Biennale Biennale in Venedig – es lebe die Kunst!

Am 13. Mai 2017 beginnt die 57. Internationale Kunstbiennale in Venedig. 120 Künstler sind in der Hauptausstellung vertreten, dazu kommen mehr als 80 nationale Pavillons. Auch Künstler aus Deutschland sind in Venedig mit dabei. SÜDKURIER-Mitarbeiter Siegmund Kopitzki war vor Ort und hat sich unter anderem den Deutschen Pavillon angeschaut

Auch Sigmar Gabriel war in Venedig. Der Bundesaußenminister (SPD) eröffnete den deutschen Pavillon auf der Biennale bei strahlendem Sonnenschein. Die deutsche Kultur im Ausland gehört zu seinem Geschäftsbereich. Künstlerin – Anne Imhof, Frankfurt – und Kuratorin – Susanne Pfeffer, Kassel – hatte noch Frank-Walter Steinmeier bestellt, sein Vorgänger im Amt. Gabriel machte keinen Hehl daraus, dass er nicht vom Fach sei, also beließ er es bei allgemeinen Statements wie: Kunst müsse „Augen, Seele und Hirn öffnen“. Außerdem, und hier kam der Politiker zu Wort, wandte er sich gegen nationale Abgrenzungen. Tendenzen zur Demonstration der nationalen Überlegenheit seien hoch aktuell, „ganz sicher in der Politik“, so der Minister.

Auch ein kritisches Wort zur aktuellen Debatte um die Leitkultur konnte sich Gabriel nicht verkneifen: „Wir haben schon eine deutsche Leitkultur, das sind die ersten 20 Artikel der Verfassung.“ Andere Kulturen müssten respektiert werden. „Aber diese müssen sich in unserem Land im Rahmen der Verfassung bewegen.“ Der Beifall von gefühlt 300 Kunstfreunden war ihm an dieser Stelle der Rede sicher.

Der Minister ließ es sich nicht nehmen, in Venedig den deutschen Pavillon zu besuchen. Wir wissen nicht, ob ihm die Performance der 39-jährigen Imhof Augen, Seele und Hirn geöffnet hat. Das Protokoll erlaubte ohnehin nur einen kurzen Blick auf das „Faust“ genannte Stück, das fünf Stunden dauert. An den ersten Biennale-Tagen, die den Medien, Galeristen, Sammlern, Museumsleuten und Prominenten gehören, wird es kein Besucher des deutschen Pavillons geschafft haben, den Anfang und das Ende der Performance zu erleben. Aus Rücksicht auf die Warteschlangen war nur ein zeitlich begrenzter Aufenthalt im Pavillon möglich.

Anne Imhof gilt als Senkrechtstarterin in der Kunst-Szene. Streng genommen geht es bei ihr seit 2012 nach oben, als sie den Absolventenpreis der Frankfurter Städelschule erhalten hat. Sie ist eine begabte Zeichnerin, sie malt auch ganz klassisch. Aber bekannt wurde sie mit ihren Performances, die sie mit Hilfe zahlreicher, meist aus ihrem Freundeskreis stammenden Akteuren erarbeitet – in Venedig sind das 40 Personen. Darunter sind aber auch Performances mit lebenden Eseln, Hasen oder Falken. In Venedig laufen Hunde um den eingekäfigten Pavillon herum.

In ihrer Choreografie „Faust“, die sich im Prozess immer ein wenig anders gestalten kann, wie Kuratorin Susanne Pfeffer weiß, spielt Imhof mit den Themen Macht und Ohnmacht, Willkür und Gewalt, Widerstand und Freiheit. Dabei rufen sie und ihr Team körperbetont unter lauter Musik unzählige, aber auch bisweilen rätselhafte Bilder auf. Es geht unter anderem um das Gefühl, in der Gesellschaft ausgeschlossen zu sein oder aber nicht, so Pfeffer, die hauptamtlich das Fridericianum in Kassel leitet. Imhof hat aber auch am Pavillon Hand angelegt, der säulenstark im Dritten Reich erbaut wurde. So ließ sie innen dicke Glasböden einziehen, unter denen sich die Performer geisterhaft bewegen. Aber auch Fotografien hängen an den Wänden, Porträts der Künstlerin, die ein Fest versprach, gute Laune. Heiterkeit geht anders. Unser Hirn – ratlos; das Auge – etwas enttäuscht; die Seele – keine Antwort.

Der deutsche Pavillon ist einer von mehr als 80 nationalen Gastauftritten bei der – neben der documenta – wichtigsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Längst schon haben sich, mangels Raumangebot in den Giardini, viele Länder im Zentrum von Venedig niedergelassen und das eine oder andere Palazzo am Canale Grande angemietet. Hier sind die Grenzen fließend. Das gilt ebenfalls für die offiziellen und die offiziell anerkannten Biennale-Projekte. Es gibt inzwischen aber eine Flut weiterer Schauen. Künstler vermerken die karrierefördernde Biennale-Teilnahme in ihrem Lebenslauf schon dann, wenn sie während der Laufzeit eine Gondelfahrt unternommen haben.

Die Kuratorin der Hauptausstellung, die Französin Christine Macel, lockt in die Giardini in Venedigs Stadtteil Castello und ins Arsenale mit Arbeiten von mehr als 120 Künstlern aus 50 Ländern. Ihr glückversprechendes Motto lautet „Viva Arte Viva“. Es sei ein Ausrufezeichen, erklärte sie im Vorfeld der Biennale. Leidenschaftlich will sie die Kunst und die Situation der Künstler in der Welt ins Bewusstsein rufen. Und ja: „Viva Arte Viva“ (Es lebe die Kunst) ist eine Biennale, die mit den Künstlern, durch sie und für sie geschaffen wurde.

Es fällt auf, dass Macel, die im Normalmodus als Kuratorin im Pariser Centre Pompidou arbeitet, auf die ganz großen Namen der zeitgenössischen Kunst verzichtet hat (von wegen Richter, Hirst oder Wall). Auch präsentiert sie, so der erste Eindruck, keine politikbeflissene Belehrung im Kunstgewand, wie es angesichts der bedrückenden Flüchtlingsbewegung vielfach erwartet (oder befürchtet) wurde. Macel betont die Schönheit, die eigentliche Kraft der Kunst, wie sie sagt. In den nächsten Monaten entscheiden die Besucher, ob dieses offene Konzept aufgeht.

Die 57. Biennale

Seit 1895 findet das Kunstfestival in der italienischen Lagunenstadt Venedig statt. Dieses Mal wird die Hauptausstellung von Christine Macel kuratiert, deren Ziel es ist, die Künstler selbst und ihre Obsessionen in den Fokus zu rücken. Unter dem Titel „Viva Arte Viva“ wird ein offener Blick auf die Kunst gefeiert. Im Arsenale und in den Giardini laden mehr als 80 Nationen und im zentralen Pavillon 120 Künstler zur 57. Biennale ein. Den deutschen Pavillon bespielt Anne Imhof mit ihrem Team. Zahlreiche Ausstellungen warten zudem mit Sonderprogrammen auf. Die Biennale dauert bis zum 26. November 2017, geöffnet ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Erwachsene zahlen 25 Euro, Studenten 15 Euro, die Familienkarte kostet 42 Euro, die Wochenkarte 40 Euro. Weitere Informationen auf www.labiennale.org

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