Wer neu in dieser Region ist, könnte in den kommenden Tagen irritierende Momente erleben. Kostümierte Menschen strömen durch die Städte, dass kein Durchkommen mehr ist, die öffentliche Ordnung bricht praktisch zusammen und die Bürgermeister übergeben auch noch die Schlüssel ihrer Rathäuser an die lokalen Narrenzünfte. Wem das alles fremd erscheint, den informiert unser Fasnachts-Guide für Neig’schmeckte über Pflichten, Verbote und populäre Irrtümer rund um die Fasnacht – ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit Fotostrecke am Kopf des Artikels.
A wie Alkohol: Bei der Fasnacht geht es nur ums Saufen – das ist gleich der erste Punkt aus der Kategorie „populäre Irrtümer über die Fasnacht“. Nun gut, der eine oder andere Tropfen Alkohol dürfte während der Fasnacht fließen, und manch ein Fasnachter schlägt unter seinem Einfluss wohl auch über die Stränge, wie man immer mal wieder hört. Aber der Alkohol ist natürlich nicht der eigentliche Anlass für die Fasnacht. Denn hier bei der Fasnacht geht es um eine jahrhundertealte Tradition – sagen zumindest die Fasnachter.
E wie Essen: Zur Fasnacht gehören auch gewöhnungsbedürftige Speisen. Saure Kutteln zum Beispiel sind ein typisches Fasnachtsessen. Diese werden aus dem Pansen von Rindern – also dem Vormagen – zubereitet. Die Streifen werden etwa eine Stunde lang weichgekocht, bevor sie genießbar sind. Zu den kulinarischen Irrungen der Fasnacht gehören auch die verschiedenen Zaubertränke, die die zahlreichen Hexenzünfte der Region ihren Opfern einschenken. Und das Thema Essen führt auch gleich zum nächsten Punkt:
F wie Fett: Ein weiterer beliebter Irrtum bei Unkundigen ist, dass der Donnerstag vor dem Fasnachtswochenende der „Schmutzige Dunschdig“ sei. Denn mit Schmutz hat das gar nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr um den „Schmotzigen Dunschdig“ mit einem O wie Otto. Die Bezeichnung kommt von dem Wort Schmotz wie Fett. Denn zur Fasnacht gehört – neben Kutteln – auch Fettgebackenes. Völlerei und „noch mal richtig auf die Pauke hauen“ ist allerdings nur ein Grund, warum zur Fasnacht deftiges Essen gehört. Der andere Grund ist, dass viele verderbliche Speisen vor Beginn der Fastenzeit verbraucht werden mussten.
G wie Gruß: Absolut tödlich für den Neig’schmeckten ist natürlich, bei der Fasnacht den Gruß der Narren falsch zu beantworten. Wer beispielsweise gehört hat, dass man zur Fasnacht „Narri Narro“ ruft, wird damit in Konstanz unangenehm auffallen – dort heißt der Gruß „Ho Narro“. Die Konstanzer sind allerdings beinahe die einzigen, die sich diese Extrawurst gönnen. Lokale Besonderheiten gibt es aber an allen Ecken und Enden: So bedient sich die Katzenzunft Meßkirch mit dem Spruch "Hoorig, hoorig, hoorig isch die Katz" im Tierreich. Und prinzipiell hat auch jede Zunft und sogar jede Figur der Fasnacht das Recht auf einen eigenen Gruß: Die deftigen Sprüchle der Villinger Wuescht etwa beantwortet das Publikum mit dem Ruf „Wuescht“ – und hier lauert schon wieder eine Stolperfalle für Unkundige, das „ue“ wird nämlich mitgesprochen.
H wie Haltung im Häs: Was ein echter Narr ist, bewahrt allzeit die richtige Haltung. Will heißen: Auch wer bis fünf Uhr früh durchgemacht hat, ist am nächsten Morgen wieder um sechs Uhr uff de Gass – und zwar in tadelloser Form und perfekt gekleidet. Und das ist nicht ganz einfach, denn ein traditionelles Fasnachts-Häs stellt seine Trägerin oder seinen Träger durchaus vor das ein oder andere Problem. Schließlich handelt es sich nicht um einfache Straßenkleidung, sondern um Kostüme, die sich größtenteils aus der traditionellen Kleidung entwickelt haben – da gab es schon ein paar Kleidungsstücke mehr, als man es heutzutage gewohnt ist.
K wie Karneval: Wer die schwäbisch-alemannische Fasnacht, die hierzulande gefeiert wird, mit dem rheinischen Karneval vergleicht, outet sich als Unkundiger – und wird vollkommen zu Recht wahlweise mit Schimpf und Schande, Schmährufen oder Mistforken aus der Stadt gejagt. Für Bewohner der Region ist klar: Das Original kommt aus dem Alemannenland, im Rheinland wird eine billige Kopie gefeiert – und wenn die tausendmal öfter im Fernsehen ist. Die Historiker geben den Lokalpatrioten aus dem Südwesten Recht: Während es die Fasnacht schon seit dem Mittelalter gibt, kann der rheinische Karneval nur auf schlappe 200 Jahre Tradition zurückblicken. Er entstand in der Zeit der napoleonischen Besetzung zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
L wie Lustig: Wer glaubt, die Fasnacht sei einfach nur lustig, sitzt einem weiteren populären Irrtum auf. Und zwar genau weil die Fasnacht eine Einrichtung mit Tradition ist. Aus so etwas wird leicht mal ein Kulturerbe – und das will verteidigt werden, mit allem, was dazugehört. Denn auch wenn die Fasnacht dem unbeteiligten Außenstehenden bisweilen wie pure Anarchie vorkommt – die Narren haben schließlich auch die Schlüssel zu den Rathäusern –, hier geht alles streng nach Regel zu. Dass es hier nicht allein um Frohsinn geht, zeigen mehrere Streitigkeiten zwischen Zünften und den Narrenvereinigungen, zu denen sie gehören. Die Meersburger Schnabelgiere beispielsweise handelten sich gewaltigen Ärger mit der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) ein, als sie 2005 und 2006 ihre Hexengruppe "Burghexen" zu Narrentreffen mitnahm. Das dürfte bei der Frühjahrstagung des Präsidiums der VSAN im März sogar zum Ausschluss der Schnabelgiere führen - ein immerhin seit dem Zweiten Weltkrieg einmaliger Vorgang. Dies wurde jüngst bei der VSAN-Hauptversammlung beschlossen. Ein Ausweg wäre die Umfunktionierung der Hexen zu Burgweibern oder die Ausgliederung der Hexen in einen eigenen Verein. Die VSAN legt nämlich Wert darauf, dass nicht überall nur Hexen herumspringen, sondern will ein quasi denkmalgeschütztes historisches Erbe pflegen.
N wie Narrenbaum: Vor allem in der Bodensee-Region braucht ihn jede Fasnachtsgemeinde, spätestens ab dem Schmotzigen Dunschdig – und in einem Ort, der auf sich hält, wird er auch von Hand aufgestellt. Kein leichtes Spiel, schließlich ist ein Narrenbaum leicht mal um die 30 Meter hoch. Die Zimmerer eines Ortes, die für die Aufstellung des Baumes zuständig sind, haben die Lage normalerweise im Griff. Allerdings kann es auch zu Streiks kommen – so wie alljährlich in Stockach, wo die Zimmerer erst dann weiterarbeiten, wenn der Beklagte des Narrengerichts durch eine großzügige Spende für Vesper und Bier gesorgt hat, um die müden Handwerker wieder auf Touren zu bringen.
P wie Protestanten: Protestanten kennen keine Fasnacht – noch so ein populärer Irrtum. Gut, beispielsweise aus dem Raum Stuttgart wird berichtet, dass man dort mit Verkleidung eher ein Exot ist – im Gegensatz zu unseren Breiten, wo man ohne Verkleidung ein Exot ist. Der Grund dafür ist, dass es im Protestantismus keine Fastenzeit vor Ostern gibt – Fastnacht ergab keinen Sinn mehr. Doch das Gerücht, dass Protestanten keine Fasnacht feiern können, widerlegen beispielsweise die Basler. Der Grund dafür ist allerdings, dass die Fasnacht dort schon existierte, bevor die Stadt evangelisch wurde. Der Morgestraich ist weithin bekannt, auch wenn er erst eine Woche nach der hiesigen Fasnacht stattfindet – zum alten Termin der Bauernfasnacht. Den gab es, bevor die katholische Kirche die letzten sechs Sonntage vor Ostern von der Fastenzeit ausnahm – was den Fasnachtstermin sechs Tage nach vorne verschob.
S wie Schemen (wahlweise auch Larve oder Maske): Gesprochen wird das Wort „Schämme“ – aber man sollte sich hüten, das Wort auch mit zwei „m“ zu schreiben. Für alle, die es nicht wissen: Mit der Scheme ist die Maske gemeint, die zum Häs (siehe H) gehört. Das sind traditionelle Masken, die in nach der reinen Lehre in Handarbeit hergestellt werden müssten. Da eine handgeschnitzte Scheme allerdings nicht ganz billig ist, gibt es immer mehr maschinell hergestellte Masken. Sie bestehen in den meisten Fällen aus Holz – der Fantasie bei der Materialwahl sind allerdings kaum Grenzen gesetzt, manche Schemen sind aus Blech oder sogar Drahtgaze. Die Scheme verdeckt das Gesicht des Narren und verfälscht seine Stimme, so dass er beim Strählen oder Schnurren (siehe St) nicht erkannt wird. Wie bei allem, was mit der Tradition der Fasnacht zu tun hat, gehorchen sie strengen Regeln (siehe L). Die Typen von Schemen sind festgelegt und verändern sich höchstens langsam.
St wie Strählen (teilweise auch Schnurren, Aufsagen oder Vorlesen genannt): Eine fasnachtliche Tradition, die den Unkundigen befremden dürfte. Es handelt sich um die Sitte, dass Narren im Häs den Menschen auf der Straße Begebenheiten aus dem Jahr erzählen – was den Menschen auf der Straße normalerweise in Verlegenheit bringt. Der Narr bleibt dabei selbstverständlich vollkommen unerkannt, schließlich trägt er eine Scheme (siehe S). Doch durch kluge Kombination kann der Mensch auf der Straße bisweilen herausfinden, wer unter der Scheme steckte.
U wie Umzug: Der Höhepunkt jeder Fasnacht. Gibt es mit Erwachsenen oder Kindern und findet je nach Stadt an unterschiedlichen Tagen statt – beispielsweise mit dem Narrenbaum (siehe N), aber auch einfach so. Mitlaufen macht in einer einheitlich kostümierten Gruppe Spaß oder im Alleingang. Wer teilnehmen will, kann häufig spontan mitlaufen. Bei manchen Umzügen muss man sich aber rechtzeitig anmelden und einen Platz im Tross sichern, damit man um den Preis für das beste Kostüm konkurrieren kann – denn der Umzug soll ja nicht einfach nur lustig sein (siehe L).
V wie Verkleidung: Weiter oben klang es schon an: Ohne Verkleidung ist man hierzulande während der Fasnacht ein Exot – wohlwollend ausgedrückt. Wer sich am Schmotzigen Dunschdig oder den anderen Feiertagen in zivil in die Innenstädte traut, fällt zumindest dumm auf. Und er wird wahrscheinlich Probleme haben, seinen Alltagsgeschäften nachzugehen, wenn die Straßen voller ausgelassen feiernder – und kostümierter – Menschen sind. Also: Vogel-Strauß-Politik nach dem Motto „Augen zu und durch“ oder „Es ist alles halb so wild“ funktioniert hier nicht – die Fasnacht ist genauso wild wie alle sagen.
W wie Winter: Und hier der letzte populäre Irrtum über die Fasnacht: Mit der Fasnacht wird der Winter ausgetrieben. Die Theorie klingt zwar einleuchtend, denn die Fasnacht steigt nun mal gegen Ende des Winters. Kenner wissen aber: Es geht um die letzten Tage vor der Fastenzeit – daher auch der Name für die tollen Tage, äääh, die Fasnacht (Pardon, ist mir so rausgerutscht;-). Am Aschermittwoch ist bekanntlich alles vorbei (verdammt, schon wieder ist der Karneval reingerutscht), dann beginnt die immerhin 40-tägige Fastenzeit bis Ostern. Ältere Leser erinnern sich vielleicht: Während der Fastenzeit verzichtet man auf allerlei Dinge, die Spaß machen, wie zum Beispiel Süßigkeiten, Alkohol, Autofahren oder vielleicht auch Sex. Grund genug, von all dem vor Beginn der Fastenzeit noch mal eine Extraportion zu genießen – mal abgesehen davon, dass leicht verderbliche Speisen wie zum Beispiel Fettiges auch einfach weg muss, bevor die 40 trüben Tage beginnen (siehe E).