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07.05.2012  |  von  |  0 Kommentare

Baden-Württemberg Karriere fängt auf der Carrera-Bahn an

Eng gedrängt stehen die Kinder mit großen Augen am Rand der Carrera-Bahn. Sie verfolgen aufmerksam, wie verschiedene gelbe Modellautos über die vierspurige Trasse flitzen.

Eine Carrera-Bahn macht nicht nur Kindern bei der „Langen Nacht der Wissenschaft“ große Freude. Der ehemalige HTWG-Student Daniel Urbanietz (schwarzes Hemd) erwarb auf diesen Gleisen den Master-Abschluss.  Bild: uli

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Redakteur Politik

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Immer wieder hebt es eines aus der Kurve. Die Luft ist zum Zerschneiden, immer mehr Jungen und Mädchen drängen sich in Raum F 022/23 der Konstanzer Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) – im Schlepptau ihre Eltern und jüngeren Geschwister. Den Vätern und erst recht den Müttern schwant: ,Da kommen wir so schnell nicht raus'. Das Carrera-Fieber ist eine technische Krankheit, es ist gutmütig, aber ansteckend. Auch mit guten pädagogischen Worten „Mama und Papa wollen jetzt weiter“ – ist es nicht zu kurieren. Gebannt verfolgt der Nachwuchs die zierlichen Flitzer.

Dabei war das Spielvergnügen nicht nur zum Spaß aufgebaut. Daniel Urbanietz hat mit den Autos seine Master-Arbeit hingelegt. Der Informatiker stattete die kleinen Autos mit steuernder Elektronik aus. Ziel war es, den „Fahrer“ überflüssig zu machen. Die Software im Fahrzeug arbeitet als Autopilot mit der Aufgabe, den Flitzer möglicht schnell und unfallfrei um den Kurs zu treiben.

Die Carrera-Bahn war eines von vielen Angeboten bei der „Langen Nacht der Wissenschaft“. Sie fand nach 2012 bereits zum zweiten Mal statt und präsentiert die unterhaltsame bis skurrile Seite der Wissenschaft: Was an der Universität Konstanz, der HTWG und der Kreuzlinger PH gemacht wird, soll der interessierten Öffentlichkeit alle zwei Jahre präsentiert werden. Es geht also nicht um Studentenwerbung – alle drei Hochschulen sind bis an die Oberkante ausgelastet. Vielmehr soll der kleine und große Bürger erfahren, was in Hörsälen und Labors getrieben wird.

An beiden Konstanzer Standorten sah man rundum zufriedene Gesichter. Uni-Rektor Ulrich Rüdiger mischte sich unter die Gäste und sah sich einige Experimente an. Insgesamt wurden 6000 Gäste gezählt, berichtet Pressesprecherin Julia Wandt. Sie verteilten sich auf vier Standorte. Zwischen Hörsälen, Carrera-Bahn, chinesischen Schriftzeichen und einem Partyzelt bummelte man, um den wissensreichen Tag zu genießen. Sprecherin Anja Wischer kam mit dem Verteilen von Infomaterial und Fahrscheinen kaum nach.

Dabei kamen auch ernste Themen zur Sprache. Monika Oertner, Schreibberaterin an der HTWG, las eine halbe Stunde lang den Kopierern und Abschreibern die Leviten. In ihrem Vortrag wurde deutlich, dass die Kopierer eine sehr alte Zunft sind, die ihr rentierendes Unwesen schon lange treibt.

Im alten und auch neuen China erfahren sie sogar höchst Wertschätzung, denn: „Wer Meister kopiert, erweist dem Meister eine Ehre.“ So lehrte bereits der kluge Konfuzius, ohne für seine Weisheit abschreiben zu müssen. In Deutschland sieht man Plagiate nicht ganz so gelassen, wie die Diskussion um das „akademische“ Werk von zu Guttenberg zeigt. Oertner erklärte das mit der Arbeitstechnik, die sich bereits Schüler aneignen: Für ein Referat wird im Internet großzügig kopiert.

Wie wohnen wir in Zukunft? Die Studenten der technischen Fächer machten sich auch darüber ihre Gedanken. Das Ergebnis heißt „Ecolar“, das in Teilen im Freien aufgebaut ist. Doch bereits am Teil erkannten die Neugierigen schon das Ganze: „Ecolar“ besteht aus quadratischen Holzmodulen, die man je nach familiärem Bedarf erweitert oder verkleinert. Im Juni soll das ökologische Musterhaus fertig sein.

Die „Lange Nacht der Wissenschaft“ hat noch einen Effekt: Sie zeigt, dass Konstanz nach Freiburg (fünf Hochschulen) zum wichtigsten Wissenschafts-Raum in Südbaden geworden ist. Universität und Hochschule ergänzen sich. Die Doktoren-Schmiede und die Ingenieurs-Werkstatt stehen nicht in Konkurrenz. Knapp 14 000 junge Leute studieren in der Stadt (die nahe Kreuzlinger PH nicht mitgerechnet). In beiden Einrichtungen hat sich in den vergangenen Jahren viel bewegt. Die Universität gewann 2007 den Titel der Elite-Universität. Im Juni weiß man, ob sie den Ritterschlag behalten kann.

Auch die HTWG ist nicht stehengeblieben. Sie hat ihre Angebot ausgeweitet, gerade in den Bereichen Design und Kommunikation. Auch ohne Elite-Wettbewerb (an dem nur Unis teilnehmen können) hat sie sich in den vergangen Jahren gewaltig verändert und geöffnet. Die „Nacht der Wissenschaft“ zeigte, dass beide Einrichtungen das Tageslicht nicht scheuen müssen.

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