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Kultur Biotope für Bürokraten

Jan Banning wirft im Konstanzer BildungsTURM einen Blick in Amtsstuben aus aller Welt

Die Akten türmen sich bis unter die Decke. Wie um alles in der Welt soll man hier etwas wiederfinden? Die Akten sind Sushma Prasad buchstäblich über den Kopf gewachsen. Frau Prasad arbeitet, wie wir erfahren, als Büroangestellte im Kabinettssekretariat des indischen Bundesstaats Bihar. Sie verdient 5000 Rupien im Monat, was in etwa 100 Euro entspricht. Sie wurde aus „Anteilnahme“ eingestellt, wie Jan Banning weiter verrät, nachdem ihr Mann, der in demselben Büro gearbeitet hat, an einem Herzinfarkt gestorben war.

Für sein Projekt „Bureaucratics“ hat Jan Banning acht Länder bereist. Der niederländische Fotograf (*1954), der zunächst Sozial- und Wirtschaftsgeschichte studierte, porträtiert Staatsangestellte in ihren Amtszimmern, vom einfachen Archivar bis zum höheren Beamten. In Indien, Russland, Bolivien, Frankreich, Liberia, China, dem Jemen und den Vereinigten Staaten. Auch wenn die Differenzen zwischen diesen Ländern nicht zu übersehen sind, zeigen sich doch auch überraschende Gemeinsamkeiten. Entstanden ist eine höchst aufschlussreiche fotografische Studie über die Kultur und die Symbole öffentlicher Verwaltung. Eine Auswahl von Bannings Aufnahmen ist nun im Konstanzer BildungsTURM zu sehen. Die Ausstellung wurde vom Exzellenzcluster „Kulturelle Grundlagen von Integration” der Universität Konstanz in Zusammenarbeit mit dem Amt für Schulen, Bildung und Wissenschaft der Stadt Konstanz organisiert. Ergänzend dazu gibt es eine Reihe von wissenschaftlichen Vorträgen, die dem Wesen der Bürokratie auf die Spur kommen will.

Banning durfte in aller Regel erst nach Voranmeldung fotografieren. Die Bilder sind dementsprechend inszeniert. Die Beamten wussten, auf was sie sich einließen. Dennoch gibt der Blick hinter die Kulissen staatlicher Macht vieles preis. Die Aufnahmen laden nicht nur dazu ein, über die Ikonografie der Macht nachzudenken. Denn schon nach den ersten Fotografien wird klar, dass hier nicht nur Bürozimmer zu besichtigen sind, sondern ebenso auch die Menschen vorgestellt werden, die in den entsprechenden Räumen arbeiten. Gewissermaßen handelt es sich um Doppelportraits. Wir lernen unterschiedliche Ordnungssysteme kennen und können erahnen, in welchem Verhältnis die Staatsdiener zu ihrem Arbeitgeber stehen – manche präsentieren sich voller Stolz und mit großem Ernst der Kamera, andere wahren Distanz.

Oft ist der Schreibtisch parallel zum Bildrand ausgerichtet. Banning konfrontiert den Betrachter frontal mit den Staatsdienern. Man kommt sich vor, als stünde man selber als Bittsteller oder Angeklagter vor ihnen. Die ständige Adressierung des Betrachters ist ein ganz entscheidender Punkt. Einige Würdenträger schauen grimmig. Ihnen – etwa dem Polizeibeamten aus dem russischen Dorf Oktyabrsky – möchte man bei der Ausübung ihrer Pflicht lieber nicht gegenübersitzen. Andere geben sich betont entspannt und tragen statt Uniform lockeren Freizeitdress. Es fällt auf, dass in den westlichen Ländern die Büros eher heimelig eingerichtet sind und von persönlichen Gegenständen geradezu überquellen. Neben dem Foto des Staatspräsidenten hängen private Aufnahmen, Andenken und Poster – und auch mal ein Pin-up. Andernorts herrscht sachliche Strenge. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man aber auch hier kleine, persönliche Details der Angestellten. Einige Zimmer sind eng und ihre Möblierung ist spartanisch. Manche verfügen nicht einmal über Telefon, Computer oder Schreibmaschine. Doch auch diese Büroräume erfüllen ihren Zweck. Und zur Not tut es auch ein Schreibtisch im Freien.

Jan Bannings Fotos sind entlarvend und mehr als einmal unfreiwillig komisch. Im Gedächtnis haften bleiben wird bestimmt der Texas Ranger Rudy Flores, der sich als John Wayne in Szene setzt. Mit einem Monatseinkommen von 5000 US-Dollar gehört er zu den Besserverdienenden. Eine Broschüre gibt Auskunft über die wichtigsten Daten – Ort, Funktion, Gehalt, Geburtsjahr – und erwähnt originelle Besonderheiten. Etwa, dass der bolivianische Standesbeamte aus Millares nebenher in seinem Büro auch selbst angebautes Gemüse verkauft. Banning erzählt von Staatsangestellten, die sich für ihren Beruf aufopfern, aber auch von korrupten Beamten. Doch bevor man diese Informationen nachliest, empfiehlt es sich, die Bilder zunächst einfach wirken zu lassen. Und man wird umso mehr Details entdecken.

Jan Banning: Bureaucratics. In Ämtern und Würden, BildungsTURM, Kulturzentrum am Münster, Konstanz. Bis 29. Juni. Di bis Fr 10–18 Uhr, Sa/So 10–17 Uhr. – 9. Mai, 18 Uhr, Führung/Künstlergespräch moderiert von Prof. Dr. Isabell Otto; 14. Mai, 19 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Bernd Stiegler. Weitere Infos:

www.exzellenzcluster.uni-konstanz.de

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