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Kultur „Tristan und Isolde“ in Baden-Baden: Gefühle in ewiger Nacht

In Baden-Baden scheitert die Regie an „Tristan und Isolde“, doch die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle retten den Abend.

Es ist dunkel im Festspielhaus Baden-Baden. Mariusz Trelinski hat nicht nur den zweiten Aufzug von „Tristan und Isolde“ in der Nacht angesiedelt, sondern Richard Wagners gesamte Oper. Die ewige Nacht als Schauplatz authentischer Gefühle – ein gut gemeinter Gedanke, der aber szenisch kaum Wirkung entfaltet, sondern auf die Dauer einfach nur einschläfert. Wie überhaupt vieles bei dieser von Buhs begleiteten Inszenierung am Eröffnungsabend der Osterfestspiele Baden-Baden im Verborgenen bleibt. Auch auf dem Radarschirm, der vor jedem Aufzug auf die Gazewand projiziert wird, sucht man vergeblich nach einem Konzept.

Es sind wie in den vergangenen, szenisch ebenfalls unbefriedigenden Baden-Badener Osterfestspieljahren die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, die den Abend retten. Die eine Sogwirkung entstehen lassen, der man sich nicht entziehen kann. Als „Kunst des Übergangs“ hat Richard Wagner die Tristan-Partitur bezeichnet. Die Berliner Philharmoniker zelebrieren sie mit einer Differenzierungskunst, die ihresgleichen sucht.

Schon der Beginn des Vorspiels mit der exquisiten, extrem homogenen Cellogruppe, angeführt vom jungen ersten Solocellisten Bruno Delepelaire, legt die Messlatte hoch. Das zerbrechlichste Pianissimo hat noch höchste klangliche Qualität. Die Crescendi und Decrescendi sind subtil und ganz organisch. Simon Rattle dirigiert mit kühlem Kopf und heißem Herzen. Vor allem entwickelt er mit den Berliner Philharmonikern eine Flexibilität, die das schnelle Umschlagen der Stimmungen zu einem Hörerlebnis macht. Das Orchester wird zu einem Meer – ruhig oder stürmisch, besänftigend oder aufwühlend, aber immer in Bewegung! Für die Einschwingvorgänge der Bläser nimmt er sich Zeit.

Die Musik atmet, hat Luft und Raum. Dabei bleibt der Orchesterklang selbst in den dramatischen Ausbrüchen immer rund und warm. Die Farbmischungen zwischen Blech und Holz sind subtil. Die Soli (tiefsinnig: Dominik Wollenweber am Englischhorn) entfalten eine besondere Atmosphäre. Nach Akzenten wird der Tuttiklang sofort zurückgenommen, sodass die Interpretation immer transparent bleibt, ohne an Dramatik zu verlieren.

„Verflucht sei, furchtbarer Trank“

Nur an ganz wenigen Stellen lassen die Berliner Philharmoniker ihre Muskeln spielen wie am Ende des ersten Aufzugs, wenn das Schiff in Cornwall anlegt und die Männer „Heil, König Marke!“ rufen (prägnant und stimmgewaltig: der im Orchestergraben postierte Philharmonia Chor Wien). Oder auch im dritten Aufzug gibt es diese klanglichen Spitzen mit rauen Streichertremoli und scharfen, gestopften Blechbläsern. Das schwebende Ende nach dem von Eva-Maria Westbroek expressiv gesungenen Liebestod gelingt Rattle tief berührend, ehe ein Handy (Klingelton: „Eine kleine Nachtmusik“) die spannungsvolle Stille zerstört. Das bleibt aber die einzige schwerwiegende musikalische Panne an diesem Abend.

Eva-Maria Westbroek, die in der Titelrolle von Puccinis „Manon Lescaut“ vor zwei Jahren an gleicher Stelle nur bedingt überzeugen konnte, ist eine hochdramatische Isolde mit enormer Tiefe und viel Stehvermögen. Nur bei den hochliegenden dynamischen Spitzen überdreht die Sopranistin etwas und verliert die ansonsten gute Stimmkontrolle. Lyrische Zwischentöne zeigt der australische Tenor Stuart Skelton bei seinem Rollendebüt noch mehr.

Seine Vibratogestaltung ist schlichter, die Melodiephrasen haben einen ganz natürlichen Bogen. Dass ihm am Ende im dritten Aufzug dann doch die Kräfte verlassen und er bei dem Ausruf Tristans „Verflucht sei, furchtbarer Trank“ stimmlich auf den Felgen fährt, fällt kaum ins Gewicht bei seinem insgesamt differenzierten Rollenporträt.

Schade nur, dass Regisseur Mariusz Trelinski kaum etwas mit diesem Liebespaar anzufangen weiß. Einen echten physischen Kontakt gibt es kaum. Meist stehen die beiden unbeteiligt herum oder laufen aneinander vorbei. Zur Liebesnacht lässt der Regisseur mal wieder den Gazevorhang mit allerlei Nebengeräuschen herunter und schickt die Zuhörer mit Videos (Bartek Macias) auf eine Flugreise über Wälder ins Universum, anstatt der Musik zu vertrauen. Danach treffen die beiden Liebenden in einer kerzenbeleuchteten Business-Lounge aufeinander – ein bei bestem Willen doch eher suboptimaler Ort für Entgrenzung und Ekstase.

Insgesamt spielt die Handlung auf einem Kriegsschiff (Bühne: Boris Kudlicka, Kostüme: Marek Adamski). Es gibt eine Kommandobrücke, die zu Beginn des zweiten Aufzugs zum wenig lauschigen Treffpunkt der Liebenden wird. Ein offenes Treppenhaus und ein Unterdeck, in dem Isolde und Brangäne – Sarah Connolly singt die Partie mit schlankem Mezzo und klarer Diktion – Quartier gefunden haben, ergänzt das Setting. Das rauschende Meer ist nur durch das Fenster zu sehen. Die Enge der Behausung trifft auf die Weite und Wildheit des Ozeans, der das Innenleben Isoldes widerspiegelt: eine der wenigen gelungenen szenischen Ideen, die Spannung erzeugen.

Ansonsten gibt es immer wieder Videoprojektionen, die die Vorgeschichte beleuchten und auch mal fliegende Vögel in Zeitlupe zeigen. Im letzten Aufzug hängt Tristan am Tropf. Und ein Kind, das laut Programmheft den jungen Tristan verkörpern soll, besucht und streichelt ihn. Man wundert sich schon, dass bei einer solch aufwendigen Koproduktion mit der Met, dem Teatri Wielki Warschau und dem NCPA Peking so wenig szenischer Ertrag abfällt. Vielleicht reden ja zu viele mit bei künstlerischen Entscheidungen. Wer es allen recht machen will, hat schon verloren.

Musikalisch hat der Abend Größe, was auch an den weiteren Solisten liegt. Michael Nagy verleiht Kurwenal beim Rollendebüt mit seinem klar umrissenen, aber immer geschmeidigen Bariton klare Konturen. Und Stephen Milling ist mit seinem profunden Bass ein idealer König Marke in weißer Uniform. Die Quelle, die nie versiegt, sind die Berliner Philharmoniker. Sie bringen Licht ins Dunkel. Und entwerfen einen Spannungsbogen, von dem man sich getrost führen lassen kann.

Weitere Aufführungen: 22., 25. und 28. März. Karten unter: www.festspielhaus.de

Hier sehen Sie ein Video zu den Proben mit Aussagen beteiligter Musiker:

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