Baden-Württemberg SWR-"Elefantenrunde": Einen klaren Sieger gibt es nicht

Vor der Landtagswahl am Sonntag bleibt es spannend. Die Spitzenkandidaten trafen sich am Donnerstagabend zur SWR-Fernsehrunde. Dabei sorgte die Flüchtlingskrise für eine hitzige Debatte im Studio. In der anschließenden Analyse-Runde nahm auch SÜDKURIER-Korrespondentin Gabriele Renz teil.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind ungewöhnlich hoch vor dem SWR-Funkhaus in Stuttgart. Hans-Ulrich Rülke (FDP) ist der Erste, der in die Maske kommt, daraufhin erscheint Jörg Meuthen (AfD), schließlich Guido Wolf (CDU). Zum Gruppenbild kurz vor der Sendung gesellen sich noch Winfried Kretschmann (Grüne), Nils Schmid (SPD) und Bernd Riexinger (Linke). Bevor es richtig losgeht mit der Elefantenrunde, die an dem kreisrunden Tresen eine buchstäbliche ist, ziehen sich Kretschmann und Schmid kurz zurück. Jeder der Anwesenden weiß: Auf der Zielgeraden werden Sieger geboren – das gilt vor allem diesmal, wo das Rennen um das Landesparlament spannend ist wie selten zuvor.

Video: Die Runde mit den Spitzenkandidaten

Video: Analysen und Meinungen mit SÜDKURIER-Korrespondentin Gabriele Renz

3:0 für eine europäische Lösung beim Thema Flüchtlinge

Um 20.15 Uhr schließlich der Gong. „Das sind die Spitzenkandidaten, die nach unserer Meinung in die Runde gehören“, kündigt SWR-Moderator Clemens Bratzler bei der Vorstellungsrunde an. Und schon geht es los mit dem Thema Flüchtlinge. Rülke wiederholt seine Merkel-Kritik. Kretschmann erinnert geradezu leidenschaftlich an die „Krise hinter der Krise“. Wolf merkt an, es reiche nicht, die Kanzlerin zu loben, man müsse sie auch unterstützen. Schmid sagt, die Union lässt die Kanzlerin hängen. Co-Moderatorin Stephanie Haiber bilanziert „3:0 für eine europäische Lösung“, dann darf Meuthen sich gegen den Vorhalt wehren gegen Frauke Petrys Wort vom Schießbefehl. Und schon war man mittendrin in der Beschäftigung mit den rechtspopulistischen Äußerungen und Verfehlungen von AfD-Politikern. Eine Viertelstunde geht das so, viel Neues ist nicht zu hören. Kretschmann mahnt: „Sie müssen Verantwortung übernehmen!“ Wolf mahnt, man möge über Landesthemen, nicht nur über die AfD sprechen.

Und er schiebt nach, er vermisse Distanzierungen Meuthens vom rechtsradikalen Saum. So sieht das auch das Publikum im Studio, dafür gibt es Applaus. Und trotzdem geht es immer weiter, nur um dieses eine Thema. Die Netzgemeinde spricht von einem „Konjunkturprogramm für die AfD“.

"Schaffen wir das?" ist eine Art Leitthema der Sendung

Wochenlang debattierten Politik und Medien in Baden-Württemberg über den richtigen Umgang mit der AfD und die anfängliche Weigerung von Kretschmann und Schmid, mit dem AfD-Vertreter in dieser SWR-Runde zu diskutieren. Bratzler thematisiert dies. Nun haben die Spitzenkandidaten schon mehrfach auf einer Bühne gestanden. Im Studio aber kocht die Stimmung hoch. Schmid wird deutlich: „Sie sind Vertreter einer rechtsradikalen Partei.“ Kretschmannn kritisiert die Methode Meuthens, da zeigt der Uhrzeiger schon die 25. Sendeminute. Nach einer halben Stunde ist die etwas konfuse Runde noch immer mit Flüchtlingen befasst und schwenkt allmählich auf Integration, den sozialen Wohnungsbau und die Innere Sicherheit.

„Schaffen wir das?“ ist eine Art Leitthema der Sendung. Das Thema überforderte Polizei provoziert eine Reihe von Zahlennennungen, die auf die Schnelle nicht geprüft werden können. Bratzler weist deshalb auf den ab heute unter swr.de stehenden Faktencheck hin. Da geht es auch schon wieder rund, alle reden gleichzeitig. Rülke sticht zur Unterstreichung seiner Worte mit spitzem Finger auf Schmid. „Nehmen Sie den Finger da weg!“, wehrt sich dieser.

Nach einer Stunde kommt die Runde aufs eigentlich zentrale Thema Bildungspolitik. Riexinger appelliert, die bescheidenen Bildungserfolge durch längeres gemeinsames Lernen nicht abzuwürgen. Wolf und vor allem Meuthen beklagen mangelnde Qualität, so dass Rülke auf einmal die baden-württembergische Schullandschaft in Schutz nimmt gegen die AfD-Attacke. Beim Verkehrsthema gerät der grüne Minister Winfried Hermann ins Visier. Kretschmann verteidigt unter Applaus des Studiopublikums die Priorität Sanierung vor Neubau von Straßen als „Gebot der praktischen Vernunft“. Viele Zahlen werden genannt, Wolf verliert sich in Millionenbeträgen. Wieder ein Fall für den Faktencheck.

Elefantenrunde kann wahlentscheidend sein

So kurz vor der Wahl ist es das letzte Aufeinandertreffen der Kontrahenten, was das Durcheinander und die leidenschaftlichen Einlassungen begründen könnte. Die Strapazen des Wahlkampfes sind keinem der Teilnehmer anzusehen, jeder bündelt noch einmal Kräfte. Zu Recht: „Bei einem knappen Wahlausgang, bei dem es am Ende auf wenige tausend Stimmen ankommen kann, kann alles wahlentscheidend sein – auch die Elefantenrunde“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider. „Die Elefantenrunde ist auch deshalb so bedeutend, weil sie kurz vor der Wahl stattfindet und viele Menschen noch unentschieden sind.“ Solche Runden würden auch von jenen Menschen angesehen, die sich bislang noch nicht intensiv mit dem Wahlkampf beschäftigt hätten. „Ihnen bietet sich die Möglichkeit, die Positionen und das Auftreten der Kandidaten direkt miteinander zu vergleichen“, meint der Wissenschaftler.

Deshalb umweht ein solches Forum immer ein Hauch von Box-Ring-Atmosphäre: Wer machte die Punkte? Wer geriet in die Defensive? Die Frage ist nach Meinung der Studiogäste, die freilich zum großen Teil aus Fangruppen der jeweiligen Kandidaten bestehen, nicht zu beantworten nach eineinhalb Stunden Elefantenrunde.

Um mögliche Koalitionen geht es dann ganz am Schluss. Wer mit wem? Wolf wiederholt seine Ablehnung von Grün-Schwarz nicht, Rülke pocht auf einen Politikwechsel, Schmid will weitermachen, Kretschmann ebenso, aber er plädiert auch für Offenheit. „Irgendjemand muss das Land ja regieren!“ Moderator Bratzler resümiert etwas achselzuckend: „Das wird schwierig nach der heutigen Diskussion.“

Und was sagt der Experte? „Es gibt keine Wechselstimmung im Land“, meint der Tübinger Politologe Hans-Georg Wehling. Aber er sagt auch: Wenn die SPD bei einem zwar verbesserten, aber immer noch blamablen Ergebnis bleibe, werde Parteichef Nils Schmid die Konsequenzen ziehen müssen, prognostiziert Wehling. Bei der CDU werde aller Voraussicht nach Spitzenkandidat Guido Wolf zum Sündenbock für ein schlechtes Resultat gemacht. „Wolf muss damit rechnen, das schwarze Schaf zu werden.“

Woher kommt die sogenannte Elefantenrunde?

Bereits Willy Brandt forderte als SPD-Kanzlerkandidat vor der Bundestagswahl 1969 Amtsinhaber Kurt Georg Kiesinger zu einer Fernsehdebatte heraus. Doch der lehnte ebenso ab wie der Fernsehsender.

Geboren aus der amerikanischen Polit-Kultur, gehören politische Gesprächsrunden vor Wahlen inzwischen auch in Deutschland zum Standard-Programm – bislang waren es aber vor allem Bundestags-Wahlen, die die Nation vor den Fernseher lockten. Die so genannte Elefantenrunde wird aber langsam auch auf Landesebene Teil des Wahlkampfs. Schon vor der Landtagswahl 2011 lud der SWR zu einer Elefantenrunde. Das Fernsehduell fand damals zwischen dem Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) und dem SPD-Kandidaten Nils Schmid statt – Winfried Kretschmann war nicht eingeladen. Ihm rechnete der SWR keine Chancen auf das Ministerpräsidenten-Amt aus.

Der Begriff „Elefantenrunde“ spielt auf die „Schwergewichte“ der Parteien ab, die an diesen Runden teilnehmen.

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