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Baden-Württemberg Tiere geben ihr Halt

Neunjährige Lynn findet Erholung in Tannheim. SÜDKURIER-Aktion für die Nachsorgeklinik

Am meisten freut sich Lynn auf die Meerschweinchen daheim. Sie hat sie zwei Monate lang nicht gesehen, denn ihre Reha in Tannheim mit den Eltern Bernadette Mayer-Reusch und Udo Mayer wurde um vier Wochen verlängert. Der Tumor in der Wirbelsäule der Neunjährigen war wieder gewachsen. Sie kann darum nicht mehr laufen, braucht Schmerzmittel und sitzt im Rollstuhl. „Aber ich kann reiten!“ Dieses kleine Wunder wollte sie den Lesern erzählen. Ihre wichtigste Nachricht formuliert die mutige Amazone so: „Tannheim soll bleiben für alle, die es brauchen.“

Die Familie lebt nur einen Steinwurf von der Klink entfernt im Stadtbezirk Pfaffenweiler. Trotzdem wähnt sie sich weit weg, „wie auf einem anderen Stern“, sagt die Mutter. Zu dritt skizzieren Eltern und Tochter den zurückliegenden Klinik-Marathon, der im Mai 2013 mit der Diagnose in Villingen-Schwenningen begann, in der Uni-Klinik Freiburg fortgesetzt wurde und in die enge Kooperation mit der dortigen Hospizbewegung mündete.

Die sehr seltene Hirntumor-Variante wurde spät erkannt, acht Monate nach den ersten Symptomen – Schmerzen in der Brust. Dorthin hatten sich Zellen des bösartigen Primärtumors ihren Weg gebahnt und im Bereich der Brustwirbel ein erstes Geschwür gebildet, das teilweise herausoperiert werden konnte. Chemo- und Strahlentherapie sollten Reste zerstören und weiteres Wachstum verhindern. Auf Etappensiege folgten herbe Rückschläge, im Mai 2014 hatte sich ein zweiter Tumor an der Lendenwirbelsäule gebildet.

Die Torturen von Untersuchungen, Behandlungen und Nebenwirkungen ertrug Lynn mit heldenhafter, gar heiterer Gelassenheit. In der dunklen, lauten „Röhre“ habe sie sich meist Hörbücher von „Pumuckel“ herausgesucht. So vergaß sie die Angst in der einsamen Stunde während der Kernspintomografie. Die Eltern wohnten wochenlang im Elternhaus beim Freiburger Klinikum, nahmen Urlaub, wurden mit eigenen psychosomatischen Symptomen krankgeschrieben, wichen nicht von der Seite der Tochter. „Unsere Arbeitgeber waren sehr verständnisvoll, dafür danken wir.“ In Absprache mit den Freiburger Experten bemühten sich die Eltern auch um Ergänzung der Schulmedizin; drei Wochen lang wurde Lynn in einer Naturheilklinik behandelt.

Der untere Tumor wurde kleiner, der obere wuchs wieder. Im Juli wurde erst das rechte Bein gefühllos, im August das linke. Das Hospiz-Team und die Uni-Klinik Freiburg hatten die Idee zu einer Reha in Tannheim. Hier kann Lynn nicht geheilt werden, aber sich von den Strapazen erholen und an das Leben im Rollstuhl gewöhnen. Alle drei lösten sich nur allmählich aus monatelanger seelischer und körperlicher Verspanntheit. Lynn wollte die Klinik nach vier Wochen „auf keinen Fall“ verlassen, die Eltern hatten Angst vor zu Hause. „Wir waren noch nicht so weit und brauchten die Verlängerung.“ Die Zeit in der Nachsorgeklinik beschreibt Bernadette Mayer-Rensch als „Traum“, Ehemann und Tochter pflichten lebhaft bei.

Das Pferd trägt sie spielend

Lynn liebt ihre Schildkröten-Gruppe, erzählt von ausgelassenen Tänzen, bei denen neue Freundinnen ihren Rollstuhl drehten. Die Schule mache Spaß, die „Physio“ mit warmen Tüchern auf dem schmerzenden Rücken sei toll. Doch am tollsten sei die Hippotherapie. „Sie lupfen mich aufs Pferd, am liebsten auf Magic, und dann reite ich,“ fasst Lynn das Wunder ihrer Bewegung zusammen und lächelt zufrieden. Wie sie ohne Beinkraft Halt im schaukelnden Rhythmus findet, kann sie selbst nicht erklären. „Ich sitze einfach auf dem Po und lasse mich tragen.“Das Gefühl, getragen zu werden und bestens aufgehoben zu sein, genießen auch die Eltern. Wie nah beide „an der Kante“ waren, sei ihnen erst in Tannheim bewusst geworden. „Wir waren am Boden, völlig fertig. Hier wird dir so vieles abgenommen und du darfst tun, was dir guttut.“ Die Mutter nennt ausgedehnte Waldspaziergänge als Beispiel, der Vater „Gespräche unter Männern“. Das beglückendste Erlebnis beschreiben beide gleich: „Unser Kind wieder lachen zu sehen. Jetzt können wir in unser Leben zurückkehren.“Lynn guckt die Eltern verschmitzt an, als sie das hört. Das bestätigt die Vorfreude auf daheim, auf die Meerschweinchen und auf den Weihnachtsbaum. Doch wie schön wäre es, wenn ihr das Christkind einen Hund schenken könnte! „Für ein Pferd haben wir keinen Platz, aber für ein kleines Hündchen zum Knuddeln und Liebhaben schon…“ Der liebevolle Blick der Eltern lässt offen, ob sie den Wunsch für erfüllbar halten. Doch er verrät weihnachtliche Zuversicht.

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