Viele Deutschen haben Bedenken, was Organspenden betrifft. Sind hirntote Menschen tot? Wird alles für Sterbende getan? Wir sprachen mit Werner Lauchart von der Deutschen
Stiftung für Organtransplantation (DSO).
Zur Person
Herr Dr. Lauchart, wie können Angehörige sicher sein, dass man einen Patienten nicht einfach sterben lässt, damit man seine Organe entnehmen kann?
Am Unfallort ist die Organspende überhaupt kein Thema. Da werden erst die lebensrettenden Maßnahmen eingeleitet, der Patient wird in die Klinik gebracht oder operiert. Voraussetzung für eine Organspende ist, dass der Patient auf einer Intensivstation betreut und dort der Hirntod festgestellt wird. Das machen zwei Ärzte, die von der Transplantation unabhängig sind und ausreichende Erfahrung in der Behandlung solcher Patienten haben – Intensivmediziner oder Neurochirurgen. Erst wenn die Situation hoffnungslos ist, wird die Hirntoddiagnostik eingeleitet. Bei einer möglichen Organspende muss immer eine Zustimmung erfolgen – entweder durch den Spenderausweis oder durch die Angehörigen. Da sind so viele Sicherungsschritte drin, dass kein Patient wegen einer möglichen Organspende aufgegeben wird.
Im Internet gibt es etliche Seiten von Angehörigen, die im Nachhinein sehr unglücklich darüber sind, dass sie ihren Verwandten zur Spende freigegeben haben.
Dass Angehörige in dieser besonderen Situation überfordert sind, kann ich mir sehr gut vorstellen. Sie werden mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert und sollen, falls der Verstorbene sich nicht geäußert hat, eine Entscheidung treffen. Da werden dann noch andere Verwandte mit einbezogen, der Seelsorger… Das ist eine furchtbar belastende Situation. Wenn sie dann eine Zustimmung vielleicht nur mit Bedenken geben, kann ich mir gut vorstellen, dass so etwas Langzeitfolgen hat. Die Entscheidung sollte eine stabile Entscheidung sein, mit der alle Hinterbliebenen leben können. Manche Angehörige erfahren über die Organspende aber auch den Trost, dass der Tod ihres Verstorbenen nicht ganz sinnlos war und anderen Menschen noch helfen konnte. Deshalb ist es auch so wichtig, dass jeder schon zu Lebzeiten sagt: Dies will ich, und jenes will ich nicht.
Es gibt Berichte über Patienten, die sich während der Organentnahme noch bewegt haben sollen. Wie kommt das?
Auch nach dem Hirntod bleiben Reflexe auf Ebene des Rückenmarks erhalten, solange diese Region durch den künstlichen Kreislauf noch durchblutet ist. So kann es zu ungesteuerten Bewegungen kommen. Das ist aber kein Lebenszeichen, sondern ein Reflex auf Rückenmarksebene. Der Mensch kann das nicht mehr wahrnehmen, weil sein Gehirn zerstört ist. Da gibt es kein Schmerzempfinden mehr.
Haben Sie das selbst auch schon erlebt?
Ich habe schon mehrere hundert Organentnahmen vorgenommen und hatte diesen Fall noch nicht. Aber das kann einfach vorkommen und das muss man dem medizinischen Personal auch erklären. So etwas wird immer wieder gefragt.
Wo liegen die größten medizinischen Erfolge bei der Organspende?
Die Lebendspenden von Nieren gibt es eigentlich schon von Anfang an. Die erste übertragene Niere war die eines Zwillingsbruders. Das war in Boston, Mitte der 60er Jahre. Da die beiden eineiig waren und es keine genetischen Unterschiede gab, hat diese Niere danach noch 25 Jahre funktioniert. Inzwischen können wir auch bei Lebererkrankungen mit Lebendspenden helfen. Da wird ein Stück der Leber entfernt, die in einem Kind – meist sind die Eltern die Spender – wieder eingesetzt wird. Mit einem solchen Teil kann man ein Kleinkind oder einen Säugling retten. Da hat es seit 15 Jahren eine stürmische Entwicklung gegeben. Deswegen haben wir heute auch weniger Kinder auf der Leber-Warteliste. Man kann auch die Leber eines Verstorbenen splitten. Ein kleineres Stück erhält ein Kind, ein größeres Stück ein erwachsener Mensch. Auch das wird seit Mitte der 80er Jahre gemacht.
Die Deutschen sind bei der Organspende ja eher zurückhaltend. Woher kommt das?
Wir haben hier ein Problem mit dem Thema selbst. Man muss sich mit dem Tod auseinandersetzen, das können offensichtlich nur sehr wenige. Nach einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fühlen sich nur 50 Prozent der Deutschen nicht ausreichend genug informiert, um eine Entscheidung zu treffen. Dieses Wissen ist aber wichtig, um die Angehörigen zu entlasten. Auf der Intensivstation ist das immer ein schwieriges Thema. Es bedeutet eine Niederlage, nicht mehr helfen zu können, man muss mit den Nöten der Angehörigen und vielleicht mit ihren Vorwürfen zurechtkommen. Dann um eine Organspende zu bitten, ist schwierig. Wir müssen dahin kommen, dass eine Organspende selbstverständlich ist, dass wir das Thema nicht mehr verdrängen und einmal im Leben eine Entscheidung dazu treffen. In Spanien gibt es doppelt so viele Organspender wie in Deutschland. Die haben aber auch in jedem Krankenhaus Transplantationsbeauftragte, die sich ums Thema kümmern. Diese Strukturen sind über Jahre gewachsen; dadurch haben sie diesen hohen internationalen Standard erreicht. In Österreich und Spanien gibt es zudem eine andere gesetzliche Regelung, die Widerspruchsregelung. Dadurch bekommt die Organspende dort mehr Selbstverständlichkeit. Aber auch dort werden die Angehörigen genauso gefragt, ob sie diese Entscheidung mittragen. Wenn sie damit nicht zurechtkommen, wird die Organspende auch nicht gemacht.
Fragen: Beate Schierle