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Kultur Bloß kein Rock'n‘Roll

Morgen erscheint das neue Album von David Bowie. Wie „Blackstar“ klingt? Surreal und so eigenwillig, wie man das bei ihm gewohnt ist

War die Zeit der wildesten Neuerfindungen für David Bowie womöglich vorbei? Als Legende muss man sich im fortgeschrittenen Alter ja nichts mehr beweisen. Auch Bowie nicht, der nach einem Beinah-Herzinfarkt 2004 und fast einer Dekade geheimnisvollen Schweigens mit „Where Are We Now“ an seinem 66. Geburtstag vor drei Jahren überraschend ein musikalisches Lebenszeichen gab.

Das darauf folgende Album „The Next Day“ versammelte retrospektiv schließlich Stile, Einflüsse, Ideen aus seiner langen Karriere, während parallel die Ausstellung „David Bowie is“ am Victoria & Albert Museum in London sein Leben und Schaffen Revue passieren ließ. Doch ein Bowie nur noch im Rückschau-Modus, der sich mit der Arbeit an seiner eigenen Musealisierung zufrieden gibt? Eigentlich unvorstellbar – und tatsächlich weit gefehlt.

Sein 25. Studioalbum „Blackstar“, das er morgen an seinem 69. Geburtstag veröffentlicht, klingt wieder überwiegend so wie kein Bowie-Album zuvor. Als Single schickte Bowie mit dem Titeltrack einen zehnminütigen Brocken vorweg, der selbst in dieser Version noch auf ITunes-kompatible Länge gekürzt werden musste. Surreal ist er und so eigenwillig, so wie das Video, das dazu veröffentlicht wurde. „Blackstar“ beginnt sehr sphärisch, mit orientalischen Saxofon-Tupfern und Choral-ähnlichem Gesang, bevor nach einigen Minuten ein Richtungswechsel eine Andeutung von Pop zulässt und sich die Stimmung zum Schluss wieder verfinstert. Die Strategie war, Rock'n'Roll zu vermeiden, ließ Bowies Produzent Tony Visconti verlauten, weil der Musiker selber nach wie vor keine Interviews mehr gibt. Und um jetzt nicht in alte Soundgewohnheiten zurückzufallen, holte sich Bowie eine neue Band ins Studio.

Die Jazz-Bandleaderin Maria Schneider stellte Bowie in einer Jazz-Bar im New Yorker West Village den Saxofonisten Donny McCaslin vor. Kurze Zeit später engagierte Bowie ihn mit einigen seiner Musiker für die Aufnahmen von „Sue (In the Season of Crime)“. Der jazz-experimentelle Song, der auf dem Best-of „Nothing Has Changed“ landete, sollte aber nur die erste Zusammenarbeit sein. Es folgten die gemeinsamen Aufnahmen zu „Blackstar“, das Bowie nun ebenfalls mit einer heftigen Infusion Jazz versehen hat. Zwei Instrumente spielen die wichtigsten Rollen: die Drums, so druckvoll und komplex wie zuletzt auf seinem Drum-n'Bass-Trip „Earthling“ von 1997. Und das Saxofon, das sich aus Schlagzeugantrieb und den Melodien immer wieder Soli-Freiräume erkämpft.

Neben „Sue“ ist „‘Tis A Pity She Was A Whore“ ein weiteres Stück, das bereits zuvor veröffentlicht wurde. Für „Blackstar“ wurden beide komplett neu bearbeitet: „‘Tis a Pity She Was A Whore“ tritt ordentlich aufs Gas, angetrieben von einem energetischen Beat, auf dem sich das Saxofon bis in die Atemlosigkeit austobt. „Sue (in the Season of Crime)“ hingegen ist härter und kühler als zuvor und streift die fast atonale, orchestrale Opulenz ab. Dazwischen befindet sich mit „Lazarus“ ein weiterer Höhepunkt mit trottendem Saxofon und rauen Gitarren, die immer wieder in die melancholische Atmosphäre hineinschneiden. Es ist das einzige Stück aus der aktuellen Broadway-Produktion, das auf dem Film „The Man Who Fell To Earth“ basiert und von Bowie mit ungewohnt brüchiger Stimme aus der Perspektive des Außerirdischen gesungen wird, den er 1976 selbst verkörperte.

Nach dem wilderen Start sind die letzten beiden der lediglich sieben Songs schließlich die wohl zugänglichsten auf „Blackstar“: das balladeske „Dollar Days“ und „I Can't Give Everything Away“ mit einem croonenden Bowie im Refrain. Und natürlich: Wie textliche Referenzen zum ISIS-Terror, zu „Clockwork Orange“, betrogener Liebe und einem Rock-Alien passen, behält er für sich. Auch mit 69 bleibt bei Bowie also alles beim Alten und alles anders, unberechenbar und aufregend wie lange nicht, wieder mit dem Blick nach vorn.

David Bowie: „Blackstar“. Verschiedene Formate (CD, LP, MP3). Columbia

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