Karlsruhe Wer will schon mit den Wölfen heulen?

Seit ein lebender Wolf im Südwesten gesehen wurde, haben sich Naturschützer und Nutztierhalter nicht zu einer Linie durchringen können:

  1. Wo ist der Wolf denn nun?
    Kaum da, war er im Südwesten wieder weg. Nichtsdestoweniger war es eine Sensation, als erstmals seit 150 Jahren ein lebendiger Wolf gesehen wurde: Im Mai auf der Baar-Hochfläche zwischen Schwarzwald und Alb. Im Jahr davor waren bereits zwei tote Wölfe gefunden worden.
  2. Wann könnte sich der Wolf hier dauerhaft ansiedeln?
    Jederzeit. „Ich glaube, dass wir in zehn Jahren ein oder zwei etablierte Wolfsrudel haben könnten“, sagt Johannes Enssle, Vorsitzender des Naturschutzbundes Nabu in Baden-Württemberg. „Die Verbreitung in Deutschland ist ziemlich rasant.“ Außerdem: Bundesweit gibt es geschätzt 500 Wölfe. Da sie riesige Distanzen zurücklegen, ist ihre Ansiedelung im Südwesten nur noch eine Frage der Zeit, sagen Experten.
  3. Dann wird es jetzt also wirklich ernst – was tun?
    Der Landesschafzuchtverband prüft in Zusammenarbeit mit Nabu und Umweltministerium in einem zweijährigen und mit 200 000 Euro geförderten Pilotprojekt „Herdenschutzhunde und Zäune“, erklärt die Geschäftsführerin des Landesschafzuchtverbandes, Annette Wohlfahrt. Getestet wird seit 2015 in acht Betrieben. Mit Ergebnissen wird nicht vor August 2017 gerechnet.
  4. Was sind diese Herdenschutzmaßnahmen genau?
    Schafherden können zum einen mit Herdenschutzhunden geschützt werden, sagt Enssle. Ihr Einsatz ist aber problematisch. Denn sie vertragen sich nicht unbedingt mit den Hütehunden, die die Schäfer begleiten und die Herde zusammenhalten. Außerdem bereitet die sogenannte Bundestierschutzhundeverordnung Kopfzerbrechen. Sie schreibe Auflagen vor, die gut gemeint, für solche Arbeitshunde aber ungeeignet seien. Zum anderen könnten spezielle Zäune die Herden vor dem Raubtier schützen. „Wolfssichere Zäune müssen mit ordentlich Strom versetzt sein. Dann lernen die Wölfe, dass Schafe keine leichte Beute sind. Wünschenswert dafür sind 120 Zentimeter Höhe und ein Stromfluss von etwa 4000 Volt.
  5. Bringt das was?
    Da gehen die Meinungen auseinander. Das Umweltministerium äußert sich vorsichtig: Der Einsatz dieser Hunde sei von zahlreichen Gegebenheiten abhängig, heißt es von dort. Wohlfahrt hält davon nichts. Es dauere mindestens fünf Jahre, um einen Herdenschutzhund auszubilden, sagt sie. Außerdem sei es wegen der im Südwesten sehr verbreiteten Wanderschäferei und der starken Besiedelung sehr problematisch, diese Hunde mit sich zu führen: Sie verbellen jeden, der sich einer Herde nähert. Zäune wären schon eher die Lösung; die bisherigen Tests seien ermutigend, sagen Wohlfahrt, Nabu und Ministerium. Allerdings: 80 Prozent der durch Schafe beweideten Flächen sind Steillagen – Zäune aufzubauen ist nicht leicht.
  6. Ist die Sorge der Schäfer nicht übertrieben?
    „Schauen Sie sich die Statistiken aus anderen Bundesländern, in denen es Wölfe gibt, doch an“, sagt Wohlfahrt. „Die Herden sind dort geschützt und trotzdem gibt es drastische und tragische Übergriffe.“ Das Ministerium hält Elektronetze als Schutz für ausreichend.
  7. Wie lautet das Fazit?
    Der Wolf kommt, das ist sicher. „Wir müssen uns darauf einstellen, bleibt uns ja nichts anderes übrig“, sagt Wohlfahrt. Außerdem gebe es keinen 100-prozentigen Schutz, so Nabu-Wolfsbeauftragter Glock.


Chronik der Rückkehr der Wölfe

Wölfe gab es in Deutschland lange nur im Tierpark, denn in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden sie hierzulande ausgerottet. Doch seit einigen Jahrzehnten kehren sie aus Osteuropa zurück, und jedes Jahr werden es mehr.

  • 1988: Vor der Wende sorgen in Westdeutschland solche Fälle für Aufregung: Beim „Wolfsdrama“ im Hunsrück gelangen 14 Tiere aus einem Wildpark ins Freie. Eine Jagd beginnt. Zum Teil werden die Wölfe eingefangen, zum Teil erschossen.
  • 1993: „Der Wolf kehrt nach Deutschland zurück“, heißt es im März. Wie bekannt wird, halten sich zu dem Zeitpunkt in Brandenburg schon seit mindestens zwei Jahren Tiere aus Polen auf – wie viele ist unklar. Die Landesregierung will die Tiere schützen, damit sie sich ansiedeln.
  • 1995: Naturschützer bewerben Bayern als ein „Einwanderungsland“ für Wölfe. Gefährlich seien sie nicht, sagt Tierexperte Heinz Sielmann. „Seit dem Scheißmärchen vom Rotkäppchen ist die Vorstellung von gefährlichen Wölfen aus den Köpfen der Menschen schwer rauszukriegen.“
  • 2000: Der Wolf wird wieder heimisch in Deutschland. In der Lausitz in Sachsen lässt sich eine Wolfsfamilie nieder.
  • 2005: Laut einer Umfrage will fast jeder zweite Deutsche das Land mit wilden Wölfen – und Bären – teilen. Etwa ein Drittel der Befragten ist dagegen.
  • 2016: Wolf „Kurti“ zeigt zu wenig Scheu vor Menschen – und wird abgeschossen. Das Tier aus Niedersachsen hatte sich Menschen bis auf wenige Meter genähert und soll einen Hund gebissen haben. Unterdessen tauchen an immer mehr Orten Wölfe auf.
  • Stand September 2016: 46 Rudel, bis zu 130 erwachsene Tiere. Auch in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen gibt es Tiere. (dpa)

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