Selbst aus Norddeutschland haben sich Vogelkundler auf den Weg an den Hochrhein gemacht. Dort wartet auf sie ein ungewöhnliches Schauspiel: Bis zu vier Millionen Bergfinken nehmen täglich im Hotzenwald ihre Schlafplätze ein.
Bad Säckingen – Der Hotzenwald im Landkreis Waldshut steht derzeit unter besonderer Beobachtung. Ornithologen (Vogelkundler) streifen mit Ferngläsern und Kameras durch Wald und Flur. Grund ihrer Vogelwanderungen: In einem kleinen Tal zwischen dem Gemeinden Görwihl und Ibach haben riesige Schwärme von Bergfinken ihre Schlafplätze eingenommen.
Die Vogelkundler schätzen die Zahl der Vögel auf zwei bis vier Millionen, die auf einer Strecke von etwa einem Kilometer übernachten. „Das ist eine Sensation“, sagt eine Ornithologin aus Basel begeistert. Zwar werden alle Jahre wieder große Populationen an Bergfinken beobachtet, oft im Markgräflerland. Aber das, was sich im Hotzenwald derzeit ereignet, macht selbst passionierte Vogelfreunde vor Verwunderung sprachlos.
Die Wissenschaftler sprechen von einem Naturphänomen und meinen, dass sich dies so bald nicht wiederholen wird. Die Kunde von dem Ereignis hat sich in Ornithologen-Kreisen erst in den vergangenen Tagen breit gemacht. Jetzt reisen die Vogelkundler von weit her an: aus Tübingen, Braunschweig, aus der Schweiz und sogar aus Frankreich. Unter ihnen ist auch der Naturfotograf Dietmar Nill. „Es ist faszinierend“, sagt er, „einmalig“. Selbst Rudi Apel, Vorsitzender des Nabu Görwihl, kommt ins Schwärmen: „Das hat es noch nie gegeben.“
Seit Wochen werden die Vogelschwärme auf der Suche nach ihrer Leibspeise, den Bucheckern, beobachtet. Sie bewegen sich in einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern, fliegen also auch in die Schweiz. In vielen Gemeinden am Hochrhein wurden riesige Vogelschwärme beobachtet. Nur hat niemand gewusst, wo sie übernachten.
Der Rotzinger Landwirt und Jäger Herbert Brugger hat es als einer der ersten herausgefunden: Die Schwärme finden sich im Lindauertal zusammen. „Das Jagen kann ich vergessen, bei dem Lärm kommt kein Reh hin“, erzählt er. Das Tal ist eng, windgeschützt und mit Tannen bewachsen. In den Tannen sind die Vögel vor der Kälte und vor ihren Feinden sicher. Die Feinde warten: Sperber, Wanderfalken, manchmal bis zu 30 Stück, die auf geschwächte Finken aus sind.
Das eigentliche Spektakel ereignet sich in den Abend- und Morgenstunden. Ab 16 Uhr fliegt ein Schwarm nach dem anderen in das Tal ein. Das kann bis zu einer Stunde dauern. Die Vögel suchen dann ihre Schlafplätze, es ist ein Gerangel und ein Gefiepe, dass sogar die Ornithologen mit offenen Mündern dastehen. Dazu kommt noch der Lärm, den die Tiere produzieren, fast ohrenbetäubend. Am Morgen dasselbe Schauspiel: Abflug zu den Futterplätzen, aber verblüffend gut koordiniert. Wie lange die Finken bleiben, weiß niemand. Möglich, dass sie schon morgen auf und davon fliegen, auf Nimmerwiedersehen.
Leserreporter: Zugvögel über Görwihl