen. Aus einer größeren Anzahl von Fotografien wird dann am Rechner ein finales Bild komponiert.

Diese „Collagen“ – nichts anderes ist der „Rückblick“ oder die hyperrealistische Luftaufnahme des Viehmarkts von „Greeley“ (2002) – haben mit der herkömmlichen Dokumentarfotografie nichts mehr zu tun. Gurskys Fotografien bilden keine authentische Wirklichkeit ab. Indem er sie neu montiert – er selbst spricht von „Konstruktion“ – entwickelt er eine gewisse Vorstellung der Welt. Der Fotograf wandelt sich mit seinen inszenatorischen Eingriffen vom Chronisten zum Autor, ja zum Künstler. Aber Gursky ist kein Caravaggio, kein Rembrandt, kein Turner und kein Richter. Dennoch haben seine Bildfindungen das Zeug zu Historienbildern der Massengesellschaft.

Museum, Baden-Baden, Lichtentaler Allee. Bis 24. Januar. Di bis So 10-18 Uhr. Fe geöffnet, außer 24./31. Dezember. Katalog 36 Euro.

www.museum-frieder-burda.de

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