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Kultur Bilder aus 1001 Nacht

Der Konstanzer Bildungsturm lädt zur fotografischen Reise in den Orient und zeigt dabei, wie sehr doch unsere Vorstellungen vom Morgenland von Bildern geprägt sind

Drei Männer aus dem Orient posieren in wallenden Gewändern und mit Turbanen. Doch der Schein trügt. Die Täuschung ist erst bei genauem Hinsehen zu erkennen. Unter den Kaftanen schauen Krawatten hervor, das Schuhwerk ist eindeutig westlich. Die Aufnahme entstand in den 1870er-Jahren in München, im Atelier des königlich-bayerischen Hoffotografen Mathias Possenbacher. Die aufwendig inszenierte Fälschung erzählt von der großen Sehnsucht nach dem Orient. Einer exotischen Welt, über die man nur wenig wusste. Umso hartnäckiger hielten sich die oft verklärten Vorstellungen, die sich in den Köpfen festgesetzt hatten. Anhand von Reiseberichten und Romanen malten sich die Europäer ein Bild des Orients aus, das mit der Wirklichkeit allerdings wenig zu tun hatte. Die orientalistischen Maler ergötzten sich an Haremsphantasien und beflügelten nochmals die Phantasie.

Dann kam die Fotografie. Und auf einmal musste man nicht einmal mehr eine weite Reise auf sich nehmen, um die Wunder des Orients zu bestaunen. Die Fotografien aus Ägypten, der Türkei, dem damaligen Palästina und Nordafrika zeigen vor allem das, wofür sich das westliche Publikum besonders interessierte. Ein durchweg eurozentrischer, oft auch imperialistischer Blick, der bemüht war, die vorherrschenden Klischees zu bestätigten. Rund 150 Aufnahmen aus den Jahren 1850-1910 erlauben im Konstanzer Bildungsturm einen Einblick, wie die „fotografische Eroberung“ des Morgenlandes vonstatten ging. Die Ausstellung und der begleitende Katalog gehen zurück auf ein Projektseminar an der Universität Konstanz unter der Leitung von Bernd Stiegler und Felix Thürlemann.

Wir reisen mit zu den Pyramiden von Gizeh und weiteren antiken Stätten und streifen durch die Straßen Kairos. Aber ohne Menschen wären die Monumente und faszinierenden Landschaften nur eine leere Bühne. Und so bevölkern Beduinen und die unvermeidlichen Kamele die Aufnahmen. Erst durch sie werden die Bilder lebendig und – vermeintlich – authentisch. Wir sehen tanzende Derwische, Frauen in exotischen Gewändern und würdige Männer mit Turban und Bart. Auch eine Mumie wird eindrucksvoll portraitiert. Mehr als eine Aufnahme ist gestellt. Viele Fotografien wurden in Ateliers aufgenommen. Die Fotografen wählten Menschen, die den gewünscht exotischen Eindruck vom Orient verkörperten, und hielten Requisiten bereit, um bestimmte Berufe oder Volksgruppen in Szene setzen zu können. In gewisser Weise gleicht die Orientfotografie, wie im Ausstellungskatalog erörtert wird, einer Theaterinszenierung.

Neben den historischen Sehenswürdigkeiten steht das Alltagsleben in den Städten und auf dem Land im Zentrum. Auch der europäische Tourist kommt ins Bild und verkleidet sich dabei gerne als Orientale. Eine frühe Form des Erlebnistourismus. Der Orient verkommt zur Maskerade. Während die alten Fotografien in Sepia-Tönen gehalten sind, setzen in der Ausstellung Stoffe und kleine Teppiche Farbakzente. Ein weiterer Hingucker sind die ausgeklappten Panoramaansichten von Städten wie Konstantinopel.

Die Fotografen lieferten auch die passenden Bilder für die Bibellektüre. Mit schwerem Gepäck und mitunter sogar mit mobilen, von Pferden gezogenen Fotolaboren zogen sie durch das Heilige Land. Auf die Komposition wird besonderen Wert gelegt. Den Betrachtern im fernen Europa soll ein möglichst schöner Blick auf die heiligen Stätten ermöglicht werden. Die Fotos sollten von zeitloser Gültigkeit sein.

Beim Rundgang durch die Ausstellung erschließt sich schnell, dass nicht die reale Wirklichkeit fotografiert wurde, sondern das, was der europäische Kunde für die Wirklichkeit hielt oder wirklich sehen wollte. Auch dem Voyeurismus wird Rechnung getragen und so fallen die Schleier. Die Fotografen gewähren uns einen perfekt inszenierten Blick in das abgeschlossene Reich des Harems, um das sich so viele Phantasien ranken.

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