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Baden-Württemberg Nachsorgeklinik Tannheim: Isra geht ihren Weg

SÜDKURIER-Spendenaktion: Die 19-jährige ist dabei, ihren Krebs zu besiegen. Und sie ist glücklich über den Austausch mit anderen jungen Patienten in Tannheim

Sie sieht aus wie eine zweite Nofretete, die schöne ägyptische Pharaonenfrau. Ihre österreichische Sprachfärbung bildet dabei einen charmanten Kontrast. Isra Ismail ist 19 Jahre alt, in Wien geborene Ägypterin, die bis kurz vor Weihnachten eine Jugend-Reha in Tannheim absolvierte. Die stolze und zugleich schüchterne junge Frau sollte nach der Entfernung des Unterschenkelknochens, den ein Osteosarkom zerfressen hatte, wieder aufgebaut werden.

Zum Gesprächstermin erscheint sie schön wie ein Engel, die nachwachsenden Haare mit frecher Mütze bedeckt, als gläubige Muslimin trägt Isra Ismail ohnehin ständig eine Kopfbedeckung. Jetzt will sie zudem nicht das Stigma der Krebserkrankung preisgeben, will nicht, dass auf dem Presse-Foto ihre Endo-Prothese erahnt und die Schiene am Schienbein erkannt werden kann. „Das geht niemanden etwas an. Es reicht, wenn ich meine Geschichte erzähle.“

Sie begann vor knapp zwei Jahren, Isra lebte unbeschwert, gesund und wohl behütet mit Eltern und den vier Brüdern in Wien, als sie von zunächst leichten Schmerzen unterhalb des Knies irritiert wurde. Die verstärkten sich allmählich, von außen wurde ein Beule sichtbar, bald groß wie ein Tennisball. Eine Biopsie im Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Wien führte zur schockierenden Diagnose: „Ich hatte einen bösartigen Tumor in mir.“

Die Wahl-Wienerin wurde unverzüglich ins Kinderhospital St. Anna überwiesen, eine Chemotherapie veranlasst, die langen Haare fielen aus. Doch das war die nebensächlichste Nebenwirkung der chemischen Keule. Isra litt unter Entzündungen im gesamten Körper, wurde künstlich ernährt, die Chemo musste abgebrochen, die Operation trotz nicht optimaler Verkleinerung des Tumors gewagt werden. Am 9. Januar 2013 wurde der Schienbeinknochen komplett entfernt, doch das Kniegelenk konnte erhalten werden – und es hatten sich keine Metastasen anderswo im Körper gebildet. „Das war mein großes Glück.“ Pech war, das sie drei Monate lang unter starken Schmerzen litt, erneut musste der Chemo-Marathon verkürzt werden, gestoppt auch von bedrohlicher Hirnschwellung. Isras Körper war abhängig von den starken Schmerzmitteln geworden, die Ärzte verordneten sukzessiven Entzug.

Das Jahr 2013 verbrachte Isra fast nur in Akutkliniken und beendete es in Tannheim. Sie entschied sich für die Reha im fernen Schwarzwald, „weil hier nicht nur ältere Leute sind, wie es in Österreich gewesen wäre.“ Das Zusammensein mit Gleichaltrigen, die auch mit einem „Hammer“ leben müssen, sei das „Allercoolste“ gewesen. „Mit denen hier kann man sich austauschen. Wer noch nie so etwas Extremes durchgemacht hat, versteht nicht, was es bedeutet.“ Und dann wäre da noch die Physiotherapie. Als sie ankam im Schwarzwald, konnte Isra nur mit Krücken gehen. Die hat sie nach einer Woche in die Ecke geworfen, übt täglich stur und diszipliniert am neuen Ganganalyse-Gerät, begeistert sich selbst an den Erfolgen und schreitet federnd und aufrecht wie eine Königin durch die Gänge. „Das Gehen hat sich hier krass verbessert.“

Noch mehr fällt ihr ein beim Sinnieren über die Tannheimer Zeit – „das Seelische“. Der äußere Abstand von der gewohnten Umgebung habe auch innere Distanz ermöglicht. „Zu Hause bin ich anders als die anderen. Hier bin ich eine von vielen.“ Sie habe in Tannheim damit begonnen, sich mit dem fortan lebenslangen Handicap abzufinden. „Ich habe ohnehin keine Wahl. Aber hier spürst du, du bist nicht allein und ich konnte es erstmals akzeptieren.“

Isra Ismail feiert Weihnachten nicht, obwohl sie zu dem „vermutlich gleichen Gott wie ihr“ betet. Während der vielen Monate zuvor bat sie Allah vor allem darum, dass er sie von erneutem Aufflackern des Krebses verschonen möge. Neuerdings überwiegt die Dankbarkeit im Gebet. „Dafür, dass ich's wohl überstanden habe.“ Jetzt freut sich die österreichische Ägypterin zwar nicht auf Heiligabend, aber sie kann es kaum erwarten, das Wiedersehen mit ihrer Familie zu feiern und ihre Erfolge vorzuführen. „Alle werden staunen und meinen Gang bewundern.“ Isra freut sich auf das neue Jahr, auf neue Pläne und neue Ziele. „Ich werde meinen Weg gehen. Das habe ich auch dieser Klinik zu verdanken. Das können Sie ruhig so schreiben.“

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