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Baden-Württemberg Sarah findet spielerisch ins Leben zurück

Die kleine Patientin versucht, in der Nachsorgeklinik Tannheim ihre Erlebnisse zu verarbeiten

Warum sie in Tannheim ist und wie es hier gefällt? Sarah Prikowitsch hat jetzt keine Zeit, solch blöde Fragen zu beantworten. Sie muss sich um den kranken Bären kümmern, ihr Lieblingstier in der plüschigen Menagerie der Abteilung für Heilpädagogik. Sie wird in der familienorientierten Nachsorgeklinik Patienten- und Geschwisterkindern mit Verhaltens- und Entwicklungsauffälligkeiten sowie sozialen Schwierigkeiten angeboten. Die neunjährige Wienerin kam mit Downsyndrom und Herzfehler zur Welt, vor drei Monaten wurde eine Chemotherapie gegen Leukämie abgeschlossen. „Im Rollenspiel zeigt und verarbeitet sie Ängste, die sie verbal kaum artikulieren kann“, beschreibt Heilpädagogin Natalie Jakober den für Sarah wichtigsten therapeutischen Aspekt.

Die Patientin hat einen von acht Einzelplätzen in der Heilpädagogik, während Geschwister in der Regel in drei- bis fünfköpfigen Gruppen betreut werden. Bei aller Unterschiedlichkeit familiärer und krankheitsbedingter Konstellationen ähnelten sich die Reaktionen der Kinder auf die extremen Erfahrungen mit Isolation in der Klinik, Traumatisierung durch Reanimation, Narkosen, schmerzhafte Eingriffe, Trennungs- und Verlustängsten. „Wegen ihrer Erlebnisse wirken sie oft älter als sie sind“, sagt Natalie Jakober. Die klassische Methode der Heilpädagogik sei das Rollenspiel mit Handpuppen oder Kasperlefiguren, in deren Gestalt die vier- bis 16-jährigen Schützlinge ausdrücken, was sie nicht sagen können. Manche entscheiden sich für starke und gefährliche Tiere wie Hai, Drache und Löwe, andere für einen schwachen Hamster, der beschützt werden muss.

Beim Spiel auch in der Ritterburg oder im Puppenhaus gebe es stets die Guten und die Bösen. Der Tod sei oft ein Thema, aber meist nur von vorübergehendem Interesse. „Sie spielen Sterben und legen sich auf den Boden. Aber das wird schnell langweilig.“ Großer Beliebtheit insbesondere bei jüngeren Patienten erfreuten sich Doktorspiele. „Sie verstehen nicht, was mit ihnen passierte und übernehmen gern die mächtige Arztrolle.“ Dann können sie das Geschehen bestimmen, so wie Sarah, die sich – mittlerweile in der Obhut von Praktikantin Judith Vermorel – liebevoll um den kranken Bären kümmert.

Sarah hatte eine gut behandelbare Variante von Leukämie, ihr korrigiertes Herz ist stabil, ihre Prognose gut. Gleichwohl erschwert das Downsyndrom die kognitive Verarbeitung monatelanger Chemotherapie mit stationären Klinikaufenthalten. Sie ist mit ihrer alleinerziehenden Mutter aus Österreich angereist und soll lernen, sich auszudrücken. „Sie versteht alles, aber sie spricht wenig.“ Sarah trägt Mundschutz und Handschuhe, während sie mit ernster Miene die Herztöne an der Teddy-Brust abhorcht. Plötzlich springt sie auf und hüpft die Treppe von der kuscheligen Spielebene unterm Dach hinunter. „Blut! Schnell, wir brauchen Blut“! Diensteifrig organisiert „Krankenschwester“ Judith ein paar dicke „Spritzen“, die die „Frau Doktor“ fachgerecht injiziert und den kranken Bären zärtlich streichelt und tröstet. Das eifrige, selbstvergessen spielende Mädchen ist ein Sonnenschein, das Lebensfreude und Zuversicht ausstrahlt.

Nicht alle Kinder sind so zugänglich, erzählt die Heilpädagogin. Körperlich gesunde Geschwister seien typischerweise ruhig, eher schüchtern, daran gewöhnt, ständig Rücksicht zu nehmen und selbst zu kurz zu kommen. Diese „Schattenkinder“ machten sich Sorgen um kranke Brüder und Schwestern, könnten sich schlecht konzentrieren, schulische Probleme seien die Folge. Die haben oft auch die jungen Patienten wegen langer, unfreiwilliger Pausen vom Unterricht. Manche reagieren im Spiel ihre Wut auf die chronische Erkrankung ab und stellen sich als Opfer dar. „Wir müssen alle Kinder auffangen, damit sich Ängste und Probleme nicht manifestieren.“

Die individuellen Schwierigkeiten und Therapieziele werden zu Beginn der heilpädagogischen Einzeltherapie mit Psychologen, Sozialarbeitern und mit den Eltern besprochen; beim Abschlussgespräch stehen Veränderungsmöglichkeiten und pädagogische Ratschläge im Mittelpunkt. „Manchmal kann ein Box-Sack im Kinderzimmer helfen, Aggressionen abzubauen“, nennt Natalie Jakober einen praktischen Tipp. Häufig gehe es um mehr erzieherische Konsequenz („kranke Kinder werden gern verwöhnt“), um Regeln für alle und eigene Rechte auch für die gesunden, ständig besorgten und zugleich eifersüchtigen Geschwister. „Es könnten eigene Papa- und Mama-Stunden eingeführt werden, damit kein Kind zu kurz kommt.“

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