Mein
 

Baden-Württemberg Nachsorgeklinik Tannheim: Das Glück am Zügel greifen

SÜDKURIER-Spendenaktion: In der Nachsorgeklinik Tannheim finden Tobias und seine Mutter ihren Halt bei der Pferdetherapie

Der mimische Kontrast kann kaum größer sein: Als Tobias Ortlepp aus dem Rollstuhl gehievt, in einen Lift befördert wird und über dem Pferderücken schwebt, verzieht er sein Gesicht und schreit vor Schmerzen. Er leidet an spastischen Lähmungen und Verkrampfungen, das ungewohnte Spreizen seiner Oberschenkel tut weh. Nach der ersten Runde auf Magic, eines von sechs Therapiepferden der Nachsorgeklinik Tannheim, ist der 17-Jährige wie verwandelt. Er strahlt und gluckst vor Freude, sein zuvor steifer Körper wiegt sich weich in das Schaukeln des Pferderückens hinein. Kein Zweifel: Tobias ist glücklich.

Die eigentliche Patientin ist seine alleinerziehende Mutter Birgit Ortlepp. Die 46jährige hat eine chronische Lungenerkrankung. Tobias kam als „Frühchen“ zu Welt, erlitt eine Gehirnblutung und ist seither geistig und körperlich mehrfach behindert. Die 13jährige gesunde Tochter Theresa komplettiert die Familie aus Sachsen-Anhalt, die erstmals in Tannheim ist. Hauptziel ist die Stabilisierung der geschwächten Lunge Birgit Ortlepps. Sie sei dankbar für die Chance, sich einmal auf sich selbst konzentrieren zu dürfen und dabei die Kinder nicht nur in guter Obhut, sondern auch individuell gefördert zu wissen. „Was mit Tobias auf diesen Pferden passiert, ist ein Wunder.“

Der Junge konnte noch nie in seinem Leben aus eigener Kraft gehen und hatte noch nie zuvor zu Pferden Kontakt. Gleich sein erster war ein durchschlagender Erfolg. Nach Überwindung anfänglicher Muskelschmerzen, Scheu vor der Größe der Tiere und Angst vor Höhe ließ sich Tobias auf die neue Perspektive und das Abenteuer hoch zu Ross ein. Er, der gewohnt ist, zu Menschen hoch zu blicken oder nur ihre Hüften zu sehen, schaute plötzlich auf sie hinunter und erhielt erstmals ein Gefühl für rhythmische, lebendige, kraftvolle Bewegung. Seither zieht ihn der Stall magnetisch an. „Magic ist mein Liebling“, sagt er selbstsicher und wühlt seine Finger in die Mähne des achtjährigen Connemara-Wallachs.

Er ist der Stoiker in der kleinen Herde, was ihn für Gedulds- und Nervenproben wie Einsätze mit dem Behinderten-Aufzug prädestiniert, erklärt Arnold Seng, diplomierter Reitpädagoge und Leiter des Therapiestalls. Die je zwei Ponys, Klein- und Großpferde sind alle therapeutisch ausgebildet und werden in ihrer siebentägigen Arbeitswoche von rund 150 Menschen geritten. Sie sind auch bei körperlich gesunden Familienmitgliedern mit und ohne Reiterfahrung sehr beliebt. Jeder Pferdefreund muss vorreiten, damit sein Können eingeschätzt wird. Dann wird entschieden, wer auf wem in der Halle, auf dem Sandplatz oder ins freie Gelände reiten darf; kleine Kinder haben ihren Spaß am klassischen Ponyreiten.

Engagiertes Stallteam

Analog zum breiten Aufgabenspektrum der vierbeinigen Therapie-, Freizeit- und Sportpartner ist auch das zweibeinige Stallteam unterschiedlich qualifiziert: Andrea Mielack ist „Ausbilderin im Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung“ und Carmen Rimbrecht Hippotherapeutin.Besonders verblüffend, laut Seng „manchmal phänomenal“, seien therapeutische Erfolge bei chronisch schwerkranken Kindern und Jugendlichen. „Wenn unsere Mukos im Trab aussitzen und eine aufrechte Haltung aufgebaut haben, löst sich der Schleim in ihrer Lunge fast automatisch und ihre Ausdauer wird spielerisch geschult.“ Ebenso berührend sei der Anblick von amputierten onkologischen Patienten, die auf dem Pferderücken ein vergessenes Gefühl von Vollständigkeit erleben. „Sie erfahren wieder Gleichgewicht und nehmen ihren Körper neu wahr.“ Heilsam für alle Patientengruppen und ihre Familien sei nicht nur das Reiten, sondern schon der Umgang mit den Pferden. „Viele kommen direkt aus der Akutklinik zu uns, wo alles steril und superhygienisch ist. Im Stall dürfen sie sich schmutzig machen, haben Pferdespucke auf der Hand, wenn sie einen Apfel gefüttert haben und finden das klasse.“Wie wohltuend sinnliches Erleben und die Freundschaft zu den großen Tieren sein kann, beobachtet das Stallteam immer wieder auch bei verwaisten Familien. „Sie sind gestresst, erschöpft und unendlich traurig. Wenn sie das weiche Fell berühren oder beim Reiten den warmen Pferdeleib unter sich spüren, werden sie selbst wieder lebendig.“ Die heilsame Wirkung der vierbeinigen Therapeuten auf verletzte Menschenkörper und verwundete Seelen ist laut Seng äußerlich sichtbar – an aufrechtem Gang, freiem Atmen, entspannter Ausstrahlung und am dankbaren Lächeln, mit dem sich die Patienten vom Stallteam verabschieden. „Sie haben eine Menge geleistet, haben Ängste überwunden, Ehrgeiz und Leidenschaft entwickelt. Sie können stolz auf sich sein.“ Unterdessen lässt sich Tobias weiter von dem braven Magic durch die Reithalle wiegen, Carmen und Andrea halten rechts und links seine Beine fest. Zärtlich streichelt der Junge den Pferdehals. Das Leben kann so schön sein.

Regionale Produkte von Bodensee, Schwarzwald und Hochrhein auf SÜDKURIER Inspirationen. Gleich Newsletter abonnieren und sparen!
Erlesene Bodenseeweine jetzt bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Reutlingen
Wahlwies
Stuttgart
Stuttgart
Baden-Württemberg
Stockach
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren