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Baden-Württemberg Wenn die Schule zur Kampfzone wird

Wie weit darf Sexualerziehung an Schulen gehen? Nicht nur in Baden-Württemberg gibt es Streit um dieses Thema

Das Thema ist explosiv, in Stuttgart demonstrierten wochenlang Gegner des neuen Bildungsplans gegen die grün-rote Landesregierung: An moderner Sexualaufklärung scheiden sich die Geister. Denn sie geht weit über den Sexualkundeunterricht vergangener Jahrzehnte hinaus, wie die Lehr- und Bildungspläne mehrerer Bundesländer zeigen. Bei der Jahresversammlung der katholischen Görres-Gesellschaft, einer traditionsreichen wissenschaftlichen Vereinigung, geht es in Bonn auch darum, wie weit die in vielen Bundesländern verfolgte „Sexualpädagogik der Vielfalt“ ins elterliche Erziehungsrecht und das Persönlichkeitsrecht der Schüler eingreift und der Staat seinen Bildungsauftrag überdehnt.

Bremen hat einen Aktionsplan für die Gleichberechtigung von sexuellen Minderheiten, Schleswig-Holstein, Berlin und Nordrhein-Westfalen auch. Besonders heftig wird jedoch in Baden-Württemberg gestritten, wo im kommenden März Landtagswahlen sind. Der Streit ist vielschichtig. Denn es geht einerseits darum, wie weit die Mädchen und Jungen nicht nur abstraktes Wissen vermittelt bekommen, sondern konkrete Sexualpraktiken kennenlernen und eine neue Sexualmoral vermittelt werden soll. Es geht um den Umgang mit sexuellen Minderheiten – Lesben, Schwulen, Transsexuellen, Transgender-Personen –, aber auch um den Stellenwert der traditionellen Familie.

Für die Kölner Pädagogik-Professorin Karla Etschenberg schießen die Bildungspläne zur Sexualität in vielen Bundesländern über das Ziel hinaus. „Sachliches Sprechen über Sexualität ist die wichtigste Methode der Sexualerziehung“, sagte sie bei der Tagung der Görres-Gesellschaft. Kinder und Jugendliche sollten auch mit der „sexuellen Realität“ in der Gesellschaft vertraut gemacht und zur Toleranz gegenüber den vielfältigen Formen sexueller Ausrichtung erzogen werden. „Wie jeder Einzelne aber mit seiner Sexualität umgeht, das sollte Schule und Unterricht entzogen bleiben“, forderte sie mit Blick auf Unterrichtsformen, in denen etwa Schüler in Rollenspielen aufgefordert werden, Verhütungsmittel zu kaufen, um ihre Scheu zu überwinden.

Der Streit geht noch tiefer: Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt hielt zahlreichen Bildungsplänen vor, die Schüler nicht nur zu Toleranz gegenüber diskriminierten Minderheiten anzuhalten. Ziel sei es vielfach auch, die Normal-Familie in Schulbüchern und Materialien als überholt darzustellen und überwinden zu wollen, weil sonst gleichgeschlechtlich fühlende Kinder in ihrer Entwicklung Schaden nehmen könnten. „Wer Bedenken äußert und am traditionellen Familienbild in Schulbüchern festhalten will, gilt schnell als homophob.“

Die Schule als ideologische Kampfzone: Der Bonner Verfassungsrechtler Christian Hillgruber rechnet mit zunehmenden gerichtlichen Auseinandersetzungen über die Sexualpädagogik. Der Staat dürfe nicht indoktrinieren, sondern müsse für verschiedene Werthaltungen offen sein. Hillgruber forderte die Politik auf, den im Grundgesetz verankerten Schutz von Ehe und Familie auch im Sexualkundeunterricht wirksam werden zu lassen.

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