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Sind Blogs wirklich Journalismus?

Im Mitmachweb wird vieles kommentiert: schlechte Hotels und Lehrer bis hin zur Politik. "Kritische Masse" nennen sich die Blogger - doch wie ernst ist diese Masse zu nehmen?

„Print ist tot“, behauptete der Web-Tagebuchschreiber – und legte sich schlafen.
„Print ist tot“, behauptete der Web-Tagebuchschreiber – und legte sich schlafen. | Bild: re:publica

 Sofa, Latte Macchiato, Laptop auf dem Schoß: So sieht das Klischee vom Internet-Arbeiter aus, die eigentlich nur für sich schreiben. Internet-Tagebuchschreiber (Blogger) sehen sich jedoch zunehmender rechtlicher Verfolgung ausgesetzt. Dies wurde auf der Konferenz re:publica mit rund 800 Bloggern in Berlin deutlich.

Redeverbot für Blogger?

Dort gab es vor allem ein Thema: Verpassen jene Unternehmen, die zu Recht oder zu Unrecht im Internet kritisiert werden, der kritischen Bloggergemeinde über rechtliche Instrumente wie Abmahnungen und Prozesse immer mehr eine Art Redeverbot? So berichtete "Bild"-Blogger Stefan Niggemeier von seinen Erfahrungen nach einem Beitrag: Das kritisierte Unternehmen schaffte es, ihn künftig zu einer umfassenden Vorabkontrolle seiner jeweiligen Einträge zu zwingen.

Der Rechtsanwalt Thorsten Feldmann glaubt sogar, dass durch zweifelhafte Gerichtsentscheidungen viele Blogger aus Angst vor Haftungsauflagen lieber gleich ganz aufhören. Aber was darf man überhaupt noch schreiben?

Ein Blogger zum Beispiel, der bereits regelmäßig E-Mails publiziere, verstößt unter Umständen gegen das Urheber- oder Persönlichkeitsrecht, ähnlich wie beim klassischen Medienrecht im Journalismus. Auch Abmahnungen müsste der Blogger dann möglicherweise auf seiner Plattform zulassen.

Kritisch, was?

Was den Begriff „kritische Masse im Web 2.0“ letztlich aber ausmacht, ist unter Bloggern umstritten. Letztlich lasse sich das Phänomen nur historisch und kulturell erklären, erläuterte Chaosradio-Moderator Tim Pritlove.

Der Schriftsteller Peter Glaser zeigte den langen Weg der kritischen Masse auf. Er reiche in den achtziger Jahren vom kleinen Kreis der Hacker bis hin zum Massenphänomen im heutigen Internet. „Heute hat jeder im Netz die Möglichkeit, seine Stimme zu erheben und an breiten Diskussionen in der Öffentlichkeit teilzunehmen“, so Glaser.

Die Blogosphäre mit rund 80 Millionen „kleiner Universen“ befinde sich aber immer noch in einer ausgeprägten Lern-, Spiel- und Experimentierphase, räumte Peter Glaser ein.

Blogs sind längst eine ernst zu nehmende Größe

Markus Beckedahl, Mitorganisator der re:publica und Betreiber der Plattform netzpolitik.org, mahnte an, mehr indirekte Demokratie einzufordern. Dazu gehöre auch eine digitale Infrastruktur des Staates, die frei von Eingriffen sein müsse. Dazu gehöre auch, den Einsatz freier Software (Open-Source-Software) in staatlichen Institutionen aktiv zu fördern, um ein Gegengewicht gegen etablierte Monopole zu setzen.

Daneben rückt ein weiteres Element in den Vordergrund: die wirtschaftliche Macht der Konsumenten, ausgeübt zum Beispiel über Bewertungsportale für Produkte und Dienstleistungen. Schlechte Nachrichten über ein Unternehmen verbreiten sich dadurch binnen Minuten um die ganze Welt.

Die Blogger als Vervielfältiger und sensible Frühwarnsysteme im Sinne einer aufmerksamen Öffentlichkeit sind in diesem Prozess längst eine ernst zu nehmende Größe.

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