Tracht Eindeutiger Fall von Trachtenfieber
Und das weit über die Landesgrenzen von Bayern hinaus.
Vor zehn Jahren trugen junge Frauen noch Jeans im Festzelt, heute dominiert wieder das Dirndl – gern auch superkurz oder knallbunt. Denn Dirndl und Lederhosen sind alles andere als verstaubte Traditionsgewänder. Sie sind der letzte Schrei – beim Oktoberfest in München sowieso und zunehmend auch auf den Volksfesten quer durch die Republik: Jetzt jodeln auch Norddeutsche und Asiaten in Tracht.
Das Bekenntnis zur Tracht ist nämlich auch im Ausland salonfähig. So hat etwa der österreichische Trachtenhersteller Geiger mit seinen Walk-Stoffen in New York und Paris großen Erfolg. Und was in den Biergärten dieser Welt zum guten Ton gehört, ist mittlerweile auch von den Laufstegen nicht mehr wegzudenken. Mit Dirndln von Escada, Accessoires von Prada, Miedern von Rena Lange, Loden vom bekennenden Tirolermoden-Fan Karl Lagerfeld oder Knickerbockern von Yves Saint Laurent feiert die Modewelt Ursprünglichkeit und Romantik.
Nicht nur renommierte Modedesigner greifen das Thema Trachten auf. Neben online-shops peppen auch Tchibo, Lidl und andere Billiganbieter pünktlich zum Saisonauftakt mit „Wiens Outfits“ ihr Sortiment auf. Für bodenständige Dirndl- und Lederhosen-Fans geht das natürlich gar nicht. Scheel beäugt werden vor allem neue „Spielarten“ der Trachtenmode wie Mini-Dirndl, Gothik- oder Barbie-Style
Seit langer Zeit macht das Münchner Oktoberfest der ganzen Nation vor, wie man so richtig gesellig, schenkelklopfend und heimelig feiert: Haxn, Bier und Krachlederne wurden zum Verkaufsschlager in ganz Deutschland.
Ursprünglich war das Dirndl das Unterkleid der Magd, des „Dirndls“. Das eigentliche Dirndl mauserte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts vom Arbeitskittel zum Kleid für die Sommerfrische, das von Damen der Oberschicht getragen wurde. Ein Dirndl steht jeder Frau, sagt eine bayrische Redensart. Auch kräftigere Frauen können es gut tragen, es formt die Figur und lässt so manches Gramm zu viel verschwinden: Der Blick wird von den Problemzonen der Trägerin abgelenkt, hin zu deren Vorteilen, wie etwa dem Dekolleté.
Dirndl ist gleich Dirndl? Weit gefehlt! Auch die Trachtenmode unterliegt modischen Strömungen. Im vergangenen Jahr etwa hat die Trachtenmode ihre Extravaganzen und modischen Sprünge der Vorjahre wieder zurückgenommen – die Kleider und Hosen wurden wieder klassischer, dezenter und reduzierter. „Die Tracht ist mehr an die Tradition angelehnt, aber mit deutlichen Einflüssen aus der Mode“, ist aus der Trachtenabteilung Lodenfrey zu erfahren. Auch ziegenartige Gämse, in Bayern „Gams“ genannt, finden sich als aufgeblasene Stickerei auf den Dirndln. Auch bei anderen Herstellern sind die Muster traditionell, häufig werden Handdrucke verwendet. Die Dirndl gibt es oft in Traditionsfarben wie Rot, Tanne, Schwarz und Dunkelblau. Daneben bleiben Beerentöne und Blaunuancen beliebt. Diese können dann im Kontrast kombiniert werden.
Bei den Schürzen geht es edler zu: Sie werden aus Spitze, besticktem Organza, Chiffon oder Tüll gefertigt. Sie sind ein absolutes Muss und es gibt sie auch in klassischen Seidenstoffen und besticktem Samt. Wie in den vergangenen Jahren reichen die meisten Kleider bis unter das Knie oder bis zur Wade. Die Schürze wird generell zwei Zentimeter kürzer getragen als das Kleid. Manche Trachten-Designer halten auch Unterröcke für unverzichtbar.
Dirndl haben tiefe Balkon- oder Herzausschnitte und Mieder mit Verschnürungen, Knöpfen und auch Schößchen. Bei den Accessoires sind in diesem Jahr Hüte im Kommen. An den Füßen tragen die Damen Ballerinas, Pumps, High-Heels oder den traditionellen Haferlschuh.
Männer haben eine begrenzte Auswahl: Sie tragen Lederhosen in allen Variationen. Aber: Wer modisch sein will, greift in diesem Jahr zu Farbigem. Das können bunte Westen oder eine Krachlederne mit farbiger Stickerei sein. Dazu werden passende Socken mit Wadenwärmern oder Stutzen getragen.
