Kultur „Ich will ihm nicht dankbar sein“

US-Professor Hans Ulrich Gumbrecht hat bei Hans Robert Jauß promoviert. Aus der Distanz spricht er über die NS-Vergangenheit des Konstanzer Romanisten

Herr Gumbrecht, das Thema Jauß lässt Sie nicht los. In Ihrer neulich beim NZZ-Forum in Berlin gehaltenen Rede „Bewältigte Vergangenheit“ erinnern Sie an Ihren Doktorvater, der eine Karriere im NS-Staat und in der SS durchlaufen hatte. Sie sagten, dass die Nähe zu ihm in Ihrer Existenz eine Narbe hinterlassen habe. Aber Jauß hat nie über diese Jahre gesprochen.

So ist wohl die Narbe entstanden. Es gibt ehemalige Assistenten-Kollegen und heutige Freunde, die andere Erinnerungen haben als ich. Hans-Jörg Neuschäfer zum Beispiel, der neulich mitteilte, dass unser gemeinsamer Doktorvater ihm gegenüber seine SS-Mitgliedschaft erwähnte. Oder Karlheinz Stierle. Aber in den fast vier Jahren, die ich in Konstanz gearbeitet habe und auch danach nicht habe ich von meinem Doktorvater eine einzige Andeutung gehört oder gelesen. Dagegen kann ich mich gut daran erinnern, die für diese Generation typischen Geschichten von einem gehört zu haben, der im Zweiten Weltkrieg am Russland-Feldzug, wie man damals sagte, teilgenommen und, das ist ein wörtliches Zitat, „alles darangesetzt hatte, die Wehrmacht zu subvertieren“. Habe ich das geglaubt? Ja, auf eine Weise habe ich es geglaubt. Zumal mein Doktorvater auch ein engagierter SPD-Linker war.

Er wurde auch nie wirklich gefragt?

Absolut nicht. In den frühen 1970er-Jahren besetzte die Generation der überlebenden Kriegs-Teilnehmer die institutionellen Schaltstellen in Deutschland. Und obwohl es zum Stil meiner, der 68er-Generation, gehörte, Kriegsteilnehmer mit unangenehmen Fragen zu konfrontieren, war das an unserem Lehrstuhl nicht der Fall. Mein Doktorvater verstand es offenbar, solche Fragen zu blockieren und zu vermeiden. Die Tatsache, dass seine Frau den Zweiten Weltkrieg versteckt in Berlin überlebte, war ein Teil dieser Unantastbarkeit. Ich will nicht behaupten, dass darin eine Strategie lag, aber es war einer der vielen Gründe, warum diese eine Frage nie gestellt wurde.

Sie erwähnten in Ihrer Rede die Jauß-Dokumentation. Allein die Auftragsvergabe an Jens Westemeier hat die Universität in zwei Lager gespalten. Die eine Gruppe um Rektor Ulrich Rüdiger will Klarheit schaffen, die andere, darunter zwei Altrektoren, sieht darin eine „postmortale Persönlichkeitsschädigung“. Ist dem Rektor ein Vorwurf zu machen?

Ich antworte nicht prinzipiell, sondern ganz allein für mich als jemanden, der von diesem Leben und seinen uneingestandenen Dimensionen berührt worden ist. Ich habe mit meinem Doktorvater auch nach der Promotion einige Jahre zusammengearbeitet und werde heute noch oft mit ihm assoziiert. Ich verbitte mir mittlerweile, dass unsere Namen öffentlich in einem Atemzug erwähnt werden. Also bin ich dem gegenwärtigen Rektor der Universität Konstanz dankbar dafür, dass mit dem Auftrag an den Historiker Jens Westemeier endlich eine Klärung stattgefunden hat. Sie war seit zwei Jahrzehnten überfällig. Dass dabei Dinge zutage gekommen sind, die unangenehm sind, etwa dass die Universität lange Zeit nicht bereit war, diesen Schritt zu vollziehen, ist ein Preis, den niemand entrichten wollte.

Die Universität plant nun ein Symposium zur Frage, inwieweit Jauß' inneres und äußeres Engagement im Dritten Reich Einfluss auf seine Forschung hatte. Sehen Sie da Zusammenhänge?

Ich denke, selbst wenn man zu der Meinung kommen sollte, dass es einen Einfluss dieser Vergangenheit auf das Werk gegeben hat, bleibt das Werk bedeutend. Der französische Philosoph Jacques Derrida wurde zur Vergangenheit Martin Heideggers von einem Studenten gefragt: „Wissen Sie, Professor Derrida, denn nichts von Heideggers Nazismus“? Darauf Derrida: „Natürlich, mein junger Freund, das weiß jeder, das ist nicht die Frage. Die Frage ist, ob sein Werk so bedeutend hätte sein können, ohne die Nähe zum Nazismus“. Das ist eine Frage, die intellektuelle Gänsehaut-Gefühle auslöst. Ich selbst halte es allerdings eher für unwahrscheinlich, dass das Werk meines akademischen Lehrers von seinen Kriegsverbrechen beeinflusst war. Andere Erinnerungen verstören mich mehr. Etwa, dass jemand mit dieser Vergangenheit als erstes wissenschaftliches Werk eine Dissertation über die Arbeit des Gedächtnisses im Werk von Marcel Proust in Angriff nahm. Es scheint beständig eine Versuchung gegeben zu haben, wahrscheinlich eine vorbewusste Versuchung, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die in einem möglichen Zusammenhang zu seiner Vergangenheit standen.

Ist sein „Kind“, die berühmte Rezeptionsästhetik, noch angesagt oder schon historische Literaturtheorie?

Beides. Die Rezeptionstheorie war schon einer von jenen Denkanstößen, die eine so starke Resonanz haben, dass sie das entsprechende wissenschaftliche Feld irreversibel verändern. Vor allem die rezeptionshistorischen Aspekte sind in der Literaturwissenschaft weltweit längst selbstverständlich geworden, so selbstverständlich, dass man nicht mehr auf bestimmte Namen verweisen muss. Das gerade ist ein Zeichen für großen wissenschaftlichen Erfolg.

Sehen Sie das Ansehen des Wissenschaftlers Jauß beschädigt?

Es ist schwierig, das Ansehen des Wissenschaftlers und das Ansehen der Privatperson auseinander zuhalten. Das Ansehen der Privatperson ist irreversibel beschädigt – und ich meine zu Recht und aus guten Gründen. Auf der anderen Seite bleibt die Bedeutung eines mit diesem Namen verbundenen Werks. Wie bedeutend genau dieses Werk ist, steht wohl noch nicht fest – vielleicht ist jetzt der Blick frei für ein Urteil.

Sie leben seit 1989 in den USA und haben die US-Staatsangehörigkeit angenommen. Bringt das für Sie mehr Distanz zu den Deutschen und ihrer komplizierten Geschichte?

Ich habe den Eindruck, dass ich aus meiner nicht nur amerikanischen, sondern tatsächlich pazifischen Distanz solche Dinge manchmal prägnanter sehen kann. Nicht gegeben ist es mir aber auch in dieser Entfernung, mich aus der eigentümlichen paradoxalen Verantwortung meiner Generation zurückziehen. „Paradoxale Verantwortung,“ weil es auf meine Generation der in Deutschland unmittelbar nach 1945 Geborenen gefallen ist, die Verantwortung für Verbrechen, die geschehen sind, bevor wir geboren worden sind, zu übernehmen. Die Tatsache, dass ich nun das Unglück hatte, eng mit jemandem zusammenzuarbeiten, der erstens ohne Zweifel, wie man nun definitiv weiß, an Kriegsverbrechen beteiligt war und der zweitens diese Kriegsverbrechen auf sehr subtile und hartnäckige Weise verheimlicht hat, macht mein Leben für mich selbst in unangenehmer Weise ambivalent. Ich weiß, dass diese Doktorvater-Figur mich durch ihre Intelligenz geprägt hat – und für meinen beruflichen Erfolg eine wichtige Rolle gespielt hat. Eigentlich habe ich das, was man eine „Dankespflicht“ nennt. Wahrscheinlich hätte ich nicht so jung eine Professur bekommen, wenn ich nicht von jenem Lehrstuhl aus Konstanz gekommen wäre. Wenn Sie mich aber fragen, ob ich dankbar bin, kann ich die Frage nicht positiv beantworten. Ich will einem Kriegsverbrecher nicht dankbar sein. Das ist vielleicht die Narbe in meinem Leben, die ich am Beginn unseres Gesprächs erwähnte.

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