Baden-Württemberg Waffen-Gegner legen nach

Stuttgart – Wenige Tage vor dem zweiten Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden, melden sich Opferfamilien und Sportwaffenlobby gleichzeitig zu Wort.

Am 11. März 2009 erschoss der 17-jährige Tim K. 15 Menschen und sich selbst. Vor vier Wochen wurde der Vater des Amokschützen wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Haftstrafe von einem Jahr und neun Monate auf Bewährung verurteilt. Jörg K. hatte seine Sportwaffe nicht ordnungsgemäß im Tresor aufbewahrt, sondern im Schlafzimmerschrank unter Pullovern versteckt.

Das Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden hatte das Urteil kritisiert. Bei Waffenbesitzern und Schützenverbänden, schrieben sie in einem offenen Brief Anfang Februar, herrsche noch immer „mangelnde Einsicht“. Auch der Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“ ging das Urteil nicht weit genug. Nur eine Bewährungsstrafe auszusprechen, stehe im „Widerspruch zum Unrechtsgehalt der Tat“, kommentierte sie. Auf Sportschützen wirke ein solches Urteil „bagatellisierend“.

Die Waffenlobby wendet sich nun ihrerseits in einem „offenen Brief“ an das Aktionsbündnis Winnenden. „Wir verstehen, welche Trauer, Verzweiflung und Wut“ aus dem Tod eines geliebten Menschen entstehen könne, schreibt Beate Meier-Kühne vom „JagdWaffenNetz“ in forschem Tonfall. „Aber wir verstehen und billigen nicht, welche Rolle Sie in der Waffenrechtsdiskussion in Deutschland spielen. “ Und: „Ihr Eigenschaft als Opfer befähigt Sie nicht dazu, sich qualifiziert zum Waffenrecht oder zur Gefährlichkeit von Schusswaffen zu äußern.“ Legalwaffen spielten „keine kriminalitätsrelevante Rolle“, fast täglich aber würden illegale Waffen dazu verwendet, Menschen zu töten. Die Macher der Online-Seite „Jagdwaffennetz“ sprechen den Opferfamilien, namentlich vom Aktionsbündnis, schlicht das Mandat ab, sich in dieser Frage zu äußern. Auch sei es äußerst dubios, dass einzelne Vertreter des Aktionsbündnisses sich inzwischen hauptamtlich dem Kampf gegen Waffenbesitz verschrieben hätten und sogar über Spenden davon lebten. Die Kritiker gehen wenig zimperlich mit den Hinterbliebenen um. Auch rechtlich lassen sie nicht unversucht, gegen den Mainstream zu halten. Immerhin sprechen sich 60 Prozent der Deutschen in Umfragen für ein Verbot aus.

Bild: Siedler-Verlag

Zwei Klagen sind seit einem halben Jahr beim Bundesverfassungsgericht anhängig. Der Tenor der Einwendung: Der Staat schütze die Unversehrtheit der Bürger durch ein löchriges Waffenrecht nur unzureichend. Das „Recht auf Leben“ könne aber nur garantiert werden, wenn jeder private Zugriff auf tödliche Sportwaffen verwehrt bleibe. „Hoffentlich entscheidet das Bundesverfassungsgericht noch rechtzeitig vor weiteren Sportwaffenmorden“, sagt Roman Grafe, der Sprecher der Initiative.

Die Waffenbesitzer aber haben sich ihrerseits gegen Restriktionen im Waffenrecht mit einer Verfassungsbeschwerde an Karlsruhe gewandt. Umfassender Schutz, wie von den Opferfamilien verlangt, sei „weltfremd“, argumentieren sie.

Die Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen“ aber lässt nicht locker. Sie veröffentlicht erstmals eine Liste mit Opfern tödlicher Sportwaffen, darunter der Amoklauf einer Rechtsanwältin in Lörrach, die ihren Sohn und ihren Ex-Mann tötete die Sportschützin aus Plochingen, die ihren Mann vor den Augen ihrer Kinder mit einer legalen Waffe erschoss oder der aktuelle Sportschützenmord durch einen psychisch Kranken bei Genthin. 22 Todesopfer waren es nach Angaben der Initiative seit April 2009 – und damit mehr, als bei dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen ums Leben kamen. „Allein in den vergangenen zehn Jahren haben Sportschützen im privaten Umfeld mehr Menschen erschossen als bei Schulmassakern in Erfurt und Winnenden zusammen“, heißt es in einer Erklärung. „Bis heute missachten politisch Verantwortliche die ausdrückliche Bitte der Hinterbliebenen, das deutsche Waffengesetz endlich wirksam zu verschärfen und tödliche Schusswaffen in privaten Haushalten zu verbieten.“

Die Initiative fordert ein Verbot tödlicher Sportwaffen, egal welchen Kalibers. Es sei „nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Katastrophe infolge des noch immer laschen deutschen Waffengesetzes geschieht“. Wenn sich die Innenminister der CDU-geführten Bundesländer morgen in Stuttgart mit dem neuen Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) treffen, steht die europäische Flüchtlingspolitik, Vorratsdatenspeicherung sowie die Stärkung der Öffentlichkeitsbeteiligung bei Großprojekten auf der Tagesordnung. Nicht aber das deutsche Waffenrecht. Zwei Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden meint die Politik, ausreichend Schlussfolgerungen gezogen zu haben.

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