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Baden-Württemberg Nachsorgeklinik: Tannheim geht neue Wege

Einrichtung plant Bau von Appartements

Es ist bedrückend: Die familienorientierte Nachsorgeklinik Tannheim ist zu hundert Prozent ausgelastet. Sie genießt bundesweit einen exzellenten Ruf bei Familien mit schwerst chronisch kranken Kindern, die lebenslang therapieaufwendig und „teuer“ bleiben. Diese Kinder sind zum Beispiel herz- oder krebskrank. Oder sie leiden an Mukoviszidose. Das Haus Tannheim bleibt existenziell auf Spenden angewiesen – für Investitionen gibt es keine Zuschüsse, die Pflegesätze decken den laufenden Kostenbedarf nicht. Aus Überzeugung von der guten Sache startet der SÜDKURIER erneut eine Spendenkampagne. Ziel ist ein Anbau mit Einzelzimmerappartements für ältere Jugendliche und junge Erwachsene.

„Wir müssen mit unserer Klientel mitgehen“, skizziert Geschäftsführer Roland Wehrle den demografischen und medizinischen Hintergrund. Zum einen ändern sich die Familienstrukturen und Bedürfnisse. Es kommen immer mehr Alleinerziehende und Ehepaare mit nur einem Kind. Zugleich steigt die Lebenserwartung der chronisch kranken Patienten dank medizinischer Fortschritte seit Jahren konsequent. Immer mehr an Mukoviszidose erkrankte Kinder, die noch vor 30 Jahren kaum die Pubertät erreichten, werden inzwischen 40 Jahre alt und älter. Auch die Prognosen von jungen Herz- und Tumorpatienten haben sich extrem verbessert.

Doch als junge Erwachsene wollen und sollen sie nicht mehr mit ihren Geburtsfamilien therapiert werden, dann ist im Gegenteil Ablösung das Thema, Hilfestellung im Bemühen um Eigenständigkeit gefragt. „Wir brauchen mehr Single-Appartements“, lautet für Wehrle die Konsequenz. Sechs solcher Einzelzimmer sollen im geplanten Anbau zwischen Haupt- und Mitarbeiterhaus geschaffen werden, außerdem vier behindertengerechte Appartements für kleinere Familien, für betreute Kurzferien, ambulante Nachsorge, Seminare und auch Begegnungsfreizeiten. Geplant sind zudem ein ärztliches Dienstzimmer und auch drei Therapieräume.

Die Kosten des Anbaus werden auf 1,7 Millionen Euro geschätzt. Laut Wehrle ist er unverzichtbar, um Unterbelegung in den Zwei-, Drei- und Vierbett-Zimmern auszugleichen und sich gesellschaftlichem Wandel und medizinischem Fortschritt anzupassen. Wichtigster Finanzierungspartner sind die Leser des SÜDKURIER, die fast 430 000 Euro im vergangenen Jahr gespendet haben. Staatliche Hilfe gibt es nicht. Auch die „Deutsche Kinderkrebsnachsorge – Stiftung für das chronisch kranke Kind“ will einige Rücklagen zur Verfügung stellen.

Der Neubau bedeutet keine Ausweitung der Bettenkapazität, sondern eine konzeptionelle Erweiterung, betont Wehrle. „Wir möchten junge Menschen in ihre neue Zukunft begleiten und ihnen die notwendigen medizinisch-therapeutischen, aber auch berufsorientierenden Maßnahmen zukommen lassen.“ Die Nachsorgeklinik sei eine von bundesweit wenigen „Inseln“, die schwerst kranken Kindern von der Geburt bis ins Erwachsenenalter eine bedarfs- und indikationsgerechte Behandlung biete.

Zentrale Herausforderung seien die Übergänge von der Kinder- in die Jugend- und Erwachsenen-Medizin. Ein Problem für sich sei ein eklatanter Mangel an Fachpersonal, das sich auch mit längerem Verlauf und Spätfolgen von kindlichen Herzfehlern, Mukoviszidose und Krebserkrankungen auskennt. „Wir brauchen dringend einen Kinderkardiologen und einen Kinderarzt mit Mukoviszidose-Erfahrung.“ Experten seien rar, die meisten bevorzugten Arbeitsplätze in Großstädten.

Das Problem vieler Kliniken

Als „eigentlichen Skandal“ beschreibt der Geschäftsführer die seit Jahren beklagte Differenz zwischen Pflegesätzen und Kostenbedarf. Sie habe sich seit 1997 auf 20 Prozent aufgehäuft, weil sich die Kostenträger an der gesetzlich vorgesehenen Grundlohnsumme orientieren. Die Klinik Tannheim habe die tariflichen Erhöhungen nachvollzogen, doch die Pflegesätze seien nicht angepasst worden. „Das Problem haben alle Reha- und viele Akutkliniken. “Trotz mehrfach zertifizierter Effizienz und Qualität ihrer Arbeit in therapeutischer, aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht fehlten der Klinik jährlich rund 650 000 Euro an nötigen Betriebsmitteln. Dieses klaffende Loch müsse ebenfalls durch Spenden gestopft werden. „Es ist grotesk und deprimierend. Die Politik muss endlich gemeinsam mit den Kranken- und Rentenversicherungen nach einer Lösung suchen, um die Patientenversorgung langfristig zu sichern.“Die lebensbedrohliche Krankheit der Kinder, ihr Kampf ums Überleben, um eine bessere Lebensqualität belastet auch die Mitarbeiter enorm. Vor diesem Hintergrund ist bei vergleichsweise bescheidener Bezahlung die Leistungsbereitschaft und Motivation der Belegschaft in Tannheim umso höher zu bewerten. „Unsere Leute sind treu und extrem engagiert. Sie lassen sich täglich auf schwere Schicksale ein und geben ihr Bestes.“ Dies im Bewusstsein, dass ihre Leistungen teilweise von mitfühlenden Bürgern erbettelt werden müsse: „Dies ist kein schönes Gefühl.“Nach Wehrles Überzeugung ist die Rehabilitation schwerst kranker Patienten ein öffentlicher Auftrag, den sich die deutsche Wohlstandsgesellschaft leisten müsse und es auch könne. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung sind von jährlich einer Million Rehas 35 000 für Kinder und Jugendliche bestimmt. Von denen wiederum macht die kränkeste Klientel wie die in Tannheim nur einen Bruchteil aus. Ihre Betreuung sei keine Freiwilligkeits-, sondern eine Pflichtleistung. „Kinder sind schließlich unsere Zukunft.“ Im Übrigen habe sich die familienorientierte Nachsorge auch volkswirtschaftlich bewährt: „Die Eltern kehren nach einer Krise schneller ins Berufsleben zurück und bleiben darin länger verhaftet.“

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