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Baden-Württemberg Stress-Experte: „Wir brauchen Strategien“

Zunehmender Stress im Berufsleben kann krank machen. Das bestätigt auch der Arbeits-Psychologe Tim Hagemann

Was ist für Sie Berufs-Stress?

Stress tritt dann auf, wenn ich anspruchsvollen Tätigkeiten begegne, mir selbst aber nicht sicher bin, ob ich diese Aufgabe auch bewältigen kann, zum Beispiel weil ich nicht genug Zeit habe oder weil ich mir nicht sicher bin, ob ich den Ansprüchen genüge oder genug Unterstützung von Kollegen kekomme.

Ist denn Stress messbar?

Ja, Stresshormone lassen sich sehr einfach etwa im Speichel und im Blut messen. Stress ist auch durch die Erhöhung der Herzrate, Bluthochdruck oder durch Verspannung insbesondere der Rückenmuskulatur oder durch ein verändertes Atmungsbild messbar.

Stress ist also kein Phänomen der Moderne?

Über diesen Mechanismus verfügt jedes Säugetier. Stress bereitet uns auf eine schwierige Situation vor. Stress erhöht letztlich die Herzrate und sorgt dafür, dass das Blut in die Muskulatur gepumpt wird. Damit fließt weniger Blut in den Magen-Darm-Trakt, und auch die Funktion des Immunsystems wird heruntergefahren. Damit schaltet der Körper um auf den Modus: alle Kräfte zur Bewältigung der Herausforderung bereitstellen!

Stress ist evolutionsbedingt eine positive Eigenschaft?

Ja, das ist der alte Kampf- oder auch Fluchtreflex. Wenn wir ruhig liegen, können wir auch besser verdauen, wenn wir einer Gefahr ausgesetzt sind, fährt der Körper sofort hoch und lässt uns leistungsfähiger sein.

Und welche Gesundheitsschäden kann Stress anrichten?

Problematisch ist es, wenn ich es nicht schaffe abzuschalten und über lange Zeit diese Stresshormone ausschütte. Da ist der Mensch in einer besonderen Situation, dass er sich Kraft seiner Gedanken stressen kann. Wenn ich abends nicht abschalte und Arbeitsprobleme mit nach Hause nehme, hab ich auch nachts im Schlaf einen erhöhten Blutdruck. Damit wächst die Gefahr von Bluthochdruck, Herzinfarkt, Gehirnschlägen, und es steigt die Wahrscheinlichkeit, an allen möglichen Erregern zu erkranken. Das belegen auch Tierversuche.

Bestätigt die neue Stress-Studie auch Ihre wissenschaftlichen Ergebnisse?

Ja, ein wichtiger Punkt, der in der Studie angesprochen wird, ist der Zeitdruck und vor allem die häufigen Unterbrechungen während der Arbeit. Wir haben noch nicht gelernt, auf die neuen Kommunikationsmöglichkeiten angemessen zu reagieren. Zum einen wird eine neue Arbeitsumwelt geschaffen, die uns ständig reagieren lässt. Zum anderen werden wir Opfer unserer eigenen Neugier. Wenn der Briefbote fünfmal am Tag zu uns käme, würden viele von uns auch fünfmal am Tag an den Briefkasten gehen. Bei E-Mails und SMS reagieren wir ähnlich. Es ist also auch eine Frage des Selbstmanagements. Auf die Arbeitswelt bezogen heißt das: Eine Abteilung, ein Unternehmen sollte sich zusammensetzen und überlegen, wie man sich aufstellt, um eine Kultur zu entwickeln, wie man sich weniger Arbeitsunterbrechungen und Störungen schafft.

Sie sehen auch den Arbeitgeber gefordert, wenn er die Leistungen seiner Mitarbeiter auch abrufen will?

Ja, es gibt viele dramatische Studien, die aufzeigen, dass diese ständige Unterbrechung und das geforderte Multi-Tasking die Leistungsfähigkeit erheblich einschränkt. Nehmen Sie eine bekannte Studie, die das Aufrufen von E-Maildaten der Mitarbeiter ausgewertet hat. Wenn Sie das auf einen langen Arbeitstag hochrechnen, haben Sie ständig neue Unterbrechungen. Sie brauchen eine gewisse Zeit, um wieder in den Arbeitsfluss hineinzukommen.

Was tun Sie persönlich, um Stress abzubauen?

Ich habe Zeiten, in denen ich mich ganz bewusst offline setze. Wichtig ist aber auch, Tage gut zu strukturieren, sich nicht treiben zu lassen und auf jede Störung sofort zu reagieren. Wichtig ist, dass man nicht nur reagiert, sondern auch verstärkt wieder agiert.

Hat der Mensch eine Chance, sich in der Arbeitswelt an die Revolution der neuen Medien zu gewöhnen?

Neulich hab ich eine Karikatur gesehen, die im Zuge der Frankfurter elektronischen Funkausstellung Ende des 19. Jahrhunderts entstand. Da sah man einen Menschen mit fünf Telefonhörern, die Haare standen ihm zu Berge und er litt unter Neurasthenie – damals Burn-out. Die Gesellschaft dachte damals bei der Erfindung des Telefons, dies würde uns in den Wahnsinn treiben. Insofern habe ich gute Hoffnung. Aber wir dürfen das nicht auf uns zukommen lassen, sondern wir müssen Strategien entwickeln.

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