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Kultur Anfassen erlaubt

Eine Ausstellung im Basler Tinguely Museum erforscht den Tastsinn in der Kunst. Das Publikum darf selbst Hand anlegen

„Bitte berühren!“ Eine Aufforderung wie diese wirkt im Museumskontext nicht nur ungewohnt, sondern widersinnig. Begegnet man in Ausstellungen doch – aus guten Gründen – normalerweise auf Schritt und Tritt kleinen Schildchen mit der exakt gegenteiligen Botschaft: „Please don't touch“. Doch die Ausstellung „Prière de toucher – Der Tastsinn der Kunst“ im Tinguely Museum in Basel führt den überraschenden Appell zu taktiler Kontaktaufnahme mit der Kunst schon im Titel. Und der ist ein kunstgeschichtliches Zitat: Auf den Einband des Katalogs zu einer Surrealistenausstellung in Paris im Jahr 1947 ließ Marcel Duchamp eine bemalte weibliche Brust aus Schaumgummi applizieren. Auf der Rückseite des Einbands fand der freudig stimulierte Käufer dann die frivole Einladung: „Prière de toucher“. Wobei die Wendung im Französischen semantisch mehrdeutig zwischen lasziver Bitte und frommem Gebet oszilliert.

Mit der Schau „Belle Haleine – der Duft der Kunst“ leitete das Museum 2015 eine Ausstellungsreihe ein, die die fünf menschlichen Sinne und ihre Darstellung in der Kunst bis zur Gegenwart zum Thema hat. Die Folgeschau „Prière de toucher“ widmet sich nun dem Tastsinn. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts stieg die Taktilität in der Kunst im Kurs. Die Basler Schau beleuchtet nun gleichzeitig die Vorgeschichte dieser Entwicklung und zeigt Kunstwerke aus insgesamt fünf Jahrhunderten. Zudem blickt sie über den Tellerrand westlicher Kunst hinaus und präsentiert Werke aus kultisch-religiösen Zusammenhängen, in denen Berührungsgebote und -verbote eine Rolle spielten oder spielen.

Ob Kunstwerke auch ohne direkten physischen Kontakt zum Betrachter den Tastsinn ansprechen können, fragt die Schau. Dass der Tastsinn selbst nicht zu kurz kommt, wird spätestens dann deutlich, wenn man auf dem so genannten Tastparcours halbwüchsige Mädchen mit verbundenen Augen an Statuen nackter Männer – Gipsabgüssen antiker Skulpturen aus der Skulpturhalle Basel – herumfummeln sieht. Durch Stereognosie soll der Besucher anstatt einen Gegenstand zu sehen mit haptischem Blick sein Bild ertasten.

Der Tastsinn ist der erste und älteste der menschlichen Sinne, die Haut das größte menschliche Organ; Fingerspitzen, Lippen und Zunge sind beim somatosensorischen Homunkulus weit überdurchschnittlich repräsentiert. Vor allem aber ist der Tastsinn in Gestalt von Berührungen eine elementare Form des Weltbezugs und ein unverzichtbares Element des sozialen Lebens. Barocke allegorische Darstellungen personifizieren den Tactus gern galant in Gestalt einer schönen Frau, die am Seeufer sitzt und aus deren Hand ein Vogel Körner pickt wie Peter Overadts Kupferstich. Abraham Bosses Radierung „Der Tastsinn“ (um 1638) veranschaulicht ihn durch einen Kavalier, der beim Schäferstündchen seiner Dame begehrlich an die Brust fasst.

Ist die Haptik in diesen frühen Beispielen lediglich bildliches Sujet, so avanciert sie in der Kunst der Moderne selbst zum Akteur. Zwar wird der leise Schauer, der dem Betrachter von Man Rays Bügeleisen mit Nägeln („Le cadeau“, 1921) über den Rücken läuft, visuell ausgelöst. Doch in seinem „Futuristischen Manifest“ des Taktilismus von 1921 forderte Filippo Tommaso Marinetti eine taktile Schulung als Element einer ganzheitlichen Erziehung. Mit seinem Tast-Relief „Sudan-Paris“ stellte er schon mal ein pädagogisches Hilfsmittel bereit.

Bei Yves Klein und Ana Mendieta mutiert der empfindende menschliche Körper selbst zum Werkzeug von Kunst. Kleins „Anthropometrien“ sind Abdrücke der mit Farbe bestrichenen Körper nackter weiblicher Modelle auf der Leinwand. Seine „Sculpture tactile“, zu der er 1957 eine Skizze und ein Modell entwarf, wurde erst 2014 versuchsweise realisiert. Den Besuchern der Schau ermöglicht sie eine ganz spezielle Tast erfahrung.

Zumal mit der Kamera lassen sich taktile Erfahrungen vermitteln – so im Falle eines Videos von Javier Tellez, in dem die Kamera Blinde beim Ertasten eines Elefanten begleitet. Zu den insgesamt 40 Filmen und Videos zählen Arbeiten von Marina Abramovic, Vito Acconci oder Bruce Nauman. Einige dokumentieren Performances mit taktilen Elementen – oder eine öffentliche Aktion wie die von Valie Export, die sich 1968 auf dem Münchner Stachus von Passanten begrapschen ließ. Die Installation „Warmte (Heat)“ des Niederländers Jan van Munster ermöglicht die körperhafte Erfahrung von Wärme. Während sich sein Landsmann Jeroen Eisinga in seinem Video langsam in einen Ritter im Harnisch aus 150 000 Bienen verwandelt – zweifellos eine recht intensive taktile Erfahrung.

Die Ausstellung läuft bis 16. Mai im Tinguely Museum, Paul-Sacher-Anlage 1, Basel. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11-18 Uhr.

www.tinguely.ch

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