Zusatzaufgaben belasten zunehmend die Beamten - Wie die Streifenpolizistin Gudrun Zahn den harten Alltag bei der Polizei erlebt.
Polizisten in der Region: Sie trifft der Bürgerzorn direkt
Kommentar: Auch nur Menschen
Ein Betrunkener droht zwei Streifenpolizisten: „Wenn ihr mich anlangt, schlag ich euch tot!“ Ein Polizist muss seine Waffe ziehen, als ein Mann ihn mit einer Axt angreift. Jugendliche täuschen eine Prügelei vor, und als die Polizisten eingreifen, gehen sie gemeinsam auf die Beamten los.
Als erste Frau im Revier
Mit einer mobilen Radarfalle blitzen Beamte vor einer Grundschule überwiegend eilige Eltern. Die beschweren sich: „Habt ihr nichts Besseres zu tun?“ Alle diese Szenen haben Polizistinnen und Polizisten aus unserer Region erlebt. Sie klingen nicht gerade nach der Beschreibung eines Traumjobs – oder etwa doch?
„Ich liebe meinen Beruf“, sagt Gudrun Zahn. Die 42-Jährige ist Streifenpolizisten in Donaueschingen. Sie muss wissen, was sie da sagt. 1991 kam sie zur Polizei – weil ihr der vorige Job nicht aufregend genug war. „Ich wollte einen Beruf, der spannend ist, bei dem ich viel mit Menschen zu tun habe.“ Ihre Wahl fiel auf die Polizei.
Damals war Gudrun Zahn als erste Frau fest am Revier Villingen – eine Herausforderung. Haben Polizistinnen es auch im Dienst draußen auf der Straße schwerer? Sie lacht. „Nein, höchstens in Einzelfällen. Ansonsten war das eher ein Überraschungseffekt.“ Ihren Berufswechsel hat sie nie bereut.
Der Job wird härter
Gudrun Zahn ist Überzeugungstäterin – so wie die allermeisten ihrer Kollegen. Wenn man mit Beamten aus der Region über ihren Alltag spricht, dann fallen oft Worte wie „Erfüllung“ und „Berufung“. Polizist zu sein ist für sie der Traumjob. Und doch knirscht es im Getriebe des Polizeiapparats. Hinweise darauf verbergen sich in Studien und Statistiken – aber auch in den Aussagen der leidenschaftlichsten Polizisten. Denn ihr Job wird härter, und die Beamten, die ihn gewissenhaft und mit Freude erfüllen, spüren zunehmend die Folgen an Körper und Seele.
Irgendwann in seinem Dienstleben, meist früher als später, erlebt jeder Polizist Situationen, die ihn belasten – und muss irgendwie damit umgehen. „Bei schweren Unfällen oder Todesfällen, da funktioniert man immer“, hat Gudrun Zahn erfahren. „Später kommen dann die Bilder hoch, das kann tagelang dauern.“ Ihr hilft es, mit Kollegen darüber zu reden. Die kennen das Gefühl. „Es ist nicht gut, seine Familie damit zu belasten“, sagt sie.
Denn die Familien, vor allem die von Streifenpolizisten, sind schon belastet genug. Die Beamten arbeiten im Schichtdienst, rund um die Uhr. Komplett freie Wochenenden sind eher rar. „Als Alleinerziehende ist das besonders schwierig“, sagt die Polizistin. „Ein Kinderkopf braucht Regelmäßigkeit“ – den aber bietet der Fünf-Tage-Rhythmus des Schichtdienstes nicht, er liegt quer zum „normalen“ Sieben-Tage-Rhythmus der meisten anderen Menschen.
Einsatz in Stuttgart
Das ist der Alltag. Kommen dann noch Sondereinsätze dazu, kann das die Belastungsgrenze von Polizisten überschreiten. Gudrun Zahn kennt das. Einige Tage nach dem umstrittenen Wasserwerfer-Einsatz im Stuttgarter Schlossgarten hatte sie einen 16-Stunden-Einsatz am Bauzaun. Dort traf sie auf Frauen, die im Gespräch in Tränen ausbrachen.
Menschen, die die Polizisten anschrien, mit Trillerpfeifen einen Höllenlärm veranstalteten. Öfter als in Stuttgart war sie bei Demonstrationen in Freiburg im Dienst. Sie ist schon mit Steinen beworfen worden, mit Bierflaschen und Farbbeuteln. Ein Mann stand dicht vor ihr und zischte ihr ins Gesicht: „Mann, bist du hässlich!“ Eine Mutter zeigte mit dem Finger auf sie: „Guck, das ist ein böser Polizist“, sagte sie zu ihrem Kind. „Die Kunst ist, das alles an der Uniform abprallen zu lassen“, sagt Gudrun Zahn. „Was ich mir trotzdem manchmal wünsche: Eine bessere Handhabe gegen Menschen, die uns missachten und beschimpfen.“
Sondereinsätze belasten nicht nur jeden einzelnen Beamten, sondern auch die Polizei insgesamt. Roland Wössner, Polizeichef in Villingen-Schwenningen, hält zwar wenig von Aussagen wie „Die Polizei ist am Ende“. Viel lasse sich durch gute, kreative Organisation auffangen. Und doch spürt auch er in seiner Direktion die Probleme. „Wenn die Alarmhundertschaft zum Beispiel nach Stuttgart muss, dann brechen hier die Monatsdienstpläne zusammen“, sagt Wössner.
Der Knochenjob muss ein Traumberuf sein
Auf die ist aber das Privatleben der Kollegen abgestimmt. „Trotzdem gibt es kaum böse Worte darüber, dass so flexibel über Polizeibeamte verfügt wird“, sagt Wössner. Der Preis für diese Flexibilität: Ein Berg von Überstunden. Wössner hat deshalb für seine Direktion ein strenges Zeitmanagement eingeführt. Auf einem Jahreskonto sammeln die Polizisten ihre Überstunden. Am Ende des Jahres dürfen es maximal 120 sein, der Rest verfällt. Die Polizisten hier haben von allen Kollegen im Land am wenigsten Überstunden. Es geht also, wenn alle mitziehen.
Welche Eigenschaften muss ein Polizist haben? Gudrun Zahn überlegt lange. „Gesunde Vorsicht, eine starke Persönlichkeit, ein positives Menschen- und Weltbild, Belastbarkeit, Gesundheit.“ Hohe Anforderungen – viele davon kann man lernen.
Gudrun Zahn arbeitet auch als Praxisausbilderin, nimmt für einige Monate junge Polizisten „an die Hand“. Und versucht dabei vor allem, ihnen eine positive Einstellung zum Job und zu den Menschen zu vermitteln. „Pessimisten bekommen in unserem Beruf ja alles bestätigt“, sagt sie. Langfristig mache das unglücklich. Der Knochenjob muss ein Traumberuf sein. Sonst hält man ihn nicht aus.
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