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Kultur Ansichten einer zersplitterten Generation

Warum junge Ostdeutsche, die nach der Wende aufgewachsen sind, noch an ihrer Herkunft gemessen werden. 33 von ihnen geben Antworten in einem Buch

Die Mauer ist gefallen. Als unüberwindlich scheint aber für viele noch immer die Mauer im Kopf.
Die Mauer ist gefallen. Als unüberwindlich scheint aber für viele noch immer die Mauer im Kopf. | Bild: dpa

„Du bist aus Ostdeutschland“, bekam der Fotograf Sven Gatter oft zu hören. Wie nahezu alle der 2,4 Millionen in der DDR Geborenen der Jahrgänge 1975 bis 1985, geht es um ihre Herkunft. Für ihn war das „ein Etikett, das ich aufgebügelt bekommen habe“, nicht die Realität seines Lebens. Denn er war zu spät dran, um wie seine Eltern „mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit“ sagen zu können: „Wir sind gelernte DDR-Bürger.“ Für Gatter, 1978 geboren, in Bitterfeld verbrachte er seine Kindheit, im vereinten Deutschland seine Jugend, ist klar: „Ich bin kein gelernter DDR-Bürger. Aber automatisch habe ich mich an so eine Grenze zwischen Ost und West gesetzt gefühlt.“

Die „dritte Generation Ost“, Menschen, die beim Mauerfall 1989 noch Kinder waren, befassen sich mit ihrer Herkunft, um sich ihrer Identität zu versichern. Sie haben die Umbruchserfahrungen an sich selbst und in ihren Familien erlebt, sie wollen selber darüber entscheiden, wie das zu beurteilen ist und das nicht nur Soziologen und anderen Hoheitsdeutern überlassen, die das von oben betrachten, ohne es von unten wirklich zu kennen. Das im Christoph Links Verlag erschienene Buch ist ein Versuch der Selbstverständigung, der Auseinandersetzung mit der Elterngeneration und mit Gesprächspartnern aus dem Westteil Deutschlands. Diesen Dialog hat es so noch nicht gegeben, und es mussten mehr als zwei Jahrzehnte verstreichen, bis nun die Zeit dafür reif zu sein scheint. „Wer wir sind, was wir wollen“ heißt es trotzig im Untertitel.

Dieses Buch ist wichtig, weil es nicht eine homogene Ansicht vermitteln will, sondern mit unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Meinungen zum Leser kommt. Neben Rührstücken von Rückblenden, interessanten Künstlerporträts (etwa des DDR-Rockidols André Herzberg), der Frage, ob es im Osten oder im Westen mehr Frauenpower gab, Meldungen aus der „Arbeit einer ostdeutschen Biografiegruppe“, Berichten von solchen, die jung ins Ausland gingen, oder Politik in der Provinz, ist es vor allem das schonungslose Ringen um die eigene Identität, das lesenswert ist. Nur in einem sind sich die 33 Autoren einig: Die DDR war kein einziger Dreckhaufen à la Bitterfeld mit Stasi-Horchposten. Sie war nicht nur eine SED-Diktatur, ein mal kommodes, bei Renitenz brutal werdendes Regime kleinbürgerlicher Funktionäre von begrenzter Wahrnehmungsfähigkeit, das ein ganzes Volk in die Datschenkultur und in andere Formen der inneren Emigration vertrieb, bis es endlich aufbegehrte und dem Spuk ein Ende machte. Es war nicht nur eine isolierte, kulturell abgeschottete Welt. Heute, schreibt Anne Wessendorf, Jahrgang 1979, Betriebswirtin, wird die DDR „verurteilt als Unrechtsstaat. Für die guten Erinnerungen an meine Kindheit ist in diesem Urteil kein Platz, sie gehen darin unter.“

Es war ein Unrechtsstaat, aber warum, so die Autoren, wird das kleine Land nur als gefährlicher Umweltkrimi betrachtet, okkupiert von einer dumm-weltfremden Herrschaftskaste in ideologischer Verhärtung und im Altersstarrsinn? Warum werden Ostdeutsche unisono stigmatisiert? Warum wird nicht das fein entwickelte Miteinander der Menschen gesehen, die gemeinsam ein Regime überstanden und es verjagt haben? Zornige, Wütende, Nachdenkliche und Analytiker kommen zu Wort. Sie haben etwas zu reflektieren, was es im Westen so nie gab: eine doppelte Sozialisation.

Deshalb finden sich hier „Ansichten einer zersplitterten Generation“. „Ich kam aus einem Land, das schlecht zu sein schien, in eines, das fremd war und auch seine Tücken hatte“, erinnert sich Anne Schreiter, 1984 geboren, die in den USA und China gelebt hat und zur Zeit in der Schweiz promoviert. „Wenn ich heute mit gängigen Ost-Stereotypen oder dem Unwissen über die neuen Bundesländer konfrontiert werde, fühle ich mich daher meist nie selbst, sondern stellvertretend für meine Familie angegriffen.“ Sie wundert sich darüber, dass „auch Vertreter meiner Generation aus Westdeutschland bestimmte Einstellungen gegenüber dem Osten einfach übernommen haben. Genauso ärgere ich mich über unreflektierte Ostalgiker, die oft alle Klischees bestätigen.“ Sie wünscht sich vor allem mehr Humor als „etwas Verbindendes“ gegen die „Kombination von Ignoranz und Selbstgefälligkeit“.

Michael Hacker, Stephanie Maiwald, Johannes Staemmler: „Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen.“ Ch. Links Verlag, Berlin. 208 S., 16,90 Euro
Michael Hacker, Stephanie Maiwald, Johannes Staemmler: „Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen.“ Ch. Links Verlag, Berlin. 208 S., 16,90 Euro

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